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Wenn der Kriminalfall zur Nebensache wird
In Kristinestad wird eine alte Frau tot aufgefunden. Unterernährt, verwahrlost, offenbar über lange Zeit sich selbst oder anderen überlassen. Ein Fall, der unmittelbar Fragen aufwirft und zugleich ein gesellschaftlich brisantes Thema berührt: den Umgang mit alten Menschen und die Geschäftemacherei, die sich dort entfalten kann, wo Pflege zur Ware geworden ist. Kommissar Mats Bergholm und die Journalistin Eevi Manner kommen bei ihren Ermittlungen erneut zusammen – und damit setzt Kaisu Tuokko auch das Erzählprinzip des ersten Bandes fort. Der Roman folgt abwechselnd Mats und Eevi, ihrer Arbeit ebenso wie ihrem Privatleben.
Genau darin liegt allerdings für mich eine der Schwächen des Buches. Die privaten Einschübe nehmen einen beträchtlichen Raum ein und entwickeln teilweise ein Eigenleben, das mit dem eigentlichen Kriminalfall nur noch lose verbunden ist. Natürlich dürfen Ermittler und Journalisten mehr sein als bloße Funktionsträger einer Handlung. Doch irgendwann stellt sich die Frage, ob die Figuren noch zur Verdichtung des Falls beitragen oder ob der Fall seinerseits nur noch als Anlass dient, immer weitere Lebensgeschichten auszubreiten. Bei „Bereuen sollst du“ kippt das Verhältnis für meinen Geschmack zu deutlich in die zweite Richtung.
Dabei hätte der zentrale Stoff durchaus genügt. Die Altenpflege ist ein Thema von bedrückender Aktualität: private Pflegeheime, hohe Preise, wirtschaftliche Interessen und eine mangelnde Transparenz bei der tatsächlichen Qualität der Betreuung. Gerade weil hier ein gesellschaftlicher Skandal sichtbar wird, hätte der Roman gut daran getan, diesem Kern mehr Vertrauen entgegenzubringen, anstatt ihn mit immer neuen Konflikten zu umstellen. Die Wirklichkeit ist schließlich schon kompliziert genug.
Stattdessen häufen sich die Handlungsstränge. Manche Informationen, die Eevi scheinbar zufällig erreichen, wirken konstruiert, als müsse die Handlung an bestimmten Stellen etwas nachhelfen. Auch die Einbindung des Themas häusliche Gewalt überzeugt nicht immer. Hinzu kommt die Drogenkriminalität, die ebenfalls eng mit dem Geschehen verknüpft wird. Und als wäre damit noch nicht genügend Material vorhanden, rückt schließlich die Familiendynamik um Mats und seinen jüngeren Bruder in den Mittelpunkt. Die schwierige Kindheit der beiden und ihre späteren Folgen sollen den Kommissar als Menschen verständlicher machen. Das ist als erzählerische Absicht durchaus nachvollziehbar, nimmt dem eigentlichen Kriminalfall aber erneut Aufmerksamkeit.
Man kann einen Roman natürlich als großes Geflecht verschiedener Lebens- und Problemwelten lesen. Nur muss dieses Geflecht irgendwann auch tragen. Hier wirkt es eher, als hätte die Autorin zu vielen interessanten Themen nicht Nein sagen können. Jedes einzelne hätte Stoff für einen eigenständigen Roman geliefert; gemeinsam erzeugen sie jedoch weniger Tiefe als eine gewisse Unruhe. Der Leser springt von der Altenpflege zur häuslichen Gewalt, von dort zur Drogenkriminalität und weiter in die Familiengeschichte des Ermittlers. Was zunächst nach erzählerischer Vielfalt aussieht, erweist sich zunehmend als Zerfaserung.
Das ist schade, denn gerade der Ausgangspunkt besitzt eine beklemmende Kraft. Eine alte, verwahrloste Frau wird tot aufgefunden, und hinter diesem Tod könnte eine Gesellschaft sichtbar werden, die ihre Alten zwar teuer versorgt, aber nicht unbedingt gut. Das wäre ein starkes Fundament für einen Kriminalroman gewesen. Tuokko hätte daraus einen konzentrierten, gesellschaftlich aufgeladenen Fall entwickeln können. Stattdessen legt sie immer neue Schichten darüber, bis der eigentliche Kriminalfall unter ihnen beinahe verschwindet.
„Bereuen sollst du“ ist deshalb für mich ein Roman, der sich zu viel vornimmt und gerade dadurch an Spannung verliert. Die Themen sind keineswegs uninteressant, manche sogar ausgesprochen relevant. Aber Relevanz ersetzt noch keine Dramaturgie. Weniger private Verwicklungen, weniger Nebenkriegsschauplätze und mehr Konzentration auf den eigentlichen Fall hätten diesem Kriminalroman gutgetan. Manchmal ist es eben nicht die Fülle, die einen Roman reich macht, sondern die Kunst, auf etwas verzichten zu können.
Meine Bewertung:
Veröffentlicht am 11. September 2026