Es gibt Zeiten, da verschwindet etwas nicht mit einem Knall, sondern mit einem Achselzucken. Die Friedensbewegung ist ein solches Phänomen. Einst war sie laut, unerquicklich, störend,+ heute ist sie vor allem: abwesend. Und diese Abwesenheit fällt umso greller ins Auge, je schriller die gegenwärtige Kriegshysterie intoniert wird, orchestriert von einem polit-medialen Kartell, das den Ernstfall nicht mehr als Möglichkeit, sondern als moralische Pflicht behandelt.
Der neue Ton ist bekannt: Krieg heißt jetzt „Verantwortung“, Aufrüstung „Abschreckung“, Truppenverlegung „Friedenssicherung“. Wer Nato-Soldaten in der Ukraine als „Friedenswächter“ etikettiert, weiß um die Macht der Worte, und um die Bequemlichkeit eines Publikums, das sich allzu gern beruhigen lässt. Der Soldat als humanitärer Sozialarbeiter mit Sturmgewehr: eine Metapher, die nur funktioniert, wenn man bereit ist, Wirklichkeit durch Wortkosmetik zu ersetzen.
Genau hier hätte sie ihren Platz, die Friedensbewegung. Nicht als sentimentale Lichterkette, sondern als intellektuelle, moralische, politische Instanz. Als Störung des Konsenses. Als Erinnerung daran, dass Militärbündnisse keine Wohlfahrtsorganisationen sind und Kriege nicht dadurch friedlich werden, dass man sie semantisch entkernt. Doch statt Widerspruch herrscht Schweigen. Oder, schlimmer noch: Zustimmung.
Die Gründe für dieses Verschwinden sind vielfältig, aber unerquicklich eindeutig. Ein Teil der ehemaligen Friedensbewegung ist in der Regierung angekommen, und hat dort gelernt, dass Prinzipien erstaunlich flexibel werden, sobald sie auf Koalitionsverträge treffen. Ein anderer Teil ist im moralischen Furor aufgegangen: Wer nicht eindeutig „Position bezieht“, wer zögert, abwägt oder fragt, steht rasch im Verdacht der Parteinahme für den Aggressor. Pazifismus gilt als naiv, Diplomatie als Feigheit, Zweifel als Verrat.
So entsteht eine merkwürdige Umkehrung: Frieden wird nicht mehr als Ziel gedacht, sondern als Zustand, der erst nach maximaler Eskalation eintreten darf. Erst die Waffen, dann die Vernunft. Erst die Truppen, dann der Dialog. Dass diese Logik historisch zuverlässig gescheitert ist, stört kaum. Geschichte gilt ohnehin als störendes Hintergrundrauschen, wenn der moralische Imperativ erst einmal trommelt.
Die Medien spielen dabei ihre vertraute Rolle. Komplexität wird reduziert, Ambivalenz eliminiert, Gegenstimmen marginalisiert. Talkshows funktionieren wie Echokammern mit wechselndem Personal, aber konstantem Grundton: Mehr Einsatz, mehr Härte, mehr Entschlossenheit. Wer fragt, was ein direkter Nato-Einsatz in der Ukraine tatsächlich bedeutet, militärisch, geopolitisch, zivilisatorisch, gilt als Spielverderber. Oder als jemand, der „den Ernst der Lage nicht verstanden“ habe. Dabei ist es gerade der Ernst der Lage, der Fragen zwingend macht.
Und die Friedensbewegung? Sie scheint sich aufgelöst zu haben in wohlfeilen Appellen, in Online-Petitionen, in vereinzelten Demonstrationen, die medial zuverlässig unter „Randnotiz“ verbucht werden. Ihr einstiger Universalismus ist fragmentiert, ihr moralischer Kompass verunsichert. Man möchte fast sagen: Sie ist Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden. Frieden schien so selbstverständlich, dass man vergaß, wie fragil er ist, und wie aggressiv seine Gegner auftreten, wenn er stört.
Besonders irritierend ist die intellektuelle Kapitulation weiter Teile des progressiven Milieus. Jene, die einst jeden Auslandseinsatz kritisch sezierten, argumentieren nun mit militärischer Notwendigkeit und geopolitischer Alternativlosigkeit. Der Gedanke, dass auch eine gut gemeinte Eskalation außer Kontrolle geraten kann, wirkt plötzlich anstößig. Dabei wäre gerade jetzt eine Bewegung nötig, die nicht in Lager denkt, sondern in Konsequenzen. Die nicht fragt, wer moralisch im Recht ist, sondern was politisch vernünftig wäre.
Es geht nicht um Relativierung von Schuld, nicht um Gleichsetzung von Täter und Opfer. Es geht um die nüchterne Erkenntnis, dass militärische Logik eine Eigendynamik besitzt, die sich nicht durch gute Absichten zähmen lässt. Nato-Truppen in der Ukraine wären kein symbolischer Akt, sondern ein qualitativer Sprung, mit offenem Ausgang. Wer das verschweigt oder verharmlost, handelt nicht verantwortungsvoll, sondern fahrlässig.
Wo also ist die Friedensbewegung? Vielleicht sitzt sie in Seminarräumen und schreibt Papiere, die niemand liest. Vielleicht hat sie sich in moralischen Gewissheiten eingerichtet, die keinen Widerspruch dulden. Vielleicht wartet sie darauf, dass jemand anderes den ersten Schritt macht. Sicher ist nur: Ihre Abwesenheit ist politisch folgenreich. Denn wo kein Widerspruch organisiert wird, dort wird Eskalation zur Normalität.
Was fehlte, wäre keine nostalgische Wiederauflage der Achtzigerjahre, sondern eine zeitgemäße Friedensbewegung: analytisch scharf, rhetorisch unbestechlich, unabhängig von Parteiräson und medialem Applaus. Eine Bewegung, die den Mut hat, „nein“ zu sagen, wenn alle „ja“ rufen. Die nicht Frieden predigt, sondern ihn denkt, als mühsamen, widersprüchlichen Prozess, der mehr verlangt als Waffenlieferungen und Truppenstationierungen.
Vielleicht wäre ein Anfang schon gemacht, wenn man sich wieder traute, unbequeme Fragen zu stellen: Wem nützt diese Eskalation konkret? Welche Interessen werden als Moral verkleidet? Wo endet Abschreckung, wo beginnt Selbstüberschätzung? Und vor allem: Welche diplomatischen Optionen werden gerade beerdigt, weil sie nicht ins martialische Narrativ passen?
Die Friedensbewegung muss nicht erfunden werden. Sie müsste lediglich wieder auftauchen. Laut, widerspenstig, unzeitgemäß. Als Stachel im Fleisch eines Diskurses, der sich allzu gern selbst bestätigt. Frieden war nie populär. Aber seine Abwesenheit ist es erst recht nicht.