Nur ein totalitärer Staat traut sich so etwas
Es sind oft die unscheinbaren Sätze, die den größten Lärm machen, allerdings erst dann, wenn man gelernt hat, sie zu hören. Zunächst wirken sie wie Verwaltungsprosa: trocken, rechtmäßig geschniegelt, geschniegelt bis zur Unkenntlichkeit. Doch dann, irgendwo zwischen „Genehmigungspflicht“ und „zuständiges Karrierecenter“, hebt sich ein Vorhang, und dahinter steht er: der Staat, geschniegelt zwar, aber mit einem leichten Hang zur Besitzanzeige.
Du willst also ins Ausland. Wie rührend. Wie altmodisch. Wie verdächtig.
Denn während Du vielleicht glaubst, Dein Reisepass sei Ausdruck einer liberalen Weltordnung, ist er in Wahrheit ein höflich formulierter Antrag auf Abwesenheit. Und wer abwesend sein will, der war offenbar zuvor anwesend, und zwar nicht nur zufällig, sondern im Grunde verfügbar. Verfügbar für etwas, das man Dir im Zweifel erst später genauer erklärt.
Der Gedanke ist so schlicht wie unerquicklich: Wer gehen möchte, muss fragen. Nicht weil er etwas verbrochen hätte, sondern weil er etwas sein könnte, nämlich ein künftiger Körper in Uniform. Ein potenzielles Inventarstück. Ein logistischer Faktor. Ein „Mannschaftsdienstgrad in spe“, wie es vielleicht in einem besonders poetischen Moment der Verwaltung heißen würde.
Und nun stelle man sich vor, ein Staat, sagen wir irgendein fernes, politisch unerquicklich eingerichtetes Gemeinwesen, würde seinen Bürgern erklären:
„Du darfst das Land verlassen, aber nur mit unserer Erlaubnis. Und wir entscheiden das danach, ob wir Dich vielleicht bald brauchen.“
Man würde sich empören. Schlagartig. Empört, geschniegelt und moralisch geschniegelt zugleich. Es fielen Worte wie „Kontrolle“, „Bevormundung“, vielleicht sogar das ganz große Vokabular: „totalitäre Tendenzen“. Talkshows würden sich aufblasen wie schlecht gelaunte Blähungen, Leitartikel würden zittern vor indignierter Aufrichtigkeit, und irgendwo würde ein Historiker sehr leise „Das hatten wir schon einmal“ murmeln, während er vorsichtig seine Brille putzt.
Doch hier ist alles anders. Hier geschieht es mit Formularen.
Die Bürokratie ist ja bekanntlich die höflichste Form der Macht. Sie schreit nicht, sie stempelt. Sie befiehlt nicht, sie bittet um Mitwirkung. Und während Du noch glaubst, Du würdest einen Antrag stellen, hat der Antrag längst Dich gestellt, als Variable in einer Gleichung, deren Ergebnis „Verfügbarkeit“ lautet.
„Die Genehmigung ist zu erteilen, wenn …“, schon dieser Satz ist ein Meisterwerk. Denn er klingt nach Großzügigkeit, ist aber in Wahrheit die kunstvolle Umschreibung eines Vorbehalts. Der Staat erlaubt Dir, zu gehen, sofern Deine Abwesenheit ihn nicht stört. Freiheit also, unter Vorbehalt der Nützlichkeit. Ein schönes, rundes Konzept, fast schon ästhetisch.
Und wie jede gute Ästhetik hat auch diese ihre implizite Moral:
Du gehörst Dir nicht ganz. Aber keine Sorge, es ist nur ein bisschen.
Es ist ja auch alles halb so schlimm. Schließlich betrifft es nur einen bestimmten Personenkreis. Schließlich ist es historisch gewachsen. Schließlich ist es derzeit praktisch irrelevant. Schließlich ist „der Verteidigungsfall“ ein abstraktes Gespenst, das brav in juristischen Vitrinen sitzt und nur gelegentlich abgestaubt wird.
Schließlich, schließlich, schließlich.
Der moderne Staat arbeitet nicht mehr mit Ketten. Er arbeitet mit Eventualitäten. Er sagt nicht: „Du musst.“ Er sagt: „Falls wir müssen, musst Du.“ Und für diesen Fall hält er Dich bitte bereit, nicht physisch, das wäre plump, sondern rechtlich. Die eleganteste Form des Besitzes ist die Möglichkeit des Zugriffs.
Es ist eine Art metaphysische Leine: unsichtbar, elastisch, aber vorhanden.
Und so steht der Bürger da, geschniegelt in seiner Freiheit, geschniegelt in seinem Rechtsbewusstsein, geschniegelt in der beruhigenden Gewissheit, dass alles seine Ordnung hat, während irgendwo im Hintergrund ein kleiner Paragraf leise flüstert:
„Übrigens: Geh nicht zu weit.“
Natürlich könnte man das kritisieren. Aber das wäre unerquicklich. Und außerdem unnötig kompliziert. Denn Kritik setzt voraus, dass man Dinge beim Namen nennt, und Namen sind gefährlich. Sie machen aus Verwaltung Wirklichkeit.
Also bleibt man lieber bei der Fiktion: dass alles, was erlaubt werden muss, eigentlich schon erlaubt ist. Dass jede Genehmigung nur eine Formsache sei. Dass die Freiheit so robust ist, dass sie auch ein paar Bedingungen verträgt, wie ein guter Wein ein bisschen Kork.
Und sollte doch einmal jemand auf die Idee kommen, den Satz „Nur ein totalitärer Staat traut sich so etwas“ auszusprechen, dann kann man ihn beruhigen:
Nein, nein. So etwas tun wir nicht.
Wir machen es nur möglich.
Du gehörst Dir selbst.
Nur eben unter Vorbehalt.