```

Buchkritik -- Carl-Johan Vallgren -- Deine Zeit wird kommen

Umschlagfoto, Buchkritik, Carl-Johan Vallgren, Deine Zeit wird kommen, InKulturA 1993 wird eine junge Frau tot aus einem Fluss geborgen. Der Leichnam trägt Spuren von Fesselung und Nahrungsentzug, der kahl geschorene Kopf erschwert zunächst jede Identifizierung. Kommissar Björling übernimmt die Ermittlungen und erhält Unterstützung von Johanna, einer Kollegin, die eigens für diesen Fall in die schwedische Provinz entsandt wird. Als wenig später Malin, die Tochter des Kommissars, gemeinsam mit ihrem Freund verschwindet, verwandelt sich die kriminalistische Aufgabe in eine zutiefst persönliche Angelegenheit.

Was zunächst wie ein klassischer Nordic-Noir-Roman anmutet, entpuppt sich bald als das fein gezeichnete Psychogramm zweier Menschen, die ihre Vergangenheit nicht hinter sich lassen können. Björling lebt seit dem Tod seiner Frau in einem Zustand stiller Versehrtheit, während Johanna immer noch an den Verwundungen einer lieblosen Kindheit und den Folgen des Suizidversuchs ihrer jüngeren Schwester leidet. Es sind keine spektakulären Traumata, die Vallgren ausstellt, sondern jene kaum verheilten Risse, die das Denken, Handeln und Fühlen seiner Figuren dauerhaft bestimmen.

Bemerkenswert ist, wie viel erzählerischen Raum Vallgren diesen inneren Landschaften zugesteht. Für einen Thriller ist das beinahe ungewöhnlich. Die Handlung entwickelt sich mit Bedacht, gelegentlich sogar zögerlich, weil sie sich dem Rhythmus ihrer Figuren unterordnet. Doch gerade darin liegt die Stärke dieses Romans. Spannung entsteht nicht allein aus der Frage nach dem Täter, sondern aus der Unsicherheit, ob Menschen, die selbst von ihrer Vergangenheit verfolgt werden, überhaupt noch unvoreingenommen nach Wahrheit suchen können.

Das verlangt Geduld vom Leser, belohnt sie jedoch mit einer psychologischen Tiefe, die im Genre selten geworden ist. Vallgren interessiert sich weniger für den kriminalistischen Mechanismus als für die Narben, die Gewalt hinterlässt, nicht nur bei Opfern, sondern ebenso bei denen, die ihr beruflich begegnen. Die Ermittlungen werden dadurch zu einer Reise in die seelischen Dunkelkammern aller Beteiligten.

So verschiebt sich der eigentliche Schwerpunkt des Romans fast unmerklich. Der Kriminalfall bildet den erzählerischen Anlass, doch eine endgültige Gewissheit verweigert Vallgren seinen Lesern. Zwei Verdächtige geraten in den Fokus, belastbare Beweise aber fehlen. Nicht die Auflösung des Falls bildet den eigentlichen Schlusspunkt, sondern die Erkenntnis, dass manche Wunden tiefer reichen als jede kriminalistische Wahrheit.

„Deine Zeit wird kommen‟ besitzt deshalb die stille Sogkraft eines Romans, der seinen Lesern mehr zutraut als bloße Nervenkitzel. Vallgren erzählt mit großer Ruhe und psychologischer Präzision. Sein Buch ist ein leiser Pageturner, dessen nachhaltigste Spannung aus den Abgründen der menschlichen Seele erwächst.




Meine Bewertung:Bewertung

Veröffentlicht am 13. Juli 2026