Es geht wieder ein Gespenst um in Europa…

Es geht wieder ein Gespenst um in Europa. Nicht das Marx’sche Gespenst, das wenigstens noch einen Hauch intellektuellen Unterhaltungswert besaß, sondern ein weit gefährlicheres: das Gespenst des Friedens. Kaum ausgesprochen, erzeugt es in den Machtzentren des Kontinents hysterische Atemnot, jene spezielle Form politischer Panik, die entsteht, wenn Realitäten drohen, sich gegen das bequeme Selbstbild zu wenden.

Die Ironie ist so dick, dass man sie mit der Schneeschaufel abtragen könnte: Gerade die drei am höchsten verschuldeten Länder Europas, Frankreich, Großbritannien, Deutschland, spielen heute den moralisch empörten Dreivierteltakt der Kriegsrhetorik. Wer am tiefsten in den roten Zahlen hängt, spielt die Tapferkeits-Trompete am lautesten.

Komisch das… aber Komik war schon immer die höflichste Form des Grauens.

In Paris wird die Staatskasse mittlerweile mit der Grazie eines ärztlich nicht mehr zu rettenden Patienten beatmet, aber die Regierung findet immer noch Kraft, mit pathetischer Brust Aufrüstung zu beschwören. London wiederum knallt geostrategische Parolen heraus, als könne man damit die Löcher im Haushalt verstopfen. Und Berlin, ach, Berlin, hat sich aus dem Land der Haushaltsdisziplin in eine artifiziell-moralische Wendestube verwandelt: Die Finanzen mag man ruiniert haben, aber dafür hält man sich selbst für den moralischen Leuchtturm des Globus. Selbstüberschätzung ist eben die Lieblingsdroge deutscher Politik.

Währenddessen beobachtet die Börse, dieses nervöse Biest, die Lage mit der Eleganz eines junkigen Nachtfalters. Ein Hauch diplomatischer Möglichkeit, nicht einmal ein Friedensplan, eher ein Gerücht über ein Gerücht, und sofort gerät der Aktienkurs eines Rüstungskonzerns ins Stottern. Frieden ist ein Geschäftsrisiko. Krieg dagegen ist berechenbar. Die Märkte wissen: Konflikt ist Cashflow, Deeskalation ist Störung im Betriebsablauf. Und so benimmt sich der Finanzmarkt wie ein Pyromane, der sich beschwert, wenn es zu regnen beginnt.

Der Blick auf die drei großen Schuldenmaschinen Europas zeigt, wie sehr Politik inzwischen zur Theaterdisziplin verkommen ist. Man spielt den entschlossenen Verteidiger der zivilisatorischen Werte, während man hinter dem Vorhang hektisch neue Löcher in die Kreditdeckel bohrt. Frieden wäre schlechtes Timing. Frieden würde die Ausreden ruinieren. Frieden ist der Zustand, in dem man plötzlich erklären müsste, warum man Jahrzehnte lang finanzpolitische Realität durch politische Erzählung ersetzt hat.

Krieg, oder wenigstens der ständige Hinweis auf seinen drohenden Ausbruch, erfüllt dagegen die wichtigste Funktion moderner Staatskunst: Er liefert Narrative, mit denen man Haushaltslöcher füllen kann, ohne dass jemand unangenehme Fragen stellt. Wenn der Bürger hört, dass man „verteidigen“ müsse, unterschreibt er alles, bis hin zu seiner eigenen ökonomischen Selbstdemontage. Patriotismus ist billiger als solide Buchführung.

Und so schleicht das Gespenst von Europa weiter, nicht als Bedrohung, sondern als Offenbarung: Frieden ist der Lackmus-Test politischer Aufrichtigkeit. Und da der Test negativ ausfallen würde, muss er gar nicht erst stattfinden. Die politische Klasse flüchtet sich lieber in die vertraute Pose entschlossener Wehrhaftigkeit, als sich der Realität ihrer eigenen Misswirtschaft zu stellen.

Merkwürdig nur, dass ausgerechnet jene Länder, die finanziell am tiefsten im Sumpf stehen, sich moralisch am höchsten aufzurichten versuchen. Aber vielleicht ist das genau die Logik dahinter: Wer nichts mehr hat, klammert sich an seine Pose. Und wer in Zahlen ertrinkt, schwimmt im Pathos.

Es geht wieder ein Gespenst um in Europa: Frieden.

Und das einzige, was die Regierenden mehr fürchten als seine Ankunft, ist sein Schweigen. Denn Frieden spricht Klartext. Krieg spricht Ablenkung. Und Europa hat sich entschieden, wem es zuhört.

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