Da geht doch noch mehr

Es ist eine jener Nachrichten, bei denen man zunächst ganz menschlich reagiert: Man blickt auf den Frühstückstisch, sieht die Marmelade, die Cornflakes, den Joghurtdeckel und fragt sich, ob man selbst eigentlich schon ein fiskalisches Ereignis ist. Die Regierung denkt über eine Plastik- und Zuckersteuer nach. Zwei Stoffe, die den deutschen Alltag mit einer Zähigkeit regieren, gegen die manche Koalition wie eine lose Gesprächsrunde in einem Regionalzug wirkt: das Süße und das Umhüllte. Nun sollen beide zur Kasse gebeten werden. Man möchte fast dankbar sein. Endlich hat jemand die wahre Verbindung zwischen dem Gummibärchen und dem Einwegbecher erkannt: Beide versprechen Haltbarkeit, und beide hinterlassen sie.

Natürlich ist eine Steuer zunächst nur eine Steuer, also jene diskrete Kunstform des Staates, dem Bürger seine Gewohnheiten so lange zu verteuern, bis er sie für eine eigene Einsicht hält. Das ist keineswegs unelegant. Die Kulturgeschichte kennt das Prinzip: Erst ist etwas Laster, dann Luxus, dann Einnahmequelle. Der Zucker hat diese Karriere schon einmal gemacht, im Kolonialwarenladen und in der Kinderstube, wo er als Belohnung auftrat, obwohl niemand erklären konnte, wofür eigentlich. Plastik wiederum war lange die große demokratische Verheißung der Moderne. Es machte Dinge billig, leicht, hygienisch, farbig und, vor allem, überall verfügbar. Man konnte damit leben, trinken, spielen, schenken, wegwerfen. Dass es anschließend noch Jahrhunderte lang auf derselben Erde leben würde, schien dem Fortschritt nicht als Gegenargument, eher als Serviceleistung.

Jetzt also die Steuer. Der politische Betrieb spricht in solchen Stunden gern vom „Lenkungsimpuls“, einem Wort, das klingt, als müsse der Staat einem verwirrten Einkaufswagen behutsam die Richtung weisen. Die Bürger sollen weniger Zucker kaufen und weniger Plastik verbrauchen. Vielleicht werden sie eines Tages, durch Preisgestaltung geläutert, vor dem Supermarkt stehen und sich fragen, ob der Vanillepudding wirklich in einem Becher, mit Deckel, Banderole, Löffel und einer kleinen, nachwachsenden Schuld an der Zukunft ausgeliefert werden muss. Man darf hoffen. Man darf aber auch daran erinnern, dass der moderne Mensch bisweilen bereit ist, drei Euro mehr für ein Getränk auszugeben, wenn das Getränk einen englischen Namen trägt und sein Deckel aus vermeintlich gutem Gewissen besteht.

Der Einwand kommt zuverlässig, und er hat eine gewisse traurige Würde: Treffen wird es wieder die kleinen Leute. Das stimmt, jedenfalls solange die kleinen Leute essen, trinken und verpackte Waren erwerben. Die großen Leute tun das selbstverständlich auch, aber bei ihnen heißt derselbe Vorgang Konsumverhalten und findet hinter Naturholzfronten statt. Eine Zuckersteuer auf Limonade kann für die Familie, die den Wocheneinkauf nach dem Angebotsschild organisiert, tatsächlich mehr sein als eine pädagogische Geste. Sie ist dann jene Art von Verbesserung, die von oben betrachtet vernünftig und von unten her betrachtet sehr genau ausgerechnet werden muss. Der Staat, dieser geduldige Erzieher, verteilt seine Lektionen nun einmal vorzugsweise an der Kasse.

Doch warum, wenn schon Erziehung durch Abgaben, bei Zucker und Plastik stehen bleiben? Der Titel dieses Regierungsprojekts müsste lauten: „Da geht doch noch mehr.“ Denn mit ein wenig Phantasie ließe sich das Land endlich in jene gesunde, saubere und haushalterisch solide Republik verwandeln, von der jedes Finanzministerium nachts träumt. Eine Steuer auf sinnlos große Geländewagen etwa, nicht als Strafe, um Himmels willen, sondern als Hinweis darauf, dass die Fahrt zum Biomarkt in einer Maschine mit Bergungskapazität für drei Alpengipfel vielleicht eine gewisse gesellschaftliche Mehrarbeit erzeugt. Eine Abgabe auf die akustische Umweltverschmutzung durch Laubbläser, deren Besitzer offenbar glauben, Herbst sei ein Angriff. Eine Sondersteuer auf den Satz „Da kann man nichts machen“, der Deutschland seit Generationen teurer kommt als jede fehlende Infrastruktur.

Auch das Zuckerproblem ließe sich konsequenter fassen. Warum allein den zugesetzten Zucker besteuern? Die politische Kommunikation selbst enthält inzwischen Mengen an Sirup, die man in anderen Kontexten deklarieren müsste. „Entlastungspaket“, „Bürokratieabbau“, „Zukunftsoffensive“: alles klangvolle Verpackungen, in denen häufig ein erstaunlich kleiner Nährwert steckt. Auf jede Regierungserklärung, die das Wort „historisch“ führt, könnte ein symbolischer Betrag erhoben werden. Nicht viel. Es ginge nur darum, die Sprachökonomie anzuregen. Vielleicht könnte man die Einnahmen unmittelbar in die Pflege der deutschen Sprache investieren, die seit Jahren unter dem Eintrag von Strategiepapieren leidet.

Natürlich wünschen sich die Verteidiger der Maßnahme eine ernsthafte Debatte: Gesundheit, Müllvermeidung, Prävention, Lenkungswirkung. Sie werden Zahlen nennen, Studien zitieren und mit jener Miene auf Diagramme zeigen, als habe ein Balken schon einmal einen Menschen davon abgehalten, bei Stress eine Tüte Chips zu öffnen. Dagegen werden die Gegner Freiheit sagen, Belastung, Bevormundung und wahrscheinlich auch Bürokratiemonster, obwohl kein Monster je so schlecht organisiert war wie ein deutscher Antrag. Beide Seiten werden recht haben, was die unerquicklichste Eigenschaft solcher Debatten ist. Zucker ist nicht bloß Zucker, sondern Trost, Gewohnheit, Industrie und Kindheit. Plastik ist nicht bloß Müll, sondern Medizin, Sicherheit, Logistik und jene Bequemlichkeit, die der Zivilisation ihre angenehmeren Stunden verschafft. Wer beides nur abschaffen will, hat vermutlich nie versucht, im Regen einen Karton Joghurt nach Hause zu tragen.

Vielleicht liegt die eigentliche Satire deshalb nicht in der Steuer, sondern in der Hoffnung, sie könne die ganze Arbeit erledigen. Man verteuert ein Symptom und nennt das eine Politik. Es ist, als würde man dem Rauch eine Rechnung schicken und das Feuer zur Privatsache erklären. Das funktioniert erstaunlich oft, weil der Preiszettel eine moralische Eindeutigkeit simuliert, die unser Alltag sonst selten bereithält. Hier die schlechte Entscheidung, dort der Centbetrag. Bezahlen, bitte.

Am Ende wird die Limonade vielleicht ein paar Cent teurer, der Becher ein wenig schuldhafter, der Haushalt einen neuen Grund haben, über die Politik zu schimpfen. Und irgendwo, in einem Ministerium mit wasserneutralen Teppichfliesen, wird jemand eine Tabelle öffnen und feststellen, dass die Einnahmen hinter den Erwartungen zurückbleiben. Das wäre dann immerhin ein Erfolg: Die Menschen hätten weniger gekauft. Oder sie hätten nur heimlich beim Discounter nebenan gekauft. Auch das wäre sehr deutsch, diese widerständige Umgehung einer Maßnahme im Namen der Sparsamkeit.

Man sollte der Regierung dennoch Mut machen. Wer den Bürger schon an Zucker und Plastik heranführt, darf nicht beim ersten guten Vorsatz erschrecken. Da geht doch noch mehr. Viel mehr sogar. Nur bitte in einer wiederverwendbaren Verpackung und ohne künstliche Süßstoffe.

Dieser Beitrag wurde unter Hauptstadtpossen abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.