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Das ungelebte Leben
Manchmal bedarf es eines beinahe endgültigen Ereignisses, damit ein Mensch beginnt, über die Vorläufigkeit seiner Existenz nachzudenken. Solange das Leben seinen gewohnten Gang nimmt, halten wir dessen Verlauf nur allzu gern für das Ergebnis eigener Entscheidungen. Erst wenn die Selbstverständlichkeit unseres Daseins erschüttert wird, drängt sich eine Frage auf, der wir im Alltag mit bemerkenswerter Beharrlichkeit ausweichen: Warum ist unser Leben eigentlich so verlaufen, wie es verlaufen ist? Und hätte es nicht auch ein vollkommen anderes sein können?
Monika Maron lässt ihre Protagonistin Lea Nowak diese Erfahrung auf denkbar drastische Weise machen. Die Journalistin wird von einem Auto angefahren und erleidet einen vierminütigen Herzstillstand. Dass sie überlebt, verdankt sie einem zufällig anwesenden Rettungssanitäter, der unverzüglich mit der Wiederbelebung beginnt. Ein ebenfalls anwesender katholischer Priester bemüht sich auf seine Weise um das Leben der Verunglückten. Während der eine seine Hände zur Herzdruckmassage benutzt, faltet der andere die seinen zum stillen Gebet. Zwei Vorstellungen menschlicher Existenz begegnen sich hier auf engstem Raum: die praktische Gewissheit medizinischen Handelns und die Hoffnung auf einen Beistand, dessen Wirksamkeit sich menschlicher Überprüfung entzieht.
Lea Nowak überlebt. Doch mit der Rückkehr ins Leben ist die Angelegenheit keineswegs erledigt. Im Gegenteil: Die vier Minuten, in denen ihr Herz stillstand, setzen einen gedanklichen Prozess in Gang, der weit über die unmittelbare Erfahrung des Unfalls hinausreicht. War es bloßer Zufall, dass sich ausgerechnet ein Rettungssanitäter in ihrer Nähe befand? Oder gibt es Zusammenhänge, die wir nicht erkennen können, weil uns der Blick auf das Ganze verwehrt bleibt? Ist unser Leben eine Abfolge zufälliger Ereignisse, denen wir nachträglich Bedeutung verleihen, oder folgt es einer Ordnung, deren Sinn sich uns erst im Rückblick erschließt?
Maron macht aus diesen Fragen keine metaphysische Lehrveranstaltung. Ihre Stärke liegt vielmehr darin, das große philosophische Problem aus einer sehr persönlichen Erfahrung hervorgehen zu lassen. Lea Nowak beginnt, ihr bisheriges Leben zu befragen. Sie erinnert sich an ihre erste große Liebe, die mit einer Enttäuschung endete, und überlegt, ob nicht gerade diese Erfahrung ihren weiteren Lebensweg entscheidend geprägt hat. Was wäre geschehen, hätte sie damals anders gehandelt? Wäre sie heute ein anderer Mensch? Glücklicher vielleicht? Oder lediglich auf andere Weise unzufrieden?
Es ist die alte Frage nach dem ungelebten Leben, die Maron hier mit bemerkenswert leisen Tönen aufgreift. Jeder Mensch trägt eine Vielzahl möglicher Biografien mit sich herum, von denen nur eine Wirklichkeit geworden ist. Wir entscheiden uns für einen Weg und verabschieden uns damit, meist ohne es überhaupt zu bemerken, von zahllosen anderen. Manche dieser Entscheidungen treffen wir bewusst, andere werden uns durch äußere Umstände abgenommen. Wieder andere kommen gar nicht erst zustande, weil uns die Möglichkeit einer Wahl niemals angeboten wurde. Und gelegentlich genügt ein Augenblick der Unaufmerksamkeit, um die vermeintliche Souveränität über das eigene Dasein als Illusion zu entlarven.
Für Lea Nowak, die sich am Beginn des letzten Lebensdrittels befindet, gewinnt diese Erkenntnis eine besondere Dringlichkeit. Ihre Rückschau ist nicht mehr die spielerische Selbstbefragung eines jungen Menschen, dem die Zukunft noch nahezu unbegrenzt erscheint. Es ist die Lebensbilanz einer Frau, die sich eingestehen muss, dass die Zahl ihrer Möglichkeiten kleiner geworden ist. Was versäumt wurde, lässt sich nicht beliebig nachholen. Was einmal entschieden wurde, hat Folgen hinterlassen. Und manche Fragen werden unbeantwortet bleiben, weil die Menschen, die Auskunft geben könnten, längst nicht mehr zur Verfügung stehen.
Damit berührt Maron ein philosophisches Problem, das sich einer befriedigenden Lösung hartnäckig widersetzt. Friedrich Nietzsche formulierte in seiner Vorstellung von der ewigen Wiederkunft die ungeheure Zumutung, das eigene Leben noch einmal leben zu müssen, und zwar genauso, mit allen Schmerzen, Irrtümern, Enttäuschungen und Augenblicken des Glücks. Wer könnte dazu vorbehaltlos Ja sagen? Wer wäre bereit, sich sein gesamtes Leben noch einmal zuzumuten, ohne auch nur eine einzige Korrektur vornehmen zu dürfen?
Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Schwierigkeit unserer Existenz: Wir müssen mit einem Leben zurechtkommen, dessen Verlauf wir weder vollständig bestimmen noch nachträglich verändern können. Wir sind den Zufällen ausgesetzt, aber keineswegs von der Verantwortung für unser Handeln entbunden. Wir können Entscheidungen treffen, ohne ihre Folgen zu kennen, und müssen später mit diesen Folgen leben, als hätten wir sie seinerzeit in vollem Bewusstsein gewählt. Der Mensch ist eben weder uneingeschränkter Herr seines Schicksals noch bloß dessen willenloses Opfer. Er bewegt sich in einem Raum begrenzter Möglichkeiten, dessen Grenzen er häufig erst erkennt, wenn er an sie stößt.
Monika Marons Roman gewinnt seinen Reiz daraus, dass er diese Widersprüche nicht aufzulösen versucht. Er erzählt von einer Frau, die dem Tod für vier Minuten näher gekommen ist, als ihr lieb sein konnte, und dadurch gezwungen wird, sich mit dem Leben auseinanderzusetzen. Nicht unbedingt mit dessen Sinn im großen, weltanschaulichen Maßstab, sondern mit jener sehr viel unbequemeren Frage, ob das eigene Dasein, so wie es nun einmal verlaufen ist, als gelungen gelten darf.
Dabei könnte schon die Fragestellung einen Irrtum enthalten. Denn nach welchen Maßstäben wollen wir ein Leben beurteilen? Ein glückliches Leben muss keineswegs ein gelungenes gewesen sein, und umgekehrt kann ein von Enttäuschungen geprägtes Dasein durchaus seinen Sinn gehabt haben. Nur lässt sich dieser Sinn nicht wie das Ergebnis einer mathematischen Rechnung ermitteln. Vielleicht entsteht er überhaupt erst aus dem Versuch, den eigenen Erfahrungen eine Bedeutung zu geben.
Besonders nachdenkenswert erscheint mir in diesem Zusammenhang die menschliche Neigung, sich in rückwirkenden Konjunktiven einzurichten. Was wäre gewesen, wenn ich damals anders entschieden hätte? Wenn ich diesen Menschen nicht kennengelernt, jene Gelegenheit genutzt oder eine bestimmte Enttäuschung vermieden hätte? Solche Gedankenspiele besitzen durchaus ihren Reiz. Sie können aber auch zu einem Placebo werden, mit dem wir uns über die Unabänderlichkeit des Vergangenen hinwegtrösten. Schlimmer noch: Wer sein tatsächliches Leben fortwährend mit einem imaginären vergleicht, läuft Gefahr, an einer Alternative zu verzweifeln, deren Vorzüge ausschließlich seiner eigenen Fantasie entspringen.
Denn das ungelebte Leben hat einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem wirklichen: Es muss sich niemals bewähren. Seine Möglichkeiten bleiben unbeschädigt, seine Versprechen uneingelöst und seine vermeintlichen Glücksmomente von jeder Enttäuschung verschont.
Vielleicht ist das die eigentliche philosophische Pointe dieses stillen, gedankenreichen Romans. Nicht die Frage, ob Zufall oder Schicksal unser Leben bestimmen, führt uns weiter, sondern die Einsicht, dass wir mit dem leben müssen.
Meine Bewertung:
Veröffentlicht am 29. Oktober 2026