Rollen bald wieder alle Räder…?

Meine Damen und Herren, es ist ein historischer Moment! Ein Ruck geht durch Deutschland, ein stählerner Wind fegt durch die Amtsstuben und die Herzen der Bürger. Generalmajor Wolf-Jürgen Stahl, ein Mann, dessen Name allein schon nach Krupp-Stahl, preußischer Disziplin und dem Geruch von Waffenöl klingt, hat uns die frohe Botschaft verkündet: Wir müssen wieder mehr tun! Mehr arbeiten, mehr dienen, mehr Zeit in unsere Sicherheit investieren. Endlich! Die Zeit des verweichlichten Friedens, der 4-Tage-Woche, der Hafermilch-Cappuccinos und der narzisstischen Selbstverwirklichung ist vorbei. Die 48-Stunden-Woche und die Wehrpflicht werden uns retten. Halleluja! Man kann die kollektive Erleichterung im Land förmlich spüren, eine Welle der Begeisterung, die von den Vorstandsetagen der Rüstungskonzerne bis in die Schützengräben der sozialen Medien schwappt.

Die Jugend, diese bisher so orientierungslose Generation, die sich in den Labyrinthen von Selbstfindung, Klimaprotesten und Gender-Studies verirrt hat, bekommt endlich wieder eine klare, unmissverständliche Aufgabe. Statt sich mit sinnlosen Dingen wie Bildung, sozialer Gerechtigkeit oder der Rettung des Planeten zu beschäftigen, dürfen sie bald wieder lernen, was im Leben wirklich zählt: im Gleichschritt marschieren, das Bett in exaktem 90-Grad-Winkel bauen und den Feind erkennen. Und der Feind, so lernen wir von Generalmajor Stahl, ist nicht nur der Russe, der sein Land über das Notwendige hinaus aufrüstet. Nein, der Feind ist auch die Bequemlichkeit, die Freizeit, der Gedanke an ein Leben jenseits von Pflicht und Gehorsam. Er führt „hybride Angriffe“ gegen uns, während wir ahnungslos unsere Avocado-Toasts genießen und von einer besseren Welt träumen. Aber damit ist jetzt Schluss! Mit der Wehrpflicht werden wir eine Generation von Cyber-Kriegern heranzüchten, die den russischen Troll-Armeen mit perfekt gefalteter Unterwäsche und einem schneidigen „Jawohl, Herr Generalmajor!“ entgegentreten. Die digitale Front wird nicht mit Code verteidigt, sondern mit Disziplin! Der „hybride Angriff“ wird mit dem Spaten abgewehrt, und der Desinformationskampagne begegnet man am besten mit einem strammen Appell.

Und dann die 48-Stunden-Woche! Ein Geniestreich von solch blendender Logik, dass man sich fragt, warum die Gewerkschaften nicht schon längst darauf gekommen sind. Während andere, weniger erleuchtete Nationen über flexible Arbeitszeiten, Home-Office und eine bessere Work-Life-Balance diskutieren, erkennen wir in Deutschland die Zeichen der Zeit. Nur wer mehr arbeitet, kann auch mehr für die Rüstungsindustrie produzieren. Die Panzer müssen rollen, die Gewehre müssen schießen, und dafür braucht es eben ein paar Überstunden. Das ist doch eine einfache Rechnung. Wer braucht schon Freizeit, wenn er stattdessen für die Sicherheit des Vaterlandes schuften kann? Die Familie, die Freunde, die Hobbys, all das sind doch nur hedonistische Ablenkungen von der eigentlichen Pflicht eines jeden Deutschen: die Verteidigungsfähigkeit zu stärken und die Auftragsbücher von Rheinmetall zu füllen. Stellen Sie sich die Effizienz vor! Müde, aber patriotische Ingenieure, die nach 45 Stunden Arbeit die genialsten Ideen für neue Waffensysteme haben. Qualität durch Quantität, ein altbewährtes deutsches Prinzip feiert seine glorreiche Wiederauferstehung.

Man stelle sich die blühenden Landschaften vor, die uns erwarten. Die Rüstungsindustrie boomt, die Arbeitslosenzahlen sinken (wer nicht arbeitet, wird eingezogen), und die Moral der Truppe ist auf einem Allzeithoch. Jeder junge Mann und jede junge Frau wird die Kaserne als gestählter Charakter verlassen, bereit, sich den Herausforderungen der globalisierten Welt zu stellen. Oder zumindest bereit, den Befehlen eines Vorgesetzten ohne Widerrede zu gehorchen. Und ist das nicht die wichtigste Qualifikation in der heutigen Zeit? Eine Generation, die nicht mehr nach dem „Warum“ fragt, sondern nur noch nach dem „Wie schnell?“. Eine Generation, die gelernt hat, dass Individualität ein Sicherheitsrisiko darstellt und das Kollektiv alles ist. Das ist der Stoff, aus dem Helden gemacht sind. Oder zumindest willige Arbeitskräfte für die Rüstungsindustrie, die nach dem Wehrdienst nahtlos in die 48-Stunden-Woche übergehen können.

Natürlich gibt es auch ein paar Nörgler und Bedenkenträger. Die, die fragen, ob ein paar Monate Grundausbildung wirklich ausreichen, um mit den hochtechnisierten Armeen der Zukunft mitzuhalten. Die, die bezweifeln, dass eine 48-Stunden-Woche die Produktivität steigert und nicht eher zu Burnout, Fachkräftemangel und einer Flucht ins benachbarte Ausland führt. Aber das sind doch nur die üblichen Miesmacher, die den Ernst der Lage nicht erkennen wollen. Generalmajor Stahl hat es doch klar gesagt: Wir müssen „qualifiziert schneller einsatzbereit werden“. Und was ist qualifizierter als ein junger Mensch, der gelernt hat, sein G36-Gewehr im Schlaf zu zerlegen und wieder zusammenzusetzen? Das ist die Art von Qualifikation, die uns in Zukunft weiterbringen wird. Die Fähigkeit, komplexe Probleme zu lösen, wird doch völlig überbewertet. Was wir brauchen, ist die Fähigkeit, Befehle auszuführen. Und wenn die Befehle lauten, mehr zu arbeiten und weniger zu denken, dann ist das eben so.

Und die zivile Verteidigungsbereitschaft! Auch hier hat der Generalmajor eine klare Vision. Schluss mit der Freiwilligkeit! Der Staat muss dafür Sorge tragen, dass jeder seinen Platz kennt und seine Aufgabe erfüllt. Ob im Krankenhaus, bei der Feuerwehr oder in der Kantine, die die tapferen Rüstungsarbeiter versorgt, jeder muss seinen Beitrag leisten. Das ist die wahre Solidarität. Nicht die, die auf Mitgefühl und freiem Willen beruht, sondern die, die auf Befehl und Notwendigkeit basiert. Das ist die Art von Solidarität, die Kriege gewinnt. Oder zumindest die nächste Wahl. Die Gesellschaft wird zu einer gut geölten Maschine, in der jedes Rädchen funktioniert, wie es soll. Kein Sand im Getriebe durch störende Individualinteressen. Kein Murren, kein Klagen, nur das rhythmische Stampfen der Stiefel und das Surren der Maschinen.

Also, freuen wir uns auf die neue, alte Zeit! Die Zeit, in der die Räder wieder für den Sieg rollen, oder zumindest für die Verteidigungsfähigkeit. Die Zeit, in der wir alle ein bisschen mehr Stahl in unserem Leben haben werden. Und wenn wir dann abends nach 10 Stunden Arbeit in der Munitionsfabrik nach Hause kommen, können wir stolz auf uns sein. Wir haben unseren Beitrag geleistet. Wir haben Deutschland wieder ein Stück sicherer gemacht. Und wer weiß, vielleicht gibt es ja dann auch wieder einen Orden dafür. Das wäre doch was. Ein kleines Blechkreuz für die Brust, als Trost für die verlorene Lebenszeit. Ein Symbol dafür, dass wir alle Teil von etwas Größerem sind. Etwas, das wir nicht verstehen müssen, solange wir nur gehorchen. Und am Ende des Tages, wenn wir erschöpft ins Bett fallen, können wir mit dem beruhigenden Gefühl einschlafen, dass irgendwo da draußen ein Generalmajor über uns wacht. Ein Mann aus Stahl, der weiß, was gut für uns ist. Und das ist doch die Hauptsache.

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