„Kulturschaffende‟ sind Subventionsempfänger

Unter dem Etikett Kunst kommen immer Steuergelder zum Vorschein

Man muss nur das Wort „Kunst“ in einen Förderantrag schreiben, und schon beginnt der Geldfluss zu murmeln wie ein diskret geöffneter Champagner. Es perlt aus Haushaltsplänen, rinnt durch Ausschüsse, versickert in Jurysitzungen und taucht am Ende als Installation wieder auf, die aussieht wie ein umgekippter Farbeimer, aber mit einem sechsseitigen Konzeptpapier ausgestattet ist.

Kunst, so scheint es, ist weniger eine ästhetische Kategorie als eine fiskalische Aggregatform.

Nehmen wir die Zahlen, diese unerquicklich nüchternen Begleiter jeder Euphorie. In Deutschland belaufen sich die öffentlichen Kulturausgaben, Bund, Länder, Kommunen zusammengenommen, auf deutlich über 10 Milliarden Euro jährlich. Der Bund allein veranschlagt inzwischen rund 2 bis 2,5 Milliarden Euro für Kultur und Medien. Dazu kommen Länderetats in Milliardenhöhe sowie kommunale Zuschüsse für Theater, Museen, Orchester, so selbstverständlich wie Straßenbeleuchtung oder Müllabfuhr.

Der Unterschied: Die Müllabfuhr behauptet nicht, subversiv zu sein.

Ein Stadttheater mittlerer Größe erhält Jahr für Jahr Zuschüsse im zweistelligen Millionenbereich. Pro verkauftem Ticket werden nicht selten 100 bis 200 Euro aus öffentlichen Mitteln zugeschossen. Der Besucher zahlt 28 Euro an der Abendkasse und fühlt sich als Mäzen; der Rest wird ihm, ohne dass er es merkt, als Steuerzahler wieder aus der Tasche gezogen. So wird aus dem Bürger ein Doppelagent seiner selbst: Er subventioniert seine eigene kulturelle Erbauung.

Nun könnte man einwenden: Kultur ist öffentliche Daseinsvorsorge. Ein Land ohne Theater ist ein Land ohne Seele. Gewiss. Aber auffällig ist doch die Elastizität des Kunstbegriffs, sobald es um Fördersummen geht. Wo früher Handwerk war, ist heute „interdisziplinäre Raumintervention“. Wo einst dilettantische Skizze, dort nun „prozessuale Materialbefragung“. Und kaum ist ein Projekt hinreichend unverständlich formuliert, wird es förderwürdig.

Denn Kunst hat eine wunderbare Eigenschaft: Sie ist definitionsimmun. Niemand kann mit letzter Sicherheit sagen, was sie ist, also kann man auch kaum bestreiten, dass sie es sei. Der Antragsteller muss nur glaubhaft versichern, er dekonstruiere etwas. Notfalls die Erwartungshaltung.

So entstehen dann Projekte, deren Budget in keinem Verhältnis zu ihrem Erkenntnisgewinn steht. 180.000 Euro für eine Performance, in der drei Darsteller 90 Minuten lang Atemgeräusche verstärken, um die „Post-Industrialität des Körpers“ erfahrbar zu machen. 250.000 Euro für ein partizipatives Kunstlabor im ländlichen Raum, das zwei Sommer lang mit Workshops zur „ästhetischen Selbstermächtigung“ beschäftigt ist, besucht von 37 Personen, davon 12 Projektbeteiligte.

Selbstverständlich sind das Einzelfälle. Nur sind es erstaunlich viele Einzelfälle.

Der Clou liegt im moralischen Schutzschild. Wer die Finanzierung infrage stellt, greift angeblich die Freiheit der Kunst an. Artikel 5 Grundgesetz wird zur Universalabsolution. Kritik an der Mittelverwendung wird mit dem Hinweis abgewehrt, Kultur dürfe nicht ökonomisiert werden. Ein bemerkenswertes Argument, insbesondere, wenn es im Kontext eines millionenschweren Haushalts vorgetragen wird.

Denn was heißt hier „nicht ökonomisieren“? Die Ökonomie ist längst da. Sie heißt nur anders: Förderung, Programm, Strukturhilfe, Transformationsfonds. Der Bund legt Sondertöpfe auf, für Digitalisierung der Kultur, für pandemiebedingte Ausfälle, für nachhaltige Produktionsweisen. Hunderte Millionen Euro fließen in Programme mit klangvollen Titeln, die suggerieren, hier werde nicht nur Kunst gemacht, sondern Gesellschaft gerettet.

Kunst als Rettungsboot im Ozean der Gegenwart, finanziert aus dem Etat für Verkehr, Bildung oder eben aus neuen Schulden.

Die eigentliche Pointe aber ist strukturell: Ein Großteil der öffentlich geförderten Kultur wäre ohne Zuschüsse nicht überlebensfähig. Das ist kein Geheimnis, sondern System. Opernhäuser decken ihre Kosten zu oft weniger als 20 Prozent durch eigene Einnahmen. Museen sind auf Dauerzuschüsse angewiesen. Freie Szene? Ohne Projektförderung kaum existent.

Man könnte also sagen: Kunst ist der vielleicht am stärksten subventionierte Bereich des gesellschaftlichen Lebens, noch vor der Landwirtschaft, nur eleganter verpackt.

Dabei geht es nicht um die Abschaffung der Förderung. Es geht um das Verhältnis von Anspruch und Selbstverständnis. Die Kunst liebt es, sich als widerständig zu inszenieren, gegen Macht, gegen Kapital, gegen Strukturen. Gleichzeitig ist sie in weiten Teilen strukturell abhängig vom Staat. Der rebellische Gestus wird aus dem Ministeriumsetat finanziert. Die Systemkritik erscheint auf Briefpapier mit Förderkennzeichen.

Das ist kein Skandal, sondern eine Ironie von beinahe barocker Schönheit.

Noch reizvoller wird es, wenn man die soziale Dimension betrachtet. Kulturförderung wird gern mit dem Argument der Teilhabe legitimiert. Man wolle „allen Bevölkerungsschichten“ Zugang ermöglichen. In der Praxis jedoch stammen die regelmäßigen Besucher von Opern und Feuilletonfestivals überdurchschnittlich häufig aus akademischen, einkommensstarken Milieus. Subventioniert wird also nicht selten die Freizeitgestaltung jener, die es sich auch ohne Zuschuss leisten könnten.

Der Arbeiter finanziert über seine Lohnsteuer die experimentelle Klanginstallation, die er nie betreten wird. Eine stille Umverteilung, nur andersherum, als man denkt.

Und doch wäre es zu einfach, den moralischen Zeigefinger zu heben. Kunst ist mehr als betriebswirtschaftliche Effizienz. Sie schafft Räume des Denkens, der Irritation, des Spiels. Aber gerade deshalb sollte sie sich nicht hinter sakraler Unantastbarkeit verschanzen.

Warum nicht Transparenz wagen? Warum nicht offenlegen, wie viele Euro pro Besucher, pro Ausstellung, pro Uraufführung tatsächlich fließen? Warum nicht evaluieren, welche Projekte nachhaltige Wirkung entfalten, und welche vor allem Förderlogiken reproduzieren? Warum nicht eine Debatte führen, die Kunst ernst nimmt, statt sie unter Denkmalschutz zu stellen?

Vielleicht würde sich dann zeigen, dass unter dem Etikett Kunst tatsächlich immer Steuergelder zum Vorschein kommen, aber nicht zwingend Verschwendung. Sondern eine bewusste Entscheidung: Wir leisten uns diesen Luxus. Wir finanzieren Irritation, Experiment, Schönheit, auch Scheitern.

Doch solange der Diskurs jede Kritik reflexhaft als Banausentum brandmarkt, bleibt ein schaler Nachgeschmack. Denn wer Milliarden verwaltet, sollte sich nicht wundern, wenn man nachfragt. Das Etikett „Kunst“ ist kein Freibrief, sondern ein Anspruch.

Und vielleicht liegt die eigentliche Provokation nicht darin, dass Kunst Geld kostet, sondern dass sie so tut, als koste sie keines.

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