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Mit seiner neuesten Protagonistin präsentiert Garry Disher eine faszinierende Einzelgängerin, die das literarische Parkett mit beeindruckender Präsenz betritt. Grace ist eine Virtuosin des Diebstahls, geschult von Meistern ihres Fachs und seit frühester Jugend in der Kunst der Aneignung erprobt. Ihre Spezialität sind diskrete, doch überaus lukrative Coups. Sie agiert mit bemerkenswerter Mobilität und einem messerscharfen Intellekt, eine Frau, die mit souveräner Leichtigkeit eine Jaeger-LeCoultre von einer Patek Philippe zu unterscheiden vermag. Getrieben von ständiger Rastlosigkeit, pflegt sie eine geradezu penible Wachsamkeit. Doch allmählich empfindet sie eine tiefe Überdrüssigkeit gegenüber diesem flüchtigen Dasein.
Ihre Biografie ist geprägt von diversen Mentoren und Weggefährten, die ihr jenes Rüstzeug vermittelten, das sie im Laufe der Zeit zu einer wahren Kunstform perfektionierte. Diese Verbindungen offenbarten die gesamte Bandbreite menschlicher Interaktion: von subtiler Manipulation über pragmatische Bequemlichkeit bis hin zu beiderseitigem Profit. Vor allem aber formte dieser unkonventionelle Werdegang eine Persönlichkeit von bemerkenswerter Autonomie, introspektiver Tiefe und kompromissloser Unabhängigkeit.
Als sie auf einer Briefmarkenmesse, einem Ort, an dem unausgesprochene Absichten greifbar in der Luft liegen, unvermittelt von den Schatten ihrer Vergangenheit eingeholt wird, sieht sie sich zur Flucht gezwungen. Auf der dringlichen Suche nach einem sicheren Refugium erweist sich ein unscheinbares Gesuch vor Erin Mandels ländlichem Antiquitätengeschäft als glückliche Fügung. Für derartige Gelegenheiten hat Grace längst eine wasserdichte Legende konstruiert: eine tragische Familiengeschichte in Neuseeland, die eine Überprüfung nahezu unmöglich macht. Doch die Begegnung mit Erin verläuft erfrischend unkompliziert. Die Inhaberin begegnet ihr mit einer aufrichtigen Freundlichkeit und verzichtet auf bohrende Fragen, während sie Grace nicht nur eine Anstellung, sondern auch wertvolle Unterstützung bei der Wohnungssuche bietet. In Erin findet Grace eine verwandte Seele, auch wenn die Fähigkeit zu vertrauen für sie nach wie vor eine gewaltige Herausforderung darstellt.
Im feingesponnenen Fortgang der Erzählung enthüllt sich, dass auch Erin die Last einer verborgenen Historie trägt und ihrerseits Verfolger fürchten muss. Nahezu zeitgleich zieht sich das Netz um Grace unerbittlich zu. Beide Frauen sehen sich mit überaus gefährlichen Antagonisten konfrontiert, und trotz ihrer permanenten Alarmbereitschaft unterschätzen sie womöglich die bedrohliche Nähe der Gefahr.
Kenner von Dishers Œuvre werden mit intellektuellem Vergnügen die subtilen Parallelen zwischen Grace und seinem ikonischen, unverbesserlichen Dieb Wyatt dechiffrieren. Die Akribie, mit der beide Charaktere ihre Rückzugsorte planen, Notfallverstecke präparieren und ihre Umgebung analytisch durchdringen, zeugt von einer meisterhaften literarischen Konzeption. Beide Figuren sind absolute Koryphäen auf ihrem Gebiet, ausgestattet mit einer Resilienz, die unweigerlich Bewunderung hervorruft, selbst wenn diese Erkenntnis für das Lesepublikum mitunter eine reizvolle moralische Ambivalenz birgt.
Der besondere erzählerische Reiz in „Zuflucht“ entfaltet sich in der faszinierenden Dynamik zwischen Erin und Grace. Scheinbare Gegensätze ziehen sich an und münden in einer nahezu symbiotischen Freundschaft. Dabei erweist sich Erin als eine weitaus vielschichtigere Persönlichkeit, als der erste flüchtige Eindruck suggerieren mag.
Mit „Zuflucht“ liefert Disher ein weiteres brillantes Zeugnis seiner Meisterschaft, Schauplätze, charakterliche Tiefe und Handlungsstränge zu einem nahtlosen Gewebe zu verknüpfen. Sein Prosastil besticht durch eine unprätentiöse Sachlichkeit, die in ihrer reduzierten Form eine ganz eigene, lyrische Qualität entfaltet. Lakonisch, fesselnd und durchdrungen von jenem unverwechselbaren australischen Duktus, erschafft er Sprachbilder von seltener Eindringlichkeit.
Garry Disher zementiert mit diesem Werk einmal mehr seinen verdienten Ruf als eine der herausragenden Stimmen der australischen Literatur, weit über die Grenzen der Kriminalliteratur hinaus. Seine elegante Erzählkunst und die Brillanz, mit der er den Einfallsreichtum seiner Figuren in existenziellen Krisen ausleuchtet, machen ihn zu einem Ausnahmeautor, dem höchste literarische Anerkennung gebührt.
Meine Bewertung:
Veröffentlicht am 30. M%auml;rz 2026