Die Sache mit dem Glück

Die Stühle stehen noch um den Tisch, leicht schief, als hätten sie den Abend nicht ganz loslassen wollen. Auf einer Sitzfläche liegt eine vergessene Serviette, auf einer anderen der Abdruck eines Mantels. Die Gläser sind leer, die Kerzen weit heruntergebrannt. Vor wenigen Minuten haben Menschen hier gelacht, einander ins Wort gefallen, sich über einen alten Film gestritten und bei der Verabschiedung versprochen, das bald zu wiederholen. Nun ist die Wohnung still. Man hört die Heizung, ein Auto in der nassen Straße, vielleicht noch das Echo einer Stimme, die eben durch den Flur ging.

In solchen Augenblicken überkommt mich nicht nur Zufriedenheit. Sie ist da, gewiss. Der Abend war gelungen, die Menschen waren mir nahe, nichts musste gerettet oder erklärt werden. Aber mit der Zufriedenheit meldet sich auch eine kleine Unruhe. Fast so, als hätte ich etwas Wertvolles in Händen und müsste nun besonders vorsichtig sein. War es wirklich so schön? Wird etwas davon morgen noch da sein? Und was genau ist es in mir, das sich über diese leeren Stühle freut und zugleich davor zurückschreckt, die Freude einfach gelten zu lassen?

Ich glaube nicht, dass Menschen im gewöhnlichen Sinn Angst davor haben, glücklich zu sein. Wer würde sich bewusst gegen Erleichterung, Nähe oder einen Nachmittag ohne bedrängende Gedanken entscheiden? Und dennoch verhalten wir uns oft, als sei Glück ein Gast, den man nur kurz an die Tür lässt, ehe er zu viele Ansprüche stellt. Wir kleinreden einen Erfolg, bevor es die anderen tun. Wir suchen nach dem Haken in einer guten Nachricht. Wir werden kühl in dem Augenblick, in dem ein anderer Mensch uns wirklich nahekommt. Vielleicht ist nicht das Glück das Bedrohliche. Bedrohlich ist, dass es uns ohne Rüstung antrifft.

Der Abschied macht diese Sache sichtbar. Während die Gäste noch da sind, hat das Ich eine einfache Aufgabe: zuhören, antworten, nachschenken, lachen. Es ist in Bewegung und braucht sich nicht zu befragen. Doch dann fällt die Wohnungstür ins Schloss. Die Geräusche der anderen verschwinden im Treppenhaus. Ich bleibe zurück mit dem Raum, den sie hinterlassen haben, und plötzlich scheint mein Ich nicht mehr dort zu sein, wo ich es vermutet hatte. Es sitzt nicht unverrückbar hinter der Stirn. Es hängt an den leeren Stühlen, an den Spuren auf dem Tisch, an der Erinnerung an einen Blick, der mich berührt hat. Im Abschied zerstreut es sich für einen Moment.

Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum Abschiede so seltsam sind. Auch ein gelungener Abend endet mit einem kleinen Verlust. Die Gegenwart, in der alle gleichzeitig da waren, ist nicht wiederherstellbar. Man kann die Gäste erneut einladen, man kann denselben Wein kaufen, man kann über dieselben Geschichten noch einmal sprechen. Aber genau jene Konstellation, jene Stunde, ist vorbei. Wer das Glück spürt, spürt oft auch seine Vergänglichkeit. Nicht als philosophischen Satz, sondern im Körper: als ein leichtes Ziehen in der Brust, als das Bedürfnis, noch nicht aufzuräumen, als den Wunsch, dass die Tür noch einmal aufgeht.

Die Frage wird noch merkwürdiger, sobald ich frage, wer in mir eigentlich glücklich werden soll. Im Alltag ist das Ich eine praktische Abkürzung. Ich habe Hunger. Ich will nach Hause. Ich erinnere mich. Es klingt, als spreche immer dieselbe Person aus einem festen Mittelpunkt heraus. Aber wer sich selbst aufmerksam genug beobachtet, merkt bald, wie wenig geschlossen dieses Ich ist. Der Mensch, der morgens aufsteht, um pünktlich zur Arbeit zu gehen, ist nicht ganz derselbe, der spätabends alte Nachrichten liest und sich über einen Satz grämt, der vor zehn Jahren gefallen ist. Derjenige, der sich nach Liebe sehnt, kann sich erschrecken, wenn Liebe tatsächlich vor ihm sitzt. Und der Teil, der sich nach Ruhe sehnt, erfindet oft im nächsten Moment Gründe, warum Ruhe gefährlich oder unverdient sei.

Wo wäre dieses Ich also zu finden? Im Kopf, weil dort Gedanken auftauchen? Im Körper, der schneller atmet, wenn eine Tür zufällt, und sich entspannt, wenn jemand die eigene Hand hält? In der Erinnerung vielleicht, in all den Szenen, die wir wieder und wieder erzählen, bis sie nicht nur vergangen, sondern zu unserem Charakter geworden sind? Ich habe den Verdacht, dass das Ich nicht an einem Ort wohnt. Es zieht um. Es sitzt einmal in der Narbe einer Kränkung, einmal im Blick einer Mutter, einmal in dem Bild, das wir von unserem künftigen Leben entwerfen. Am Abend nach dem Besuch sitzt es vielleicht auch in den leeren Stühlen. Das ist keine besonders tröstliche Vorstellung. Man hätte gern einen festen Bewohner vorgefunden, einen inneren Hausherrn, der Auskunft gibt. Stattdessen trifft man auf Stimmen, die einander unterbrechen.

Eine dieser Stimmen stammt fast immer aus der Vergangenheit. Sie sagt: Sei vorsichtig. Freu dich nicht zu früh. Du kennst den Verlauf doch. Vielleicht hat sie recht. Wer als Kind nach jedem schönen Tag erlebt hat, dass zu Hause wieder die Spannung auf ihn wartete, lernt etwas sehr Handfestes: Freude ist kein verlässliches Wetter. Sie kann umschlagen. Wer erst gelobt und später beschämt wurde, hält Lob womöglich für den Auftakt einer Demütigung. Solche Erfahrungen verschwinden nicht, nur weil man erwachsen wird und mit vernünftigen Sätzen erklären kann, dass die Gegenwart nicht die Vergangenheit ist. Der Körper lässt sich schlecht überzeugen. Er erinnert sich auf seine eigene, wortlose Art.

Dann ist da ein anderes Ich, eines aus der Zukunft. Es hat einen Kalender in der Hand und eine merkwürdig schlechte Laune. Wenn ich gerade zufrieden bin, fragt es, was daraus werden soll. Wird diese Beziehung halten? Reicht dieses Einkommen in fünf Jahren? Sollte ich nicht längst weiter sein? Es ist ein unermüdlicher Buchhalter, der selbst aus einem guten Augenblick eine Bilanz macht. Man kann ihm nicht vorwerfen, dass er vorsorgen will. Ohne diesen Blick in die Zukunft würde niemand einen Vertrag lesen, Geld zurücklegen oder einen Arzttermin vereinbaren. Nur wird die Vorsorge unerquicklich, wenn sie jeden gegenwärtigen Moment wie einen unzureichenden Entwurf behandelt. Dann steht man an einem warmen Juninachmittag im Park und denkt nicht: Wie gut, dass ich hier bin. Man denkt: Ich müsste diesen Moment besser nutzen.

Zwischen dem erinnernden und dem vorausrechnenden Ich bleibt das gegenwärtige Ich erstaunlich oft allein zurück. Es möchte vielleicht nichts Weltbewegendes. Ein Gespräch, in dem es nicht klüger wirken muss, als es ist. Einen Beruf, der nicht täglich die eigene Würde untergräbt. Einen Menschen, bei dem Schweigen nicht peinlich wird. Aber selbst dieses bescheidene Glück kann sich fremd anfühlen. Es passt nicht immer zu der Rolle, die wir uns über Jahre gebaut haben.

Ich kenne Menschen, die sich mit großer Genauigkeit als Unglückliche beschreiben können. Sie wissen, an welchen Beziehungen sie gescheitert sind, welche Türen ihnen verschlossen blieben, welcher Kollege damals bevorzugt wurde. Manchmal höre ich ihnen zu und merke, dass diese Erzählung ihnen nicht nur Schmerz zufügt. Sie gibt ihnen auch Form. Wer ich bin, scheint dann untrennbar daran zu hängen, was mir versagt wurde. Man darf das nicht vorschnell als Selbstmitleid abtun. Manche Verletzungen sind wirklich einschneidend, manche Ungerechtigkeiten werfen lange Schatten. Doch irgendwann stellt sich eine härtere Frage: Was geschieht, wenn sich die Verhältnisse bessern, die Geschichte aber ihre alte Besetzung behalten soll?

Ein Mann, der sich jahrzehntelang als Außenseiter erlebt hat, kann Zugehörigkeit beinahe als Zumutung empfinden. Er wartet am Rand des Raumes auf die vertraute Bestätigung, nicht dazuzugehören. Wird er dann eingeladen, bleibt ein Teil von ihm misstrauisch. Vielleicht ist die Einladung nur Höflichkeit. Vielleicht wird er gleich entlarvt. Vielleicht hat man sich geirrt. Die Aufnahme in die Gemeinschaft wäre nicht bloß angenehm; sie würde die Erzählung verändern, die er über sich selbst kennt. Wer wäre er ohne die Rolle des Übersehenen? Das ist keine Frage, auf die Stolz oder Vernunft rasch antworten können.

Ähnlich verhält es sich mit der Liebe. Wir sagen gern, Menschen hätten Angst vor Bindung, als wäre Bindung ein enger Mantel, den man aus modischem Widerwillen nicht anziehen möchte. Aber was fürchten wir wirklich? Vielleicht nicht die Nähe, sondern das Ende der alten Selbstbeschreibung. Wer immer der Unabhängige war, muss in einer verlässlichen Beziehung zulassen, gebraucht zu werden. Wer sich als der Schwierige verstanden hat, muss ertragen, dass ihm Zärtlichkeit ohne Gegenleistung angeboten wird. Und wer lange überzeugt war, nicht liebenswert zu sein, steht vor einer fast peinlichen Aufgabe: dem anderen zu glauben. Das kann schwerer sein, als weiter an der alten Wunde zu rühren.

Glück verlangt daher manchmal weniger Mut zum Risiko als Mut zur Korrektur. Es fordert uns auf, ein Urteil über uns selbst zurückzunehmen. Das ist unerquicklich, weil wir an unseren Urteilen hängen, selbst an den grausamen. „Ich bin eben nicht jemand, dem so etwas gelingt.“ „Bei mir hält nichts.“ „Ich darf mich nicht zu früh freuen.“ Solche Sätze sind düster, aber sie ordnen die Welt. Sie bewahren uns vor Überraschungen. Wenn die schlechte Nachricht ohnehin erwartet wurde, kann sie uns weniger beschämen. Vielleicht liegt darin die Verlockung des Pessimismus: Er gibt sich als Realismus aus und erspart dem Ich, sich verändern zu müssen.

Ich will das nicht moralisch gegen Vorsicht ausspielen. Es gibt gute Gründe, sich nicht jeder Verheißung hinzugeben. Wer eine Krankheit erlebt hat, weiß, dass der Körper nicht durch bloße Zuversicht geschützt wird. Wer in wirtschaftlicher Unsicherheit lebt, kann nicht so tun, als sei Gelassenheit nur eine Frage der Haltung. Und wer Gewalt, Armut oder Verachtung erfahren hat, braucht keinen Essayisten, der ihm erklärt, er müsse sich bloß öffnen. Glück ist keine private Pflicht. Es hängt auch an Wohnungen, die bezahlbar sind, an Zeit, die nicht vollständig verkauft werden muss, an Beziehungen ohne Angst, an einer Gesellschaft, die Menschen nicht dauernd gegeneinander ausspielt.

Trotzdem bleibt der kleine innere Widerstand bestehen, auch dort, wo die äußeren Bedingungen gut sind. Vielleicht wird er sogar deutlicher sichtbar. In einer Kultur, die uns unablässig zum Optimieren anhält, wirkt Zufriedenheit beinahe verdächtig. Wer zufrieden ist, könnte stehen bleiben. Wer sich freut, könnte übersehen, was noch fehlt. Das Leben wird leicht zu einem Projekt, dessen Leiter ständig umgestellt wird. Nach der Wohnung kommt die Einrichtung, nach der Beförderung die nächste Stufe, nach der Reise die Sorge, ob sie genügend erinnerungswürdig war. Selbst der Urlaub verwandelt sich unter den Blicken der anderen in einen Beweis, dass man sein Leben richtig führt. Es ist nicht leicht, in einem solchen Klima einfach zu sagen: Das genügt mir für heute.

Auch Ironie spielt eine Rolle. Sie schützt vor dem Kitsch, und das ist nicht wenig. Niemand möchte in einer Welt leben, in der jedes Abendlicht sofort zur Offenbarung erklärt wird. Aber Ironie kann zur Gewohnheit werden, mit der wir alles entschärfen, was uns erreichen könnte. Man macht einen Witz über das schöne Geschenk, über die gelungene Rede, über die eigene Rührung. Das Lachen ist echt, doch es deckt etwas zu. Ich erkenne diese Bewegung bei mir, gerade in Momenten, die mir viel bedeuten. Ein Scherz schafft Abstand. Er sagt: Keine Sorge, ich nehme das alles nicht so ernst. Was er oft wirklich sagt, lautet: Bitte merkt nicht, wie sehr es mich trifft.

Vielleicht muss man die Frage nach dem Ort des Ichs deshalb anders stellen. Nicht: Wo sitzt das wahre Ich, das endlich sein Glück verwalten könnte? Sondern: Welcher Teil von mir bekommt in diesem Moment das Recht zu sprechen? Darf der Mensch von heute sagen, dass ihm etwas guttut, auch wenn das Kind von früher sich fürchtet? Darf die Erinnerung warnen, ohne das Urteil zu fällen? Darf die Zukunft geplant werden, ohne den Nachmittag zu beschlagnahmen? Ich stelle mir das nicht wie eine Versöhnung am runden Tisch vor. Die Stimmen in uns sind selten vernünftig, selten höflich. Eher gleicht es einer Wohnung mit dünnen Wänden. Man hört einander, selbst wenn man die Tür schließt.

Im Augenblick des Abschieds wird diese innere Wohnung besonders hellhörig. Nachdem der letzte Schritt im Treppenhaus verklungen ist, möchte ein Teil von mir den Abend festhalten. Ein anderer schlägt sofort vor, die Gläser zu spülen, die Stühle zurückzuschieben, die Spuren zu beseitigen. Auch darin steckt mehr als Ordnungssinn. Aufräumen heißt manchmal: die Sache beenden, bevor sie zu viel Macht über einen bekommt. Die leeren Stühle aber widersprechen. Sie sagen nichts, und gerade darum verlangen sie eine Antwort. Was ist geblieben, nachdem die Menschen gegangen sind? Nicht dieselbe Gegenwart, gewiss. Aber auch nicht nichts.

Vielleicht ist das Ich gerade dieses unruhige Hören. Nicht ein Kern, der von allem Wandel unberührt bleibt, sondern die Fähigkeit, die eigenen widersprüchlichen Regungen nicht sofort zu verleugnen. Ich kann gleichzeitig erleichtert und ängstlich sein. Ich kann jemanden lieben und dennoch den Wunsch haben, davonzulaufen. Ich kann Erfolg genießen und mich fragen, ob er mir fremd bleibt. Der Fehler beginnt womöglich dort, wo ich aus einem dieser Gefühle ein endgültiges Urteil mache. Aus der Angst wird dann eine Identität. Aus einem schlechten Abend ein Beweis über das ganze Leben. Aus einer Enttäuschung ein Gesetz.

Glück wäre in diesem Sinn kein Dauerzustand und schon gar keine Medaille, die am Ende eines anständigen Lebens verliehen wird. Es wäre ein Augenblick, in dem ich nicht sofort gegen mein eigenes Erleben aussage. Wenn mir etwas gelingt, muss ich es nicht sogleich relativieren. Wenn mich jemand liebt, muss ich nicht schon beim ersten glücklichen Satz das Ende vorbereiten. Wenn ich nach einem guten Abend allein am Tisch sitze, darf ich anerkennen, dass er gut war, ohne daraus eine Garantie für morgen zu machen.

Vielleicht beginnt ein anderes Verhältnis zum Glück nicht damit, dass die Angst verschwindet. Sie wird sich melden, manchmal mit guten Gründen. Aber sie muss nicht das letzte Wort haben. Ich kann die Stühle noch eine Weile stehen lassen. Ich kann das Glas in die Küche tragen, ohne die Erinnerung daran auszuspülen. Ich kann zulassen, dass der Abschied wehtut, weil etwas da war, das mir etwas bedeutete.

Am nächsten Morgen wird der Tisch wieder frei sein. Die Serviette ist weggeworfen, die Stühle stehen ordentlich an ihrem Platz, die Wohnung hat ihr gewohntes Gesicht zurück. Dennoch ist nicht alles verschwunden. Ein Teil von mir hat den Abend bewahrt, ein anderer wird ihn vielleicht später falsch erinnern, ein dritter wird schon an den nächsten denken. So ist es wohl mit dem Ich: nicht eins, nicht zuverlässig, nicht an einem einzigen Ort auffindbar. Und vielleicht genügt es, ihm für einen Moment nicht auszuweichen – gerade dann, wenn es sich zwischen den leeren Stühlen ein wenig glücklich fühlt.

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