Ein Hoch auf die intellektuelle Diätkost!
Endlich! Ein Lichtblick am düsteren Horizont der deutschen Bildungslandschaft. Ein Berliner Gymnasium, Hort der Elite von morgen, hat den gordischen Knoten der Literaturvermittlung zerschlagen. Die Lösung ist so genial wie einfach: Man nehme die komplexen, sprachlich anspruchsvollen Werke unserer literarischen Giganten und schrumpfe sie auf ein bekömmliches, leicht verdauliches Maß. „Faust“ für Dummies, „Nathan der Weise“ als Baukasten, ein Triumph der pädagogischen Effizienz!
Eine Lehrkraft, deren Pragmatismus man nur bewundern kann, bringt es auf den Punkt: Man habe „vor allem aus Zeitgründen“ zur vereinfachten Version gegriffen. Welch eine brillante Einsicht! Zeit ist Geld, auch in der Bildung. Warum sollten sich unsere zukünftigen Leistungsträger mit der „Schönheit der Sprache“ aufhalten, wenn es doch primär um die Handlung geht? Die Ringparabel in „Nathan der Weise“? Eine nette Geschichte über Schmuck. Fausts Ringen mit dem Teufel? Ein Business-Deal, der schiefging. Die Quintessenz zählt, nicht das sprachliche Lametta drumherum.
Kritiker, wie jener ewiggestrige Referendarausbilder, der den Vergleich mit Mozarts Opern wagt, haben den Schuss nicht gehört. „In der Musik kommt doch auch niemand auf die Idee, Mozarts Opern in simple Klänge zu verwandeln“, lamentiert er. Aber warum eigentlich nicht? Stellen wir uns „Die Zauberflöte“ vor, reduziert auf die eingängigsten Gassenhauer, gespielt auf einem Xylophon. Ein ganzes Orchester? Viel zu komplex! Ein paar Noten weniger, und schon wird aus der Hochkultur ein barrierefreies Klangerlebnis für alle. Die Arie der Königin der Nacht? Ein prägnanter Jingle, ideal für die nächste TikTok-Challenge.
Folgen wir diesem leuchtenden Beispiel aus Berlin, so steht uns eine glorreiche Zukunft bevor. Die komplizierte Integralrechnung? Ersetzen wir sie durch simples Addieren und Subtrahieren, das Ergebnis ist ja ohnehin nur eine Zahl. Der Dreißigjährige Krieg? Eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Schlachten als Comicstrip. Die Relativitätstheorie? Ein griffiger Merksatz, der auf einen Bierdeckel passt. Die Möglichkeiten sind endlos!
Wir stehen am Beginn einer neuen Ära. Einer Ära, in der die intellektuelle Anstrengung als unzumutbare Belästigung gilt. Einer Ära, in der die Tiefe und der Reichtum unserer Kultur auf das Niveau von Fast Food herabgesetzt werden, schnell, billig und ohne bleibenden Nährwert. Ein Hoch auf die Bildungsdiät! Sie wird uns eine Generation von Schülern bescheren, die perfekt auf die Anforderungen einer oberflächlichen Welt vorbereitet ist: fähig, Informationen zu konsumieren, aber unfähig, sie zu verstehen; fähig, zu kommunizieren, aber unfähig, sich auszudrücken. Prost, auf die glorreiche Verdummung!