Die glorreiche Regression – oder nicht doch eher Hybris?

Ein Hoch auf den modernen Fortschritt

Wir sind die Krone der Schöpfung. Wir, die aufgeklärten Kinder des 21. Jahrhunderts, die wir mit einem Wischen auf einem Glasrechteck das gesammelte Wissen der Menschheit abrufen, unsere Pizza per App bestellen und unseren Weg zum nächsten Café von einem Satelliten im Orbit leiten lassen. Wir haben es geschafft. Der Fortschritt hat triumphiert. Wir sind so brillant, dass wir für jedes Problem eine App haben und für jede Wissenslücke einen Wikipedia-Artikel, den wir bis zur Hälfte überfliegen.

Blicken wir mitleidig zurück auf die armen, primitiven Seelen der Antike. Was hatten sie schon? Lehm, Steine und eine Menge Zeit. Nehmen wir die Babylonier. Tausende von Jahren vor unserer Zeit saßen sie Nacht für Nacht da und kritzelten auf Tontafeln. Sie dokumentierten die Bewegungen von Sonne und Mond mit einer Besessenheit, die wir heute nur noch von Leuten kennen, die ihre „Likes“ auf Instagram verfolgen. Sie bauten über Generationen hinweg einen Datensatz auf, der es ihnen ermöglichte, Sonnenfinsternisse vorherzusagen. Wir hingegen benötigen Supercomputer, um das Wetter für morgen mit einer Trefferquote zu prognostizieren, die eine Münze vor Neid erblassen lässt. Aber hey, unsere Wetter-App hat ein schöneres Icon.

Oder denken wir an die polynesischen Seefahrer. Diese armen Irren paddelten in Holzbooten über tausende Kilometer offenen Ozeans. Ohne GPS. Ohne Kompass. Ohne auch nur eine einzige Powerbank. Ihr Navigationssystem? Eine Art mentale App, gespeist mit den Positionen von hunderten Sternen, den Mustern der Meeresdünung, dem Flug der Vögel und der Farbe der Wolken. Ein System, das nie einen Neustart brauchte, nie den Akku leer hatte und dessen Server, der menschliche Geist, über Jahrhunderte hinweg zuverlässig lief. Wir hingegen geraten in eine existenzielle Krise, wenn Google Maps ausfällt und wir gezwungen sind, ein Straßenschild zu lesen. Das ist wahrer Fortschritt: die Befreiung des Geistes von der Last des Denkens.

Unsere Smartwatches erinnern uns daran, aufzustehen, zu atmen und Wasser zu trinken, lebenswichtige Funktionen, die die Menschheit ohne digitale Bevormundung irgendwie jahrtausendelang überlebt hat. Die Maya, in ihrer beklagenswerten Rückständigkeit, beschäftigten sich derweil mit Nichtigkeiten wie der Entwicklung eines Kalenders von solcher Komplexität und Präzision, dass er astronomische Ereignisse weit in die Zukunft voraussagen konnte. Ihre Observatorien waren aus Stein, nicht aus Silizium, aber sie funktionierten. Stonehenge, dieser Haufen ungeordneter Felsen, ist im Grunde ein 5.000 Jahre alter Kalender-Server mit einer Uptime von 100 Prozent. Finden Sie mal einen Cloud-Anbieter, der das garantiert.

Und wenn wir mit der schieren Genialität dieser „primitiven“ Leistungen konfrontiert werden, haben wir, die Gipfelstürmer der Evolution, eine wunderbar elegante Lösung parat: Es müssen Außerirdische gewesen sein. Es ist für den modernen Geist, der ohne Anleitung eines YouTube-Tutorials keinen Nagel in die Wand bekommt, schlichtweg unvorstellbar, dass Menschen ohne Glasfaseranschluss Pyramiden bauen oder den Erdumfang berechnen konnten. Die Prä-Astronautik-Theorie ist der ultimative Ausdruck unserer modernen Arroganz. Sie ist keine Theorie über Außerirdische, sondern eine Theorie über uns selbst. Sie besagt, dass wir uns für so fortgeschritten halten, dass wir uns nicht vorstellen können, dass irgendjemand vor uns auch nur einen klaren Gedanken fassen konnte. Es ist einfacher, grüne Männchen zu postulieren, als die eigene intellektuelle Bequemlichkeit in Frage zu stellen.

Die alten Griechen bauten den Antikythera-Mechanismus, einen analogen Computer aus Zahnrädern, der Sonnen- und Mondfinsternisse Jahrzehnte im Voraus berechnen konnte. Wir bauen Smartphones, die nach zwei Jahren geplant obsolet werden und deren Akku nach vier Stunden leer ist. Die Ägypter richteten die Pyramiden von Gizeh so präzise nach den Himmelsrichtungen aus, dass moderne Ingenieure noch immer rätseln, wie sie das ohne Laser geschafft haben. Wir hingegen schaffen es nicht, ein IKEA-Regal ohne drei übrig gebliebene Schrauben und einen emotionalen Zusammenbruch aufzubauen. Aber wir haben Alexa, die uns auf Zuruf sagt, wie spät es ist. Das ist Innovation.

Die Chinesen katalogisierten vor über 2.000 Jahren Supernovae und erstellten detaillierte Sternkarten. Wir katalogisieren unsere Mahlzeiten auf Instagram und erstellen detaillierte Listen von Serien, die wir „irgendwann mal“ schauen wollen. Die Inder postulierten schon im 5. Jahrhundert, dass die Erde sich um ihre eigene Achse dreht. Wir postulieren auf Twitter, dass die Erde flach ist, weil wir ein YouTube-Video gesehen haben. Eratosthenes berechnete den Erdumfang mit Stöcken, Schatten und Geometrie. Wir können unseren BMI nicht ohne App berechnen.

So stehen wir nun hier, auf dem Zenit der Zivilisation. Wir haben unser Gedächtnis in die Cloud ausgelagert, unseren Orientierungssinn an Satelliten delegiert und unsere Fähigkeit zur Konzentration an den endlosen Strom von Benachrichtigungen verloren. Wir blicken auf die Sterne, wenn wir sie durch den Lichtsmog unserer glorreichen Städte überhaupt noch sehen, und sehen keine Navigationspunkte oder göttlichen Zyklen, sondern nur ein hübsches Hintergrundbild für unser nächstes Selfie.

Vielleicht ist das der wahre Fortschritt: die Kunst, alles zu wissen und nichts mehr zu verstehen. Die Fähigkeit, jede Information in Sekundenbruchteilen abzurufen und keine davon zu behalten. Die Freiheit, uns von Algorithmen sagen zu lassen, was wir denken sollen, damit wir uns nicht mehr die Mühe machen müssen, selbst zu denken.

In diesem Sinne: Siri, wo waren noch gleich die Plejaden? Und was, zum Teufel, ist der Saros-Zyklus? Ach, vergessen Sie es. Zeigen Sie mir lieber das nächste Katzenvideo.

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