Es gibt Menschen, die freuen sich auf den Sonntag. Sie sprechen dann von „rausfahren“, „die Natur genießen“ oder, besonders bedrohlich, von „einem schönen Familienausflug“. Ich hingegen betrachte den Sonntag mit der vorsichtigen Skepsis eines Mannes, der weiß, dass irgendwo bereits jemand Funktionskleidung anzieht.
Nein, sonntags bleibe ich lieber daheim. Dort bin ich sicher. Dort gibt es keine Ausflugslokale voller Eltern, die ihre Kinder mit einer Mischung aus Gleichgültigkeit und biologischem Fatalismus großziehen. Kinder nämlich, die bereits morgens um halb zehn eine Lautstärke entwickeln, bei der NATO-Staaten normalerweise den Verteidigungsfall prüfen würden.
Man erkennt diese Familien sofort: Der Vater trägt Sandalen mit orthopädischer Überzeugung, die Mutter blickt mit jener erschöpften Härte in die Welt, die man sonst nur von Fernfahrern auf polnischen Raststätten kennt, und die Kinder rennen kreischend zwischen Biergartenstühlen umher, als hätten sie einen geheimen Regierungsauftrag zur Zerstörung jeder menschlichen Erholung.
Doch die wahre Geißel des Sonntags ist der Radfahrer mittleren bis höheren Alters. Jene Männer, die sich kleiden, als müssten sie noch am selben Nachmittag die Tour de France gewinnen, obwohl ihre größte sportliche Herausforderung in Wahrheit darin besteht, ohne Bandscheibenvorfall vom Sattel zu steigen.
Sie tragen Trikots in Farben, die man früher nur bei tropischen Giftfröschen beobachtet hat. Neonorange. Atomgelb. Radioaktivblau. Und dann sitzen sie auf ihren Fahrrädern wie pensionierte Lance Armstrongs auf geheimer Mission – vielleicht die politisch gewünschte Ertüchtigung der Senioren für den nächsten Russlandfeldzug. Mit starrem Blick, verkrampftem Kiefer und der Aura eines Menschen, der überzeugt ist, allein durch Wadenkraft Europa retten zu können.
Besonders faszinierend ist ihre tiefe Verachtung für Radwege. Neben ihnen verlaufen für Millionenbeträge angelegte Fahrradspuren, breit, glatt, wunderschön. Doch der Sonntagsradler ignoriert sie mit aristokratischer Entschlossenheit. Lieber fährt er mitten auf der Straße, damit hinter ihm dreißig Autos in meditativer Langsamkeit die Bedeutung des Lebens hinterfragen können.
Und als wäre das nicht genug, bevölkern sonntags plötzlich Menschen die Straßen, die werktags schon Schwierigkeiten haben, rückwärts aus einer Parklücke zu finden. Doch am Wochenende erwacht in ihnen der große Geist des mobilen Abenteuers. Dann werden Frau, Kinder, Oma, Opa und vermutlich noch ein emotional instabiler Dackel – man sieht ihn sofort vor sich: leicht neurotischer Blick, nervös hechelnd auf der Rückbank zwischen Kühltasche und Aldi-Windjacke, während draußen die Blechlawine Richtung „Panoramarestaurant Waldesruh“ rollt und im Radio irgendein Moderator hysterisch gute Laune simuliert – ins Auto geladen, um mit 47 Stundenkilometern über Landstraßen zu irren.
Vor dem Hobbyfernfahrer freie Straße. Hinter ihm kilometerlange Kolonnen. Überholen? Niemals. Man könnte ja dabei eine Entscheidung treffen müssen.
Der Sonntag ist überhaupt der große Feiertag der Orientierungslosigkeit. Menschen fahren irgendwohin, ohne zu wissen warum. Sie stehen auf Aussichtspunkten und schauen angestrengt in Landschaften hinein, als würden sie dort endlich den Sinn ihrer Existenz entdecken. Stattdessen finden sie meist nur einen Eisstand und Blasen an den Füßen.
Apropos Füße.
Der Sommer bringt zusätzlich jene modische Katastrophe hervor, die nur der deutsche Sonntagsausflug hervorbringen kann: zu kleine Sandalen an zu großen Füßen. Goldriemchen spannen sich tapfer über anatomische Situationen, die eigentlich unter Denkmalschutz gestellt gehören. Zehen quellen hervor wie Hefeteig aus einer überforderten Backform, während die Besitzer voller Stolz an Eiscafés entlangschlurfen, als sei das alles vollkommen normal.
Man möchte schreien. Oder zumindest Desinfektionsmittel werfen.
Nein, sonntags bleibe ich lieber zuhause. Dort gibt es Kaffee, Ruhe und keine Menschen in atmungsaktiver Funktionswäsche. Und vor allem: keine Goldsandalen.