Resilienz

Die Kunst, mit dem Gesicht in der Windmaschine zu lächeln

Es gab eine Zeit, da genügte es, zu leiden. Man litt an der Welt, am Wetter, an der Politik, an der eigenen Schwiegermutter. Das Leiden war unerquicklich, aber immerhin ehrlich. Heute dagegen leidet man nicht mehr. Man „arbeitet an seiner Resilienz“.

Resilienz – das ist jenes Zauberwort, das klingt, als sei es in einem klimatisierten Thinktank zwischen Bambuspflanze und Flipchart geboren worden. Es duftet nach Achtsamkeits-App und PowerPoint-Folie, nach ergonomischem Bürostuhl und glutenfreiem Durchhaltevermögen. Wer es ausspricht, setzt unwillkürlich ein Gesicht auf, das zugleich betroffen und kompetent wirkt.

Früher nannte man Menschen, die viel aushielten, schlicht zäh. Oder stur. Oder unglücklich. Heute sind sie resilient. Das klingt nicht nur besser, es klingt nach Workshop.

Die neue Bürgerpflicht: Widerstandskraft mit Zertifikat

Resilienz ist keine Eigenschaft mehr, sondern eine moralische Verpflichtung. Wer sie nicht besitzt, hat offenbar seine Hausaufgaben im Selbstoptimierungskurs nicht gemacht.

Du bist erschöpft? Dann fehlt Dir Resilienz.

Du bist empört? Dann mangelt es an Resilienz.

Du bist verzweifelt? Dann bitte einmal tief durchatmen – Resilienz-Training montags, Raum 3.2, neben dem Kreativraum mit Sitzsäcken.

Man muss sich das vorstellen: Die Welt brennt, die Preise steigen, die politischen Debatten gleichen einer Mischung aus Kleinkindtheater und Endzeitkabarett – und irgendwo steht ein Coach, der Dir erklärt, wie Du innerlich wie eine Eiche im Herbstwind bleibst. Nicht die Stürme sind das Problem, sondern Deine fehlende Standfestigkeit.

Resilienz ist die elegante Verschiebung der Verantwortung vom System ins Seelenleben. Wenn der Druck steigt, wird nicht die Maschine hinterfragt, sondern der Mensch, der unter ihr steht. „Vielleicht solltest Du lernen, das besser auszuhalten.“ Ein Satz, der klingt wie ein Trostpflaster, aber riecht wie eine Disziplinarmaßnahme.

Vom Stehaufmännchen zur Gummizelle

Das Resilienz-Ideal ist das Stehaufmännchen. Man schlägt es um, es richtet sich wieder auf. Man tritt es beiseite, es lächelt tapfer. Es hat keine Einwände, keine Erschöpfung, keine Wut. Es hat lediglich Potenzial zur Weiterentwicklung.

In dieser Welt gilt als verdächtig, wer nicht sofort wieder aufspringt. Wer liegenbleibt, denkt womöglich nach. Wer zweifelt, könnte ja auf die Idee kommen, dass gewisse Umstände nicht naturgegeben sind.

Resilienz wirkt deshalb wie eine Mischung aus Stoizismus light und Unternehmensphilosophie. „Was wir nicht ändern können, akzeptieren wir – und was wir ändern könnten, lassen wir ebenfalls, solange wir nur innerlich stabil bleiben.“

Der antike Stoiker zog sich in die Philosophie zurück, um die Unverfügbarkeit der Welt zu ertragen. Der moderne Resilienz-Adept zieht sich in ein Webinar zurück, um die Unvermeidlichkeit der Quartalszahlen zu verarbeiten.

Das Leiden als Lifestyle-Defizit

Bemerkenswert ist, wie sehr Resilienz das Leiden ästhetisiert. Es ist nicht mehr tragisch, sondern transformativ. Ein Burnout ist kein Zusammenbruch mehr, sondern ein „Lernmoment“. Die Kündigung kein Absturz, sondern eine „Chance zur Neuausrichtung“.

Selbst der Weltuntergang ließe sich vermutlich als „Phase erhöhter Anpassungsanforderungen“ labeln. Wichtig ist nur, dass Du daran wächst. Wer nicht wächst, schrumpft – und Schrumpfen gilt als unschön.

Resilienz verlangt vom Individuum eine erstaunliche Elastizität. Man soll biegsam sein wie Bambus, belastbar wie Stahl und dabei sensibel wie ein Windspiel im Zen-Garten. Am besten alles gleichzeitig.

Das ist kein Charakter mehr, das ist ein Hochleistungsmaterial.

Der Resilienz-Markt

Wo ein Modewort, da ein Markt. Bücherregale ächzen unter Titeln wie „Die sieben Säulen der Resilienz“, „Resilienz für Führungskräfte“, „Resilienz im Homeoffice“, „Resilienz für Hundehalter“.

Man kann Resilienz offenbar in Scheiben schneiden, in Module packen und als Wochenendseminar verkaufen. Es gibt Podcasts, Arbeitsblätter, Morgenroutinen. Der resilient gewordene Mensch beginnt seinen Tag mit Atemübungen, Affirmationen und einem Lächeln, das auch dann noch hält, wenn der Kaffee kalt und das Leben unerquicklich ist.

Resilienz ist die einzige Ware, die Dir verspricht, dass Du alles aushältst – solange Du weiter kaufst.

Die stille Grausamkeit der positiven Parole

Das eigentlich Perfide am Resilienz-Diskurs ist seine Freundlichkeit. Niemand sagt Dir offen, dass Du Dich zusammenreißen sollst. Man lädt Dich ein, „Deine Ressourcen zu aktivieren“. Niemand fordert Dich auf, zu funktionieren. Man ermutigt Dich, „Dein Potenzial zu entfalten“.

Es ist die Rhetorik des Samthandschuhs, unter dem sich eine eiserne Erwartung verbirgt: Sei stabil. Sei belastbar. Sei flexibel. Und vor allem: Sei kein Problem.

Wer Resilienz fordert, stellt selten die Frage, ob gewisse Belastungen vielleicht unanständig sind. Stattdessen wird am Individuum gefeilt wie an einem fehlerhaften Bauteil.

Ein Vorschlag zur Güte

Vielleicht wäre es heilsam, dem Modewort ein wenig Ungehorsam entgegenzusetzen. Nicht jede Erschütterung verlangt nach Elastizität. Manches verlangt nach Widerstand. Nicht jedes Leiden ist ein Trainingsreiz. Manches ist ein Skandal.

Man darf müde sein, ohne sich sofort therapieren zu lassen. Man darf wütend sein, ohne Atemübungen zu absolvieren. Man darf auch zerbrechen – und darin eine Wahrheit entdecken, die kein Workshop vermitteln kann.

Resilienz mag eine Tugend sein. Aber sie ist keine Religion. Und sie ersetzt weder Gerechtigkeit noch Veränderung.

Vielleicht besteht wahre Stärke manchmal gerade darin, nicht alles auszuhalten. Sondern sich zu weigern.

Und sollte Dir demnächst jemand mit aufmunterndem Blick zuflüstern, Du müsstest nur ein wenig an Deiner Resilienz arbeiten, dann lächle freundlich – und frage zurück, ob nicht vielleicht die Welt ein kleines Training nötig hätte.

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