Castaneda, Hesse, Eliade, Cioran – eine Versuchsanordnung
Wer heute über Carlos Castaneda schreibt, sieht sich rasch moralisch in der Defensive. Zu unerquicklich die Biografie, zu autoritär das Umfeld, zu unerquicklich auch das geistige Nachleben seiner Lehren. Doch gerade diese Unbequemlichkeit macht Castaneda interessant. Er ist weniger ein Irrtum der Literaturgeschichte als ein Symptom – für eine Epoche, die Wahrheit durch Erfahrung ersetzt und Erkenntnis mit Selbsttransformation verwechselt.
Castaneda steht damit nicht isoliert. Er gehört in eine lose Genealogie moderner Grenzgänger, jener Autoren, die nicht erklären, sondern destabilisieren. Ein Vergleich mit Hermann Hesse, Mircea Eliade und Emil Cioran macht sichtbar, wo Castaneda anschließt – und wo er gefährlich ausschert.
Hermann Hesse – Grenzerfahrung mit Geländer
Hermann Hesses Initiationsromane sind Zumutungen mit Sicherheitsvorkehrung. Sie erlauben den Blick in den Abgrund, ohne den Sturz zu riskieren. Selbst dort, wo Identität ins Wanken gerät, bleibt ein humanistischer Horizont erhalten. Krise dient der Reifung, nicht der Selbstaufgabe.
In foucaultscher Perspektive ließe sich sagen: Hesse bleibt dem Subjekt verpflichtet. Seine Grenzüberschreitungen sind Übungen der Selbstsorge, nicht der Selbstzerstörung. Das Ich wird irritiert, aber nicht delegitimiert.
Castaneda verweigert dieses Geländer. Don Juan ist kein Erzieher im klassischen Sinn, sondern ein Instrument der Entsubjektivierung. Wo Hesse integriert, operiert Castaneda am Kern der Identität. Nicht Reifung ist das Ziel, sondern Entleerung.
Mircea Eliade – Ordnung statt Erfahrung
Mircea Eliade nähert sich dem Grenzbereich als Kartograf. Mythos, Schamanismus und das Heilige erscheinen bei ihm als kulturelle Strukturen, nicht als individuelle Bewährungsproben. Eliades Denken ist archäologisch: Es legt Schichten frei, ohne sie zu aktualisieren.
Castaneda vollzieht den entscheidenden Schritt, den Eliade vermeidet. Er verwandelt Struktur in Praxis, Analyse in Technik. In foucaultschen Begriffen: Aus Wissensformen werden Machttechnologien. Das Archaische wird nicht beschrieben, sondern funktionalisiert.
Damit kippt Erkenntnis in Disziplin. Der Leser wird nicht informiert, sondern adressiert – als potenzieller Adept.
Emil Cioran – Radikalität ohne Programm
Emil Cioran ist Castaneda geistig näher als Hesse oder Eliade. Beide teilen ein fundamentales Misstrauen gegenüber Sinn, Fortschritt und Identitätsnarrativen. Doch Ciorans Radikalität bleibt negativ. Er zerstört Illusionen, ohne neue zu stiften.
Cioran betreibt, nietzscheanisch gesprochen, eine Genealogie des Trostes. Er legt frei, wo Hoffnung zur Lüge wird. Doch er verweigert jede Technik des Ersatzes. Der Leser bleibt zurückgeworfen auf sich selbst – ohne Anleitung, ohne Gefolgschaft.
Castaneda hingegen ersetzt metaphysischen Sinn durch operative Regeln. Wo Cioran Klarheit bietet, bietet Castaneda Methode. Genau darin liegt der qualitative Unterschied.
Castaneda – Wille zur Transformation
Castanedas Sonderstellung ergibt sich aus dieser Verschiebung. Sein Denken ist durchzogen von einem impliziten Willen zur Macht – nicht politisch, sondern existenziell. Wahrnehmung wird zur Ressource, Disziplin zur Tugend, der Tod zum permanenten Steuerungsinstrument.
In nietzscheanischer Perspektive ließe sich sagen: Castaneda radikalisiert die Kritik am Ich, ohne deren Voraussetzungen zu reflektieren. Er zerstört die alten Werte, ersetzt sie jedoch durch neue Askesen. Freiheit wird zur Funktion von Technik.
Hier überschreitet Castaneda die Grenze von Literatur zur Gouvernementalität. Sein Text organisiert Verhalten, formt Subjekte, erzeugt Hierarchien des Wissens. Nicht Wahrheit steht im Zentrum, sondern Formbarkeit.
Schluss – Genealogie der Verführung
Im Vergleich zu Hesse, Eliade und Cioran markiert Castaneda den Punkt, an dem Grenzgängerei kippt. Aus der Zumutung des Denkens wird die Zumutung der Selbstformung. Aus Kritik wird Programm.
Man sollte Castaneda lesen – aber genealogisch, nicht gläubig. Seine Texte sind keine Lehren, sondern Dokumente einer Moderne, die sich selbst misstraut und dennoch nicht auf Führung verzichten kann.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Don Juan existierte, sondern: Welche Machtverhältnisse entstehen dort, wo Erkenntnis zur Übung und Freiheit zur Disziplin wird?