Die gegensätzlichen Strategien in einer neuen Ära des Konflikts
In der Landschaft der modernen Militärstrategie stehen zwei Werke wie tektonische Platten gegeneinander: „Unrestricted Warfare‟ von den chinesischen Obersten Qiao Liang und Wang Xiangsui und „The Dragons and the Snakes‟ des australischen Strategen David Kilcullen. Obwohl beide die Evolution des Konflikts im 21. Jahrhundert sezieren, tun sie dies aus diametral entgegengesetzten Perspektiven und mit fundamental unterschiedlichen Absichten. Das eine ist ein Manifest des Herausforderers, das andere die Diagnose der herausgeforderten Macht. Gemeinsam zeichnen sie ein scharfes Bild einer Welt, in der die alten Regeln des Krieges nicht mehr gelten.
Die Intention von Qiao Liang und Wang Xiangsui, formuliert im Jahr 1999, ist unmissverständlich proaktiv und offensiv. Ihr Werk ist ein intellektueller Schlachtplan, geschrieben aus der Perspektive einer aufstrebenden Macht – China –, die nach Wegen sucht, die technologische und militärische Dominanz der USA zu untergraben. Es ist ein Rezeptbuch für den asymmetrischen Sieg. Die Autoren argumentieren, dass der Krieg nicht länger auf das Schlachtfeld beschränkt ist, sondern sich auf alle Bereiche der Gesellschaft ausgedehnt hat. Ihre zentrale Botschaft an die eigene Führung lautet: Um zu gewinnen, müssen wir die Definition von Krieg selbst erweitern.
Ihre Analyse identifiziert die größte Stärke des Westens – seine technologische Überlegenheit – gleichzeitig als seine größte Schwäche. Sie sehen die USA als einen mächtigen, aber fantasielosen Giganten, der unfähig ist, Bedrohungen außerhalb des konventionellen militärischen Spektrums zu erkennen. „Unrestricted Warfare“ ist daher ein Aufruf, genau diese blinden Flecken auszunutzen. Es propagiert eine Kriegsführung ohne Regeln, bei der wirtschaftliche Angriffe, juristische Manöver (Lawfare), Cyberattacken und psychologische Operationen nicht nur unterstützende Maßnahmen, sondern gleichwertige, wenn nicht sogar überlegene Waffen sind. Die Intention ist es, einen Werkzeugkasten für den „Underdog‟ zu schaffen, der es ihm ermöglicht, den Riesen nicht durch frontale Konfrontation, sondern durch tausend Nadelstiche in seinen verwundbarsten, ungeschützten Bereichen zu Fall zu bringen. Es ist eine Anleitung zum Regelbruch als strategische Notwendigkeit.
Zwei Jahrzehnte später liefert David Kilcullen mit „The Dragons and the Snakes‟ die Antwort des Westens auf die Früchte dieser Denkweise. Seine Intention ist nicht präskriptiv, sondern diagnostisch und reaktiv. Er schreibt nicht für den Angreifer, sondern für den Verteidiger, der plötzlich feststellt, dass seine Festungsmauern porös geworden sind. Kilcullens Werk ist eine nüchterne Analyse dessen, wie die Gegner des Westens, sowohl staatliche „Drachen‟ wie China und Russland als auch nicht-staatliche „Schlangen‟ wie Terrornetzwerke, die westliche Kriegsführung studiert und daraus gelernt haben.
Kilcullen beschreibt eine Welt, in der die Kriege in Afghanistan und im Irak zu einem unfreiwilligen Freiluftlabor für die Gegner des Westens wurden. Sie beobachteten, passten sich an und entwickelten Gegenstrategien. Die „Drachen‟ übernahmen Guerillataktiken und operieren in Grauzonen knapp unterhalb der Schwelle eines offenen Krieges, während die „Schlangen‟ mit Drohnen und verschlüsselter Kommunikation technologisch aufrüsteten. Kilcullens zentrale Erkenntnis ist die Konvergenz dieser beiden Akteure. Seine Intention ist es, der westlichen Sicherheitsgemeinschaft einen Spiegel vorzuhalten und zu warnen: Die Bedrohungslandschaft hat sich fundamental verändert. Die klaren Trennlinien zwischen Krieg und Frieden, zwischen staatlichem Militär und irregulärer Guerilla, sind verschwunden. Seine Analyse ist der Befund eines Arztes, der einen Patienten untersucht, der von einem Giftcocktail geschwächt wurde, dessen Rezeptur Qiao und Wang Jahre zuvor entworfen hatten.
Stellt man die Intentionen beider Werke gegenüber, offenbart sich ein faszinierendes Spiegelbild. Qiao und Wang schreiben ein Handbuch, *wie man angreift*. Kilcullen schreibt eine Analyse, *wie man angegriffen wurde und wird*. Die chinesischen Autoren wollen ihre Nation befähigen, die globale Ordnung zu verändern. Kilcullen will die westliche Welt befähigen, ihre Position in dieser sich verändernden Ordnung zu verteidigen. „Unrestricted Warfare‟ ist der kühne Entwurf einer neuen Art von Offensive; „The Dragons and the Snakes‟ ist die alarmierte Chronik einer neuen Art von Defensive, die erst noch erfunden werden muss.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass beide Bücher zwei Seiten derselben Medaille des modernen Konflikts beleuchten. Sie zeigen, dass der Krieg nicht mehr nur eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln ist, sondern eine permanente Auseinandersetzung, die auf allen Ebenen der globalisierten Welt geführt wird. Während Qiao und Wang die Blaupause für diese neue Realität lieferten, hat Kilcullen ihre Manifestation in der Praxis dokumentiert. Ihre kombinierten Werke sind somit ein unverzichtbarer Leitfaden zum Verständnis der Spannungen und der Natur der Machtkämpfe im 21. Jahrhundert.