Einleitung: Die Signatur des Zeitstils
Jede Epoche, die in eine tiefgreifende Krise gerät, entwickelt einen ihr eigenen Stil, eine Signatur, die sich in Kunst, Architektur, aber vor allem in der Sprache niederschlägt. Dieser „Zeitstil“, ein von Ernst Jünger geprägter Begriff, ist mehr als nur eine ästhetische Mode; er ist ein seismographisches Instrument, das die tektonischen Verschiebungen im Fundament einer Kultur aufzeichnet. Die Sprache wird dabei zum primären Schauplatz des Verfalls. Sie verliert ihre deskriptive Kraft, ihre Fähigkeit, die Wirklichkeit abzubilden, und wird stattdessen zu einem Instrument der Macht, zu einem Arsenal von Chiffren, das nicht mehr der Verständigung, sondern der Verschleierung und der ideologischen Indoktrination dient. Die Krise der Sprache ist somit niemals nur eine linguistische Angelegenheit, sondern stets das Symptom einer tieferen kulturellen und geistigen Desorientierung.
Der vorliegende Text vertritt die These, dass die westlichen Gesellschaften der Gegenwart eine solche Sprachkrise durchleben. Ihr sichtbarster Ausdruck ist ein Phänomen, das unter dem schillernden Begriff „Wokismus“ zusammengefasst wird. Dieser neue Zeitstil, getragen von einer kleinen, aber institutionell einflussreichen Elite, die sich als moralische und intellektuelle Avantgarde versteht, erodiert die Fundamente der offenen Gesellschaft, indem er systematisch die Sprache korrumpiert. Er tut dies nicht durch offene Zensur oder gewaltsame Unterdrückung, sondern durch einen subtileren, aber nicht minder wirksamen Mechanismus: den „semantischen Entrismus“, die stille Kaperung und Umdeutung zentraler Begriffe des politischen und moralischen Vokabulars. Diese Untersuchung wird in mehreren Teilen die Anatomie dieser Krise freilegen, ihre historischen Wurzeln nachzeichnen, ihre Mechanismen analysieren und die verheerenden gesellschaftlichen Konsequenzen aufzeigen, um schließlich die Frage nach den Möglichkeiten des intellektuellen Widerstands zu stellen.
Teil I: Genealogie der Sprachzerstörung, Historische Parallelen und theoretische Grundlagen
Die Pervertierung der Sprache zu einem Instrument der Macht ist kein neues Phänomen. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts bietet die erschreckendsten Beispiele dafür, wie totalitäre Regime die Sprache systematisch zerstörten, um das Denken der Menschen zu kontrollieren. Ernst Jüngers Analyse des „Zeitstils“ liefert hierfür den ersten theoretischen Rahmen. Für Jünger manifestiert sich die Herrschaft der Macht in der Doppelzüngigkeit der Sprache, in der Kluft zwischen dem gesagten Wort und der brutalen Wirklichkeit. Euphemismen werden zur Norm, um Gewaltakte als administrative Maßnahmen zu tarnen und die moralische Sensibilität abzustumpfen. Die Sprache wird zu einem sterilen, technischen Code, der die Wirklichkeit nicht mehr durchdringt, sondern sie wie eine Membran umschließt und undurchsichtig macht.
George Orwell hat diesem Phänomen in seinem dystopischen Roman „1984“ mit der Konzeption des „Neusprech“ ein literarisches Denkmal gesetzt. Das Ziel von Neusprech ist es, den Denkraum der Menschen so zu verengen, dass „Gedankenverbrechen“ unmöglich werden. Durch die Eliminierung von Wörtern, die unerwünschte Konzepte beschreiben, und die Reduktion komplexer Ideen auf simple, ideologisch aufgeladene Phrasen, wird die Sprache zu einem Gefängnis des Geistes. Die berühmte Formel „Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke“ ist die Quintessenz dieser sprachlichen Perversion. Sie zeigt, wie die Sprache nicht nur die Wirklichkeit verschleiert, sondern sie aktiv in ihr Gegenteil verkehrt.
Eine komparatistische Analyse offenbart die strukturellen Ähnlichkeiten zwischen diesen historischen Formen totalitärer Sprachkontrolle und den Tendenzen des gegenwärtigen Wokismus. Die Sprache des Nationalsozialismus etwa war durchsetzt von Euphemismen wie „Sonderbehandlung“ für Mord oder „Endlösung“ für den Genozid. Gleichzeitig wurden Begriffe wie „Volk“, „Rasse“ und „Blut“ mystisch überhöht und zu zentralen Ankerpunkten einer totalitären Ideologie. Der Sowjetkommunismus wiederum schuf ein eigenes Vokabular, in dem „Konterrevolutionär“ jeder Andersdenkende war und die brutalste Diktatur als „Diktatur des Proletariats“ und somit als höchste Form der Demokratie ausgegeben wurde. In beiden Fällen wurde die Sprache zu einem Instrument der sozialen Ausgrenzung und der physischen Vernichtung. Wer die Sprache nicht beherrschte oder sich ihr verweigerte, wurde zum Feind erklärt.
Der Wokismus operiert, zumindest in den noch funktionierenden Demokratien des Westens, nicht mit den Mitteln des physischen Terrors. Doch die strukturellen Parallelen in der Methode der Sprachmanipulation sind unübersehbar. Auch hier werden Euphemismen geschaffen, um unangenehme Realitäten zu verschleiern. Auch hier werden bestimmte Begriffe („Diversität“, „Gerechtigkeit“) zu sakrosankten, quasi-religiösen Chiffren erhoben, deren Infragestellung als Häresie gilt. Und auch hier dient die Sprache der Schaffung von Feindbildern, dem „alten, weißen Mann“, dem „privilegierten“ Bürger, dem Kritiker der Identitätspolitik. Die Genealogie der Sprachzerstörung zeigt, dass der Angriff auf die Sprache immer ein Angriff auf die Freiheit des Denkens und die Integrität des Individuums ist. Der neue Zeitstil des Wokismus steht, bei allen Unterschieden im historischen Kontext, in dieser unheilvollen Tradition.
Teil II: Der semantische Entrismus, Anatomie einer stillen Revolution
Die Sprachmanipulation des Wokismus vollzieht sich nicht durch die Schaffung gänzlich neuer Vokabeln, wie es im OrwelI’schen Neusprech der Fall ist, sondern durch eine subtilere und wirkungsvollere Methode: den „semantischen Entrismus“. Dieser Begriff beschreibt die strategische Infiltration und Kaperung etablierter, positiv konnotierter Wörter. Anstatt die Sprache zu ersetzen, wird sie von innen heraus umprogrammiert. Begriffe, die im kollektiven Bewusstsein mit den Werten der Aufklärung, des Humanismus und des Liberalismus verknüpft sind, wie „Gerechtigkeit“, „Vielfalt“ oder „Toleranz“, werden ihres universalistischen Gehalts entkleidet und mit einer neuen, partikularistischen und ideologisch aufgeladenen Bedeutung versehen. Diese stille Revolution im Vokabular ist deshalb so erfolgreich, weil sie unter der Flagge allgemein akzeptierter Tugenden segelt und ihre radikale Agenda hinter einer Fassade wohlklingender Worte verbirgt.
Die Anatomie dieses Prozesses lässt sich an einer Mikroanalyse zentraler Begriffe exemplifizieren. „Vielfalt“ (Diversity) bezeichnet im klassischen liberalen Sinne die Pluralität von Meinungen, Lebensentwürfen und Talenten individueller Persönlichkeiten. Im Jargon des Wokismus hingegen wird Vielfalt zu einem rigiden Kategoriensystem von Gruppenidentitäten (Rasse, Geschlecht, sexuelle Orientierung) pervertiert. Es geht nicht mehr um die Vielfalt der Individuen, sondern um die Repräsentation von Kollektiven, die in einem antagonistischen Verhältnis zueinander stehen. Ähnlich ergeht es dem Begriff der „Inklusion“. Ursprünglich das Gebot, allen Mitgliedern der Gesellschaft die Teilhabe zu ermöglichen, wird Inklusion nun zur Forderung, institutionelle Strukturen an die postulierten Bedürfnisse spezifischer Identitätsgruppen anzupassen und ihnen Sonderrechte oder geschützte Räume zuzugestehen. Der Fokus verschiebt sich von der universellen Teilhabe zur partikularen Privilegierung.
Am deutlichsten wird die semantische Kaperung beim Begriff der „Gerechtigkeit“. Die aufklärerische Tradition versteht unter Gerechtigkeit die Gleichheit vor dem Gesetz und die faire Beurteilung des Einzelnen nach seinen Taten und Verdiensten. Der Wokismus ersetzt dieses Konzept durch die Idee der „sozialen Gerechtigkeit“ (Social Justice), die in der Praxis eine Umverteilung von Macht, Status und Ressourcen zwischen als „unterdrückend“ und „unterdrückt“ definierten Gruppen bedeutet. Das Ergebnis ist eine Form der Ungerechtigkeit im Namen der Gerechtigkeit: Nicht mehr das Individuum zählt, sondern seine Zugehörigkeit zu einem Kollektiv. Diese Logik führt zwangsläufig zur Zerstörung des Universalismus. Wenn die moralische Bewertung einer Aussage oder Handlung vom Identitätsmerkmal des Sprechers abhängt, wenn Wahrheit und Vernunft partikularisiert und an die Perspektive einer bestimmten Gruppe gebunden werden, löst sich der Anspruch auf eine gemeinsame, für alle gültige Wirklichkeit auf. Die Sprache wird von einem Medium des universellen Austauschs zu einer Waffe im Kampf der Identitäten. Der semantische Entrismus ist somit der entscheidende Mechanismus, durch den eine radikale Ideologie unter dem Deckmantel liberaler Werte in den Mainstream einsickert und die Grundpfeiler der offenen Gesellschaft von innen heraus aushöhlt.
Teil III: Die Kathedralen der Konformität, Institutionelle Durchdringung und hegemoniale Macht
Die Wirkmacht des neuen Zeitstils speist sich nicht allein aus seiner semantischen Raffinesse, sondern vor allem aus seiner erfolgreichen institutionellen Verankerung. Die Ideen des Wokismus sind keine frei flottierenden Meinungen in einem pluralistischen Diskurs, sondern sie haben sich in den zentralen Institutionen der westlichen Gesellschaften festgesetzt und dort eine hegemoniale Stellung errungen. Diese Institutionen, allen voran die Universitäten, aber auch große Teile der Medien, Kultur- und Bildungseinrichtungen sowie zunehmend auch global agierende Konzerne, fungieren als Kathedralen der Konformität. Sie sind die Laboratorien, in denen die neue Sprachdoktrin entwickelt, die Multiplikatoren, durch die sie verbreitet, und die Instanzen, durch die sie sanktioniert wird.
Die Universitäten, einst Orte des freien Denkens und des intellektuellen Wettstreits, haben sich in weiten Teilen zu Brutstätten einer monolithischen Ideologie gewandelt. Insbesondere in den Geistes- und Sozialwissenschaften hat sich eine postmoderne, identitätspolitische Orthodoxie etabliert, die abweichende Perspektiven nicht mehr als legitime wissenschaftliche Positionen, sondern als moralische Verfehlungen betrachtet. Forschung und Lehre werden dem Primat der Haltung untergeordnet. An die Stelle der Suche nach Wahrheit tritt das Bekenntnis zur „richtigen“ Gesinnung. Durch die Kontrolle über Lehrpläne, Berufungskommissionen und wissenschaftliche Publikationen wird sichergestellt, dass nur diejenigen Karriere machen, die sich dem herrschenden Paradigma fügen. Die Universität wird so von einem Ort der Aufklärung zu einem Ort der Indoktrination, der eine neue Generation von Akademikern, Journalisten, Lehrern und Managern hervorbringt, die die neue Sprach- und Denkdoktrin als unhinterfragbare Wahrheit internalisiert haben.
Diese akademisch geschulte Elite trägt die Ideologie in die anderen gesellschaftlichen Institutionen. Die Medien übernehmen die neue Terminologie und die damit verbundenen Deutungsrahmen und verbreiten sie in der breiten Öffentlichkeit. Journalisten agieren nicht mehr primär als neutrale Berichterstatter, sondern als moralische Erzieher, die dem Publikum die Welt durch die Brille der Identitätspolitik erklären. Kultureinrichtungen, von Theatern über Museen bis hin zu Verlagen, unterwerfen ihre Programme den Kriterien von „Diversität“ und „Repräsentation“, wie sie von der woken Ideologie definiert werden. Und selbst global agierende Konzerne schmücken sich mit den Symbolen und dem Vokabular des Wokismus, um sich als moralisch integre Akteure zu inszenieren und neue, junge Konsumentenschichten zu erschließen. Durch diese breite institutionelle Durchdringung entsteht eine hegemoniale Kultur, ein geschlossenes System aus sich gegenseitig bestätigenden Annahmen, das den Anschein von Allgegenwart und Unausweichlichkeit erweckt. Der neue Zeitstil wird zur Normalität, zur unsichtbaren Folie, auf der sich der gesamte öffentliche Diskurs abspielt. Wer sich außerhalb dieses Rahmens bewegt, wird nicht mehr als Teil des legitimen Gesprächs wahrgenommen, sondern als Störenfried, als ewig Gestriger, der aus dem Konsens der Anständigen ausgeschlossen werden muss.
Teil IV: Die Psychologie der Unterwerfung, Konformitätsdruck und moralische Erpressung
Die hegemoniale Stellung des neuen Zeitstils wäre nicht denkbar ohne die wirkungsvollen psychologischen Mechanismen, die seine Annahme und Verbreitung sicherstellen. Die Konformität mit der woken Doktrin speist sich weniger aus rationaler Überzeugung als aus einem komplexen Gemisch aus sozialer Angst, moralischem Geltungsdrang und einer tief sitzenden Furcht vor sozialer Ausgrenzung. Die Psychologie der Unterwerfung unter den Wokismus ist die Psychologie einer Gesellschaft, in der die Zugehörigkeit zur Gruppe der „Guten“ und „Anständigen“ zu einem zentralen Bedürfnis geworden ist.
Ein primärer Mechanismus ist das sogenannte „Virtue Signaling“, das öffentliche Zurschaustellen der eigenen moralischen Tugendhaftigkeit durch die Verwendung des korrekten Vokabulars und die Affirmation der richtigen Haltungen. In einer säkularisierten Welt, in der traditionelle religiöse und metaphysische Sinnangebote an Bedeutung verloren haben, wird die Politik und insbesondere die Identitätspolitik zu einer Ersatzreligion. Das Bekenntnis zur woken Ideologie bietet eine einfache Möglichkeit, sich auf die richtige Seite der Geschichte zu stellen und sich selbst als moralisch überlegen zu inszenieren. Es ist ein Akt der Selbsterhöhung, der umso leichter fällt, als er selten mit realen Opfern verbunden ist, sondern primär in der symbolischen Sphäre der Sprache stattfindet.
Eng damit verknüpft ist die Kultivierung von Schuld. Die woke Ideologie operiert mit einem permanenten Zustand der Anklage gegen die westliche Zivilisation und insbesondere gegen den „weißen Mann“ als deren vermeintlichen Hauptrepräsentanten. Konzepte wie „Privileg“ oder „struktureller Rassismus“ werden zu Instrumenten einer moralischen Erpressung, die den Einzelnen dazu zwingen, sich permanent zu seiner vermeintlichen Mitschuld an historischen und gegenwärtigen Ungerechtigkeiten zu bekennen. Diese Schuldkultivierung erzeugt eine Atmosphäre der Verunsicherung und der sozialen Angst. Die Furcht, durch ein falsches Wort, eine unbedachte Geste oder eine abweichende Meinung als „rassistisch“, „sexistisch“ oder „transphob“ gebrandmarkt zu werden, führt zu einer präventiven Selbstzensur.
Das wirksamste Instrument zur Durchsetzung dieser Konformität ist die „Cancel Culture“. Sie ist das Exekutivorgan des neuen Zeitstils, der moderne Pranger, der Abweichler öffentlich demütigt und sozial wie beruflich zu vernichten sucht. Die Androhung des sozialen Todes für diejenigen, die gegen die ungeschriebenen Gesetze der neuen Orthodoxie verstoßen, ist eine äußerst wirksame Disziplinierungsmaßnahme. Sie erzeugt eine Schweigespirale, in der sich immer weniger Menschen trauen, ihre wahre Meinung zu äußern, aus Angst, ins Visier eines digital organisierten Mobs zu geraten. Die Psychologie der Unterwerfung ist somit eine Kombination aus dem Lockmittel der moralischen Selbsterhöhung und der Peitsche der sozialen Vernichtung. Sie schafft einen Konformitätsdruck, dem sich nur starke, unabhängige Charaktere zu entziehen vermögen, und führt zu einer schleichenden Erosion der intellektuellen Freiheit und der offenen Debatte.
Teil V: Die Beschleunigung der Krise, Technologie und kultureller Imperialismus
Die rasante Ausbreitung und die globale Hegemonie des woken Zeitstils wären ohne zwei entscheidende Faktoren der Gegenwart nicht denkbar: die technologische Revolution durch soziale Medien und die kulturelle Dominanz des anglo-amerikanischen Raumes. Diese beiden Kräfte wirken als Brandbeschleuniger, die die Sprachkrise nicht nur verschärfen, sondern ihr auch eine planetarische Dimension verleihen. Die Technologie liefert die Infrastruktur für die blitzartige Verbreitung und radikale Durchsetzung der neuen Doktrin, während die Globalisierung sie zu einem kulturellen Exportgut macht, das weltweit die lokalen Diskurse und Traditionen zu verdrängen droht.
Soziale Medien sind das Nervensystem des Wokismus. Ihre Architektur, die auf virale Verbreitung, emotionale Mobilisierung und die Bildung von Echokammern ausgelegt ist, schafft die idealen Bedingungen für die Ausbreitung einer simplifizierenden, moralisch aufgeladenen Ideologie. Algorithmen, die auf Engagement optimiert sind, bevorzugen kontroverse und polarisierende Inhalte, was zu einer ständigen Radikalisierung des Diskurses führt. Komplexe Argumente und differenzierte Positionen haben in der Logik der kurzen Aufmerksamkeitsspanne und des schnellen „Likes“ oder „Shares“ kaum eine Chance. Stattdessen dominieren Slogans, Memes und moralische Anklagen. Die sozialen Medien sind nicht nur ein Kanal für die Verbreitung der woken Sprache, sie prägen auch ihre Form: Sie muss kurz, schlagkräftig, emotionalisierend und leicht reproduzierbar sein. Die Plattformen werden so zu globalen Resonanzräumen, in denen sich Empörungswellen binnen Stunden aufbauen und über den gesamten Globus verbreiten können.
Diese technologische Dynamik wird verstärkt durch die kulturelle Hegemonie des anglo-amerikanischen Raumes, insbesondere der amerikanischen Elite-Universitäten und Kulturindustrien. Der Wokismus ist in seinem Kern ein amerikanisches Phänomen, das aus den spezifischen historischen und sozialen Konflikten der USA erwachsen ist. Durch die globale Dominanz der englischen Sprache und der amerikanischen Popkultur wird dieses spezifisch amerikanische Deutungsmuster jedoch zu einem universellen Modell erhoben und in andere Gesellschaften exportiert. Begriffe und Konzepte, die im amerikanischen Kontext entstanden sind, wie „Critical Race Theory“, „white privilege“ oder die spezifische Form der Gender-Ideologie, werden unreflektiert auf völlig andere historische und soziale Realitäten in Europa, Asien oder Lateinamerika übertragen. Dieser Prozess hat die Züge eines neuen kulturellen Imperialismus. Er verdrängt lokale intellektuelle Traditionen und zwingt der Welt eine einheitliche, amerikanisch geprägte Schablone zur Deutung ihrer eigenen Probleme auf. Die Folge ist eine Nivellierung der kulturellen und sprachlichen Vielfalt, eine globale Monokultur des Denkens, die unter dem Banner der „Diversität“ paradoxerweise eine neue Form der Einfalt hervorbringt.
Teil VI: Die Rückeroberung der Wirklichkeit, Formen des intellektuellen Widerstands
Angesichts einer derart umfassenden und tief in die institutionellen und psychologischen Strukturen der Gesellschaft eingreifenden Krise stellt sich die Frage nach den Möglichkeiten des Widerstands. Wenn die Sprache selbst zum Schlachtfeld geworden ist, kann die Gegenwehr nicht primär auf der politischen Ebene stattfinden, sondern muss als Akt der geistigen und sprachlichen Selbstbehauptung beginnen. Die Rückeroberung der Wirklichkeit beginnt mit der Rückeroberung der Sprache. Der Widerstand gegen den neuen Zeitstil ist somit in erster Linie eine intellektuelle und charakterliche Aufgabe, die beim Einzelnen ansetzt.
Die fundamentalste Form des Widerstands ist die Weigerung, die semantische Deutungshoheit der neuen Ideologie anzuerkennen. Dies bedeutet, bewusst auf der ursprünglichen, universalistischen Bedeutung von Begriffen wie „Gerechtigkeit“, „Freiheit“ und „Gleichheit“ zu beharren und sich der korrumpierten Neufassung zu verweigern. Es ist der Akt, die Dinge beim Namen zu nennen, Euphemismen als das zu entlarven, was sie sind, Verschleierungen, und die binäre Logik von „Unterdrückern“ und „Unterdrückten“ zurückzuweisen. Diese sprachliche Präzision ist keine pedantische Spitzfindigkeit, sondern eine Form der geistigen Notwehr. Sie ist der Versuch, die Verbindung zwischen Wort und Wirklichkeit wiederherzustellen und dem ideologischen Giftnebel eine klare, auf Vernunft und Beobachtung basierende Sprache entgegenzusetzen.
Da die etablierten öffentlichen Räume, Universitäten, Medien, Kulturinstitutionen, in weiten Teilen für einen offenen Diskurs verloren sind, besteht eine weitere entscheidende Strategie in der Schaffung und Pflege alternativer Öffentlichkeiten. In einer Zeit der hegemonialen Konformität wird der private Zirkel, der Freundeskreis, in dem noch frei gedacht und gesprochen werden kann, zur Keimzelle des Widerstands. Darüber hinaus ermöglichen die neuen Technologien, die einerseits die Krise beschleunigen, auch die Bildung von Gegen-Netzwerken. Podcasts, Blogs, Online-Magazine und unabhängige Verlage können zu intellektuellen Zufluchtsorten werden, in denen die verdrängten Ideen und Argumente überleben und weiterentwickelt werden. Es geht darum, intellektuelle „Waldgänge“ im Sinne Jüngers zu unternehmen, sich aus dem Machtbereich der herrschenden Doktrin zurückzuziehen, um die eigene geistige Souveränität zu bewahren und die Grundlagen für eine zukünftige Erneuerung zu legen.
Die wirksamste intellektuelle Waffe gegen den Partikularismus der Identitätspolitik ist die Wiederbelebung des Universalismus und des aufklärerischen Erbes. Dem Kult der Gruppenidentität muss die Idee einer gemeinsamen Menschheit entgegengesetzt werden. Der Relativierung von Wahrheit und Vernunft muss der Anspruch auf objektive Erkenntnis und überindividuelle Maßstäbe entgegengestellt werden. Es geht um die Verteidigung der Prinzipien, die die Grundlage der wissenschaftlichen Methode, des Rechtsstaats und der liberalen Demokratie bilden. Dieser Universalismus ist keine naive Leugnung von Unterschieden oder Ungerechtigkeiten, sondern das Beharren darauf, dass unsere gemeinsame Menschlichkeit fundamentaler ist als jede Gruppenidentität und dass nur auf dieser Basis ein gerechtes und friedliches Zusammenleben möglich ist. Der Widerstand ist somit auch ein Akt der positiven Affirmation, die Verteidigung der großen Errungenschaften der westlichen Zivilisation gegen ihre inneren Feinde.
Schluss: Diagnose und Ausblick
Die Gesamtdiagnose lautet daher, dass es sich nicht um eine oberflächliche Debatte über „gendergerechte Sprache“ oder einzelne Reizwörter handelt, sondern um eine tiefgreifende Zivilisationskrise. Der Angriff auf den Universalismus, die Ersetzung des Leistungsprinzips durch Gruppenproporz und die Etablierung einer Kultur der moralischen Erpressung und der sozialen Angst führen unweigerlich zur Polarisierung der Gesellschaft und zur Erosion des sozialen Vertrauens. Wenn keine gemeinsame Sprache mehr existiert, die eine Brücke zwischen unterschiedlichen Perspektiven schlagen kann, zerfällt die Gesellschaft in unversöhnliche, gegeneinander kämpfende Stämme. Der Verlust des Gemeinsinns ist die logische Konsequenz des Verlusts der gemeinsamen Sprache.
Die vorliegende Untersuchung hat die gegenwärtige Sprachkrise als einen neuen „Zeitstil“ diagnostiziert, der in seiner Methode und Konsequenz an die totalitären Sprachregime des 20. Jahrhunderts erinnert. Der Wokismus, als dessen prominentester Ausdruck, erweist sich nicht als eine progressive Weiterentwicklung der aufklärerischen Ideale, sondern als deren Perversion. Durch den Mechanismus des semantischen Entrismus, die hegemoniale Durchdringung der Institutionen, die Anwendung psychologischer Disziplinierungstechniken und die Beschleunigung durch digitale Technologien hat sich eine Ideologie etabliert, die die Fundamente der offenen Gesellschaft angreift. Die Korrumpierung der Sprache ist dabei kein Nebeneffekt, sondern das zentrale strategische Instrument. Indem die Bedeutung von Wörtern gekapert und das Denken in ein rigides Korsett aus Opfer- und Täterkategorien gezwängt wird, wird der Raum für kritisches Denken, rationalen Diskurs und individuelle Freiheit systematisch verengt.
Der Ausblick kann daher nur ein verhaltener sein. Die Kräfte, die diesen Zeitstil tragen, sind mächtig und tief in den Strukturen der Gesellschaft verankert. Eine Umkehr ist nicht durch politische Appelle oder oberflächliche Korrekturen zu erreichen. Sie erfordert eine bewusste, langwierige Anstrengung zur sprachlichen und geistigen Erneuerung. Diese Anstrengung muss vom Einzelnen ausgehen, von der Weigerung, die korrumpierte Sprache zu übernehmen, vom Mut, die Wahrheit auszusprechen, und von der intellektuellen Disziplin, sich nicht von moralischer Panikmache anstecken zu lassen. Es geht um die Verteidigung der Vernunft gegen die Ideologie, des Individuums gegen das Kollektiv und der Freiheit gegen die Konformität. Der Kampf um die Sprache, so zeigt die Diagnose in aller Deutlichkeit, ist nichts Geringeres als der Kampf um die Zukunft der offenen Gesellschaft selbst. Es ist der Kampf um die Seele unserer Kultur.