Eine Meditation über das barocke Adagio und die Endlichkeit
Es ist eine sonderbare und doch tief vertraute Regung, die uns ergreift, wenn die ersten getragenen Noten eines barocken Largo oder Andante den Raum zu füllen beginnen. Der anfängliche Glanz des Allegros, sein preschender, lebensbejahender Puls, weicht einer plötzlichen Gravitation. Der Klang dehnt sich, wird schwerer, und in dieser Dehnung scheint sich für einen Augenblick der Vorhang zu lüften, der das Getriebe der Welt verhüllt. Es liegt darin der Hauch einer Verzweiflung über die Endlichkeit des Menschen. Diese Wahrnehmung ist mehr als nur Hören; sie ist ein Lauschen, durch das sich eine Wahrheit offenbart, die dem flüchtigen Wort oft verschlossen bleibt.
Was geschieht in diesen Momenten? Die Musik hört auf, eine bloße Abfolge von Tönen zu sein; sie wird zur tönenden Gestalt der Zeit selbst. Im schnellen Satz, im Taumel der Gigue oder der Courante, erleben wir die Zeit als Rausch, als Vorwärtsdrang, als eine Illusion der Unendlichkeit, in der ein Moment den nächsten jagt, ohne dass wir seines Vergehens gewahr werden. Wir leben in der Zeit, aber wir spüren sie nicht. Das Adagio aber kehrt dieses Verhältnis um. Es nimmt die Zeit aus ihrem gewohnten Fluss, hält sie an und zwingt uns, ihr ins Antlitz zu blicken. Jede Note, jeder langgezogene Bogenstrich, jeder bedächtige Akkord des Cembalos ist nicht länger nur ein Punkt auf einer Linie, sondern ein ausgedehnter Raum, ein gefülltes Jetzt. In diesem gedehnten Jetzt aber wird die Leere spürbar, die es umgibt: die Stille davor, die Stille danach. Und in dieser Konfrontation mit der Stille, die nichts anderes ist als der klangliche Ausdruck des Nichts, erwacht das Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit.
Der langsame Satz des Barock ist ein musikalisches Memento Mori. Er ist der klingende Beweis dafür, dass der Mensch seiner Sterblichkeit nicht nur im Angesicht des Todes selbst, sondern im tiefsten Erleben der Zeit innewird. Die Seufzermotive, jene kleinen, fallenden Melodiegesten, sind mehr als nur rhetorische Figuren; sie sind das hörbare Nachgeben der Seele vor der Schwerkraft des Seins. Es ist das Einatmen vor dem unausweichlichen Ausatmen, das letzte Aufbäumen vor dem Sinken. Die Dissonanzen, jene schmerzhaften Reibungen, die sich nur zögerlich in eine erlösende Konsonanz auflösen, malen nicht nur ein Gefühl, sie sind der gefühlte Widerstreit des Lebenswillens gegen das Wissen um sein Ende. Es ist der Klang des Herzens, das schlägt und doch weiß, dass jeder Schlag einer weniger ist.
Man könnte einwenden, dies sei eine moderne, eine existentialistische Hineinlesung in eine ferne Epoche. Doch das Gegenteil ist der Fall. Vielleicht war keine Zeit dem Bewusstsein der Endlichkeit näher als das Barock, das zwischen dem ausschweifenden Carpe Diem und dem allgegenwärtigen Schatten des Todes tanzte. Die Musik war hier kein Eskapismus, keine Flucht vor der Realität, sondern deren höchste Form der Vergegenwärtigung. Sie bot keinen Trost im Sinne einer leichten Ablenkung, sondern den tiefen, schmerzhaften Trost, der allein in der Anerkennung der Wahrheit liegt. Indem die Musik die Verzweiflung nicht übertünchte, sondern ihr eine Form gab, eine erhabene, geordnete, fast architektonische Form,, machte sie das Unaussprechliche erträglich. Sie lehrte nicht, die Endlichkeit zu besiegen, sondern in ihr zu verweilen, ihre Schwere zu spüren und in diesem Spüren eine tiefere, ernstere Form von Lebendigkeit zu entdecken.
Das barocke Adagio ist somit ein philosophischer Akt. Es stellt die große Frage nach dem Sein im Angesicht des Nichtseins nicht mit Worten, sondern mit Schwingungen. Es argumentiert nicht, es offenbart. Es führt uns an den stillen Abgrund unserer eigenen Existenz und lässt uns für die Dauer einiger Takte die kalte, klare Luft der Ewigkeit atmen. Und wenn dann der Schlusston verklingt und wieder die profane Stille des Raumes eintritt, ist es nicht mehr dieselbe Stille wie zuvor. Es ist eine Stille, die nun von der Erinnerung an den Klang erfüllt ist, und vom Wissen um die eigene, fragile, unendlich kostbare Zeit. Die Verzweiflung, die Sie hören, ist die Verzweiflung der Erkenntnis. Aber in dieser Erkenntnis liegt auch die einzige Würde, die uns als endlichen Wesen zuteilwerden kann.