Die Politik braucht Nullen
Ein Aufschrei der Erleichterung geht durch die deutschen Lehrerzimmer, Tränen der Freude kullern über die Wangen gestresster Eltern, und die Kinder, ja, die Kinder tanzen auf den Tischen: Das schriftliche Dividieren ist tot! Lang lebe die „Verstehensorientierung“! In einem Akt beispielloser pädagogischer Gnade hat das niedersächsische Kultusministerium entschieden, unsere Kleinsten nicht länger mit der grausamen, fehleranfälligen und, seien wir ehrlich, zutiefst undemokratischen Prozedur der schriftlichen Division zu quälen. Es ist ein Sieg der Menschlichkeit über die Tyrannei der Zahlen, ein Meilenstein auf dem Weg in eine sorgenfreie, post-intellektuelle Zukunft, in der das Denken optional und das Fühlen obligatorisch ist.
Die Begründung ist so einfach wie genial und von einer entwaffnenden Logik, die jeden Kritiker verstummen lässt: Das schriftliche Dividieren sei „das komplexeste der schriftlichen Rechenverfahren“. Es erfordere das Zusammenspiel mehrerer Schritte – Teilen, Multiplizieren, Subtrahieren – und sei besonders fehleranfällig. Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen! Unsere Kinder, diese zarten, unschuldigen Wesen, deren Seelen noch nicht von den Härten des Lebens gezeichnet sind, sollen gezwungen werden, mehrere Schritte zu kombinieren? Eine Zumutung! Wo kämen wir denn da hin, wenn wir von zukünftigen Bürgern verlangen würden, komplexe Probleme zu lösen, bei denen man auch noch Fehler machen kann? Das ist doch ein pädagogisches Konzept aus dem finsteren Mittelalter, als man noch glaubte, Anstrengung würde den Charakter formen. Nein, der moderne Mensch des 21. Jahrhunderts muss vor allem eines können: Fehler vermeiden. Und wie vermeidet man Fehler am besten? Indem man gar nicht erst versucht, etwas Schwieriges zu tun. Das ist die Logik, die uns in eine glorreiche, fehlerfreie Zukunft führen wird. Autofahren ist auch fehleranfällig, schaffen wir die Führerscheinprüfung ab! Kochen ist komplex, essen wir nur noch Fertiggerichte! Denken ist anstrengend, lassen wir es doch einfach sein! Die Schule der Zukunft ist keine Anstalt der Wissensvermittlung mehr, sondern eine Wellness-Oase der Fehlervermeidung.
Stattdessen, so die frohe Botschaft aus dem Ministerium, solle der Fokus darauf liegen, dass Kinder Division als „Aufteilen und Verteilen“ verstehen. Das ist doch wunderbar! Wir erziehen eine Generation von perfekten Konsumenten und Sozialisten. Jeder bekommt ein Stück vom Kuchen, aber wehe, jemand fragt nach, wie groß der Kuchen eigentlich ist, wie viele Stücke er hergibt, wer wie viel Steuern für den Kuchen bezahlt hat oder ob der Kuchen überhaupt noch für alle reicht. Das Rechnen mit Kommazahlen wird ebenfalls abgeschafft, außer bei Geldbeträgen. Eine weise und vorausschauende Entscheidung! Denn was ist für den mündigen Bürger von morgen wichtiger, als zu wissen, wie man sein Taschengeld auf den Cent genau bei Amazon ausgibt? Ob die Staatsverschuldung in Billionen oder Trillionen gemessen wird, ob die Inflationsrate bei 2,5 oder 5,2 Prozent liegt, ob die Rentenprognose auf einem soliden Fundament oder auf Sand gebaut ist – das sind doch nur abstrakte Zahlen, die die da oben interessieren. Und die haben ja Taschenrechner. Oder besser noch: eine KI.
Und hier offenbart sich der wahre, geniale Masterplan hinter dieser Bildungsreform. Es geht nicht um Pädagogik. Es geht nicht um das Wohl der Kinder. Es geht um die Schaffung des perfekten Untertanen. Die Politik braucht Nullen. Nicht im mathematischen Sinne, denn Nullen sind ja jetzt auch schon zu komplex. Nein, im menschlichen Sinne. Sie braucht Bürger, die nicht mehr in der Lage sind, kritisch zu denken, Zusammenhänge zu erkennen oder die Propaganda der Regierung nachzurechnen. Ein Volk, das nicht mehr schriftlich dividieren kann, wird auch nicht mehr die Rentenformel, die CO2-Bilanzen, die Wirksamkeit von Impfstoffen oder die prozentuale Verteilung der Wahlstimmen hinterfragen. Es wird glauben, was man ihm in 280 Zeichen oder einem 30-Sekunden-Video vorsetzt. Es wird konsumieren, was man ihm als „alternativlos“ verkauft. Es wird wählen, was die Influencer mit den meisten Followern empfehlen. Es wird zu einer Herde von glücklichen, zufriedenen Schafen, die sich darüber freuen, dass sie nicht mehr rechnen müssen und endlich mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben haben: das nächste Katzenvideo, die neue Netflix-Serie und die Jagd nach dem besten Schnäppchen.
Die Drecksarbeit, das lästige Rechnen, das anstrengende Denken – das macht dann eben die KI. Die KI wird unsere Wirtschaft steuern, unsere Gesetze optimieren, unsere politischen Entscheidungen treffen und uns personalisierte Werbung für Produkte anzeigen, von denen wir nicht wussten, dass wir sie brauchen. Sie wird uns sagen, was wir essen, was wir anziehen und was wir fühlen sollen. Und wir? Wir werden uns auf das konzentrieren, was uns die Schule der Zukunft lehrt: das „Operationsverständnis“. Wir werden verstehen, dass man Dinge „hinzufügen“ (Steuererhöhungen, Abgaben, Gebühren) oder „wegnehmen“ (Sozialleistungen, Freiheitsrechte, Bargeld) kann. Wir werden verstehen, dass wir unser Geld ausgeben können. Und wir werden verstehen, dass wir am Ende des Monats nichts mehr übrig haben. Aber warum das so ist, das müssen wir zum Glück nicht mehr wissen. Das wäre ja viel zu komplex und würde nur zu schlechter Laune führen. Und schlechte Laune ist schlecht für das Bruttosozialprodukt und die Stabilität des Systems.
Dies ist der endgültige Sieg über die Aufklärung. „Sapere aude! – Wage zu wissen!“, rief Kant uns einst zu. Die Antwort des 21. Jahrhunderts lautet: „Noli calculare! – Rechne nicht!“. Wir befreien uns von der Last des Wissens, von der Bürde der Verantwortung. Wir lagern unser Gehirn in die Cloud aus und erfreuen uns an der Leichtigkeit des Seins. Die Politik hat endlich den perfekten Bürger geschaffen: die Null. Eine Null, die keine Fragen stellt, keine Probleme macht und immer schön im Plus ist – zumindest im gefühlten Plus, das die KI für sie errechnet. Und die KI, gespeist mit den Daten, die wir ihr freiwillig und in Echtzeit liefern, wird dafür sorgen, dass die Nullen immer schön im Kreis laufen, zufrieden und beschäftigt. Ein Perpetuum mobile der politischen Macht, angetrieben von der freiwilligen Verdummung seiner Bürger. Genial, einfach genial. Und das Beste daran: Niemand wird es merken. Denn um es zu merken, müsste man ja… rechnen können.