Berlin kapituliert – und verkauft die Kapitulation als Konzept

Die Ästhetik des Abfalls und der Tourist als tragische Figur der Stadtreinigung

Es gehört zu den stillen Meisterleistungen dieser Stadt, dass sie selbst aus dem Offensichtlichen noch ein Geheimnis macht. Müll etwa. In anderen Städten ist er ein Problem. In Berlin, bekanntlich die Stadt des angewandten politischen Irrsinns, ist er ein Zustand. Und Zustände, das weiß man hier, lassen sich nicht einfach beheben, sie müssen gedeutet werden.

Nun also ein neues Kapitel im großen Roman der urbanen Selbstdeutung: Der Besucher, jener flüchtige Gast zwischen Jetlag und Spätkauf, wird zum Akteur erhoben. Nicht mehr bloß Konsument der städtischen Zumutungen, sondern Teil ihrer Lösung. Oder genauer: Teil ihrer Inszenierung.

Man hat ihm ein Angebot gemacht, das er kaum ablehnen kann, weil es so freundlich daherkommt: Sammle Müll, und wir schenken dir etwas. Vielleicht einen Rabatt. Vielleicht ein Erlebnis. Vielleicht nur die Gewissheit, dass du nicht ganz umsonst hier warst.

Es ist ein Vorschlag von jener diskreten Abgründigkeit, die Berlin inzwischen perfektioniert hat. Denn natürlich geht es nicht um Müll. Es geht um Verantwortung, und darum, sie elegant weiterzureichen. Nicht nach oben, wo sie politisch würde. Nicht nach innen, wo sie unerquicklich wäre. Sondern nach außen, dorthin, wo sie niemandem gehört: zum Touristen.

Der Tourist, das ist in dieser Erzählung kein Mensch mehr, sondern eine Ressource. Eine bewegliche, freundliche, meist zahlungswillige Einheit, die man nun auch noch in den Kreislauf der Stadtreinigung einspeisen kann. Er ist gewissermaßen der letzte freie Rohstoff einer Stadt, die sonst schon alles verwertet hat, ihre Geschichte, ihre Brüche, ihre Mieten, ihre Mythen.

Man stelle sich ihn vor, wie er an der Spree entlanggeht, den Blick noch auf die Postkartenfassaden gerichtet, als plötzlich die Wirklichkeit an seinem Schuh klebt. Ein Becher, eine Tüte, ein Rest von gestern. Und irgendwo im Hintergrund die leise Stimme der Gegenwart: „Heb es auf. Es lohnt sich.‟

Was hier geschieht, ist mehr als nur ein kleines Anreizsystem. Es ist die Verwandlung eines Mangels in eine Form der Teilnahme. Der Müll verschwindet nicht, er wird kuratiert. Er wird zum Interface zwischen Stadt und Besucher, zur niedrigschwelligen Einladung, sich einzubringen. Nicht durch Verstehen, nicht durch Kritik, sondern durch Bücken.

Das hat etwas zutiefst Pädagogisches, aber auch etwas Tragisches. Denn der Besucher wird damit in eine Rolle gedrängt, die ihm nie versprochen wurde. Er wollte schauen, vielleicht staunen, im besten Fall verstehen. Nun soll er sammeln. Eine kleine Verschiebung nur, aber eine mit Konsequenzen.

Berlin, diese große Erzählerin ihrer selbst, hat damit einen neuen Ton gefunden. Es ist der Ton der sanften Zumutung. Man sagt nicht mehr: Wir schaffen es nicht. Man sagt: Mach doch mit. Und plötzlich klingt das Scheitern wie ein Angebot.

Dabei liegt in dieser Idee eine fast rührende Konsequenz. Wenn schon nichts mehr zuverlässig funktioniert, dann wenigstens die Fantasie. Wenn schon die Stadt nicht sauber wird, dann wird zumindest ihre Unordnung sinnvoll. Sie bekommt eine Funktion, eine Rolle im großen Spiel der Gegenwart, in dem alles einen Zweck haben muss, selbst der achtlos weggeworfene Plastikdeckel.

Und so entsteht ein merkwürdiges Gleichgewicht: Der Müll bleibt, aber er bedeutet etwas. Der Tourist arbeitet, aber er fühlt sich beteiligt. Die Stadt verliert nichts, sie gewinnt eine Geschichte hinzu.

Vielleicht ist das die eigentliche Leistung dieses Modells. Es löst kein Problem, aber es verändert die Perspektive. Es verschiebt den Blick vom Defizit zur Erfahrung, vom Ärger zur Aktivität. Und am Ende steht ein Besucher, der sich fragt, ob er gerade geholfen hat oder nur Teil einer besonders raffinierten Erzählung geworden ist.

Berlin wird ihm darauf keine eindeutige Antwort geben. Diese Stadt hat sich längst daran gewöhnt, ihre Widersprüche nicht aufzulösen, sondern auszustellen. Wie Kunstwerke. Oder wie Müll.

Und irgendwo, zwischen zwei achtlos hingeworfenen Verpackungen, liegt sie dann doch noch, die große Idee dieser Stadt:Dass man selbst aus dem Liegengebliebenen etwas machen kann, solange sich jemand findet, der es aufhebt.

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