Zwischen Kant und Hobbes
Das Dilemma beruht auf einem Konflikt zwischen zwei verschiedenen Arten von Gründen. Selbsterhaltung fragt: „Was muss ich tun, um mein eigenes Leben, meine Handlungsfähigkeit und die Menschen, für die ich unmittelbar verantwortlich bin, zu bewahren?‟. Altruistische Moral fragt dagegen: „Was schulde ich einem anderen Menschen gerade dann, wenn ihm meine Hilfe nicht gleichgültig sein kann?‟. In der Katastrophe prallen diese Fragen unverhüllt aufeinander. Die knappe Wasserflasche, der Platz im Rettungsboot, die verschlossene Bunkertür machen aus ihnen eine Entscheidung, die sich nicht durch gutes Zureden auflösen lässt.
Bei Thomas Hobbes steht zunächst die Selbsterhaltung im Vordergrund. Im Naturzustand, so seine berühmte Konstruktion im „Leviathan‟, kann niemand darauf vertrauen, dass der andere friedlich bleibt. Selbst Menschen, die gar nicht grausam sein wollen, haben Anlass, dem möglichen Angriff zuvorzukommen. Nicht Bosheit, sondern Angst, Konkurrenz und das Bedürfnis nach Sicherheit treiben die Eskalation an. Moral ist für Hobbes deshalb nicht zuerst eine Stimme des Mitleids im Inneren. Sie entsteht aus der vernünftigen Einsicht, dass jeder besser lebt, wenn alle sich auf Regeln einigen und eine Macht schaffen, die diese Regeln durchsetzt.
Der altruistische Zug bei Hobbes ist also real, aber bedingt. Ich soll Frieden suchen, Verträge einhalten und anderen ein Mindestmaß an Sicherheit zugestehen, weil ich ohne Gegenseitigkeit selbst nicht sicher leben kann. Solange der Vertrag schützt, ist es vernünftig, sich moralisch zu verhalten. Bricht die Ordnung jedoch vollständig zusammen, wird diese Grundlage brüchig. Wer vor einem Bunker steht und weiß, dass die Menschen im Inneren keine Verpflichtung mehr fürchten müssen, befindet sich fast wieder in jener Lage, die Hobbes beschreibt: Jeder rechnet mit dem Schlimmsten, weil er es sich nicht leisten kann, es nicht zu tun. Die verschlossene Tür wäre dann keine Ausnahme vom hobbesianischen Denken, sondern seine düstere Konsequenz.
Gerade deshalb wirkt Hobbes ernüchternd. Er sagt nicht: Der Mensch darf im Notfall egoistisch sein, weil Egoismus gut ist. Er sagt eher: Ohne verlässliche gemeinsame Ordnung wird selbst ein anständiger Mensch in eine Lage gebracht, in der Vorsicht, Misstrauen und Gewalt vernünftig erscheinen können. Die moralische Frage verlagert sich damit. Nicht nur der Bunkerbesitzer steht vor einem Problem, sondern auch die Gesellschaft, die Schutz so ungleich verteilt hat, dass einige sich abschotten können, während andere nur noch bitten oder drohen können.
Kant setzt an einem ganz anderen Punkt an. Für ihn kann Moral nicht davon abhängen, ob sie mir nützt oder ob andere sich voraussichtlich revanchieren. Eine Handlung hat moralischen Wert, wenn ich sie aus Pflicht tue, also weil ich erkenne, dass die Maxime meines Handelns für alle gelten können müsste. Der andere Mensch ist dabei niemals bloß Material für meine Rettung. Er besitzt Würde, weil er selbst Zwecke setzen und Gründe verstehen kann.
Das heißt allerdings nicht, dass Kant Selbstaufopferung zur allgemeinen Pflicht erhebt. Auch das eigene Leben und die eigene Vernunftfähigkeit haben moralischen Rang. Kant kennt Pflichten gegen sich selbst; ich darf mich nicht behandeln, als sei mein Leben ein beliebig einsetzbares Mittel. Eine Mutter, die ihr Kind schützen will, handelt daher nicht notwendig gegen die Moral. Im Gegenteil: Ihre konkrete Verantwortung ist mehr als ein bloßer Reflex der Besitzlogik. Die Schwierigkeit beginnt dort, wo sie aus dieser Bindung ableitet, die anderen hätten keinen vergleichbaren Anspruch mehr.
Kants Prüfstein wäre die Maxime hinter der Tat. „Ich verweigere jedem Fremden Hilfe, sobald meine eigene Sicherheit dadurch auch nur geringfügig sinkt“ lässt sich kaum als allgemeines Gesetz wollen. Jeder Mensch könnte in die Lage geraten, auf Hilfe angewiesen zu sein; eine Welt, in der niemand unter Risiko hilft, wäre eine Welt, deren Regel man aus der eigenen möglichen Notlage heraus nicht vernünftig bejahen kann. Anders liegt der Fall, wenn die Aufnahme weiterer Personen die sichere Zerstörung aller nach sich zieht. Dann geht es nicht mehr um Bequemlichkeit, Vorratsluxus oder soziale Abgrenzung, sondern um echte tragische Knappheit. Kant bietet dafür keine einfache Rechenformel. Er fordert aber, dass niemand willkürlich als bloßes Hindernis behandelt wird und dass die Entscheidung nicht durch Reichtum oder Macht zu einer scheinbar moralischen Berechtigung wird.
Hier liegt der Unterschied in einer knappen Formel: Hobbes erklärt, warum Menschen unter extremem Druck zur Selbsterhaltung greifen; Kant begrenzt, welche Rechtfertigungen sie dafür gelten lassen dürfen. Hobbes zeigt die politische Vorbedingung der Moral, nämlich Sicherheit. Kant verteidigt die Idee, dass Moral auch dann nicht ganz verschwindet, wenn Sicherheit fehlt.
Für den Essay über den Bunker ergibt sich daraus ein fruchtbarer Gegensatz. Der Hobbes’sche Blick erklärt die Angst der Eingeschlossenen, ihre Neigung zur Abschottung und die Zerbrechlichkeit jeder Solidarität ohne Vertrauen. Der Kant’sche Blick verhindert, dass diese Angst sich selbst freispricht. Er zwingt die Menschen im Schutzraum, die Person vor der Tür nicht bloß als zusätzliche Ration, Sicherheitsgefahr oder Störung ihrer Ordnung anzusehen. Vielleicht lässt sich die Tür am Ende dennoch nicht öffnen. Aber wer sie schließt, kann nicht behaupten, damit sei die moralische Frage erledigt.