Die Bilanz eines Lebens

Vielleicht ist es Melancholie, die einen Menschen dazu bringt, über sein Leben Rechenschaft ablegen zu wollen. Vielleicht auch nur die allmähliche Einsicht, dass die Zeit nicht mehr in derselben Weise vor ihm liegt wie früher. Lange ließ sich Versäumtes in die Zukunft verschieben. Ein Gespräch würde sich noch ergeben, eine Reise ließ sich nachholen, für eine andere Art zu leben war später immer noch Zeit. Irgendwann bekommt dieses Später etwas Unzuverlässiges. Es ist noch da, aber nicht mehr selbstverständlich verfügbar.

Wer vom letzten Lebensdrittel spricht, tut allerdings so, als kenne er den Umfang des Ganzen. Dabei weiß niemand, wie viel Zeit bleibt oder welche Bedeutung das Kommende für das Vergangene haben wird. Eine späte Versöhnung kann Jahrzehnte des Schweigens verändern, ohne sie ungeschehen zu machen. Eine Krankheit kann einem Leben, das sich bisher als Erfolgsgeschichte erzählen ließ, eine andere Gestalt geben. Schon deshalb hat der Wunsch nach einer Bilanz etwas Verfrühtes. Und doch lässt er sich nicht einfach aufschieben. Vielleicht gerade deshalb, weil eine Rechenschaft noch Menschen erreichen sollte, die ihr widersprechen können.

Das Wort Bilanz verspricht Ordnung. Man trägt ein, was vorhanden ist, stellt Gewinn und Verlust gegenüber und erhält am Ende einen Betrag. Darin liegt ein Trost. Nach einem Leben voller Umwege möchte ein Mensch wenigstens wissen, woran er ist. Nur: Welche Einheit wäre dafür geeignet? Wie viele berufliche Erfolge wiegen eine unterlassene Entschuldigung auf? Lässt sich eine verlorene Liebe mit einer späteren verrechnen? Die Frage wird absurd, sobald sie ernst genommen wird. Die Hilfe, die einem Menschen zuteilwurde, vermindert nicht die Kränkung, die ein anderer erlitt. Beide haben einen Anspruch darauf, in der Erinnerung vorzukommen. Keiner von ihnen ist ein Posten, der mit dem anderen ausgeglichen werden dürfte.

Vielleicht ist schon der Wunsch nach einem Ergebnis verdächtig. War es im Ganzen ein gutes Leben? Aber dieses Ganze gehört nicht demjenigen allein, der es gelebt hat. Ein Vater kann sich an seine Fürsorge erinnern, während sein Kind vor allem die Bedingungen im Gedächtnis hat, unter denen es geliebt wurde. Für ihn waren die bezahlte Ausbildung und die verlässlichen Mahlzeiten Beweise seiner Zuneigung. Für das Kind war jeder Abend am Küchentisch eine Prüfung. Wer von beiden hat recht? Es wäre bequem, von zwei gleichberechtigten Perspektiven zu sprechen und damit die Sache zu erledigen. Doch manche Erinnerungen widersprechen einander, weil in ihnen ein tatsächliches Unrecht zur Sprache kommt. Dann hilft es wenig, dass jeder seine eigene Wahrheit besitzt.

Wer auf sein Leben zurückblickt, muss damit rechnen, dass andere darin etwas gesehen haben, das ihm selbst verborgen blieb oder das er nicht sehen wollte. Das macht jede Rechenschaft unangenehm. Es reicht nicht, sich an die eigenen Absichten zu erinnern. Ein Mensch kann jemanden haben schützen wollen und ihn dabei klein gehalten haben. Er kann seine Schweigsamkeit für Rücksicht gehalten haben, während sie dem anderen die Mühe aufbürdete, jede Sorge allein zu tragen. In der eigenen Geschichte findet sich für solche Dinge meist eine Erklärung. Überforderung, Angst, mangelnde Erfahrung. Diese Erklärungen mögen zutreffen. Sie sagen noch nichts darüber, was der andere erlebt hat.

Schonungslosigkeit erscheint da zunächst wie eine Tugend. Endlich keine Ausflüchte mehr. Doch auch die große Härte, mit der ein Mensch sich rückblickend verurteilt, verdient Misstrauen. In der Selbstanklage kann er ebenso gefangen sein wie in der Selbstzufriedenheit. Wer immerzu davon spricht, was für ein schlechter Mensch er gewesen sei, verlangt womöglich von seinen Zuhörern, dass sie ihn trösten. Die Geschädigten werden dann ein weiteres Mal gebraucht, diesmal für seine Entlastung. Eine nüchternere Sprache käme ohne dieses große Urteil aus. Ein verletzender Satz wurde gesagt. Ein Brief blieb unbeantwortet. Jemand ging, obwohl er wusste, dass ein anderer auf ihn wartete. Solche Eingeständnisse sind schwerer auszuhalten als eine pauschale Verurteilung des eigenen Charakters, weil sie bei der Sache bleiben.

Ob ein Mensch sich verzeihen darf, lässt sich daran nicht einfach anschließen. Manche Schuld betrifft vor allem ihn selbst: eine aufgegebene Arbeit, ein Talent, das aus Bequemlichkeit verkümmerte. Anderes betrifft Menschen, die noch leben und vielleicht nichts von seiner späten Einsicht wissen wollen. Ihnen steht es frei, eine Entschuldigung zurückzuweisen. Das darf derjenige, der um Verzeihung bittet, bedauern; einen Vorwurf darf er ihnen daraus nicht machen. Auch eine aufrichtige Reue gibt kein Recht auf Versöhnung. Diese Grenze müsste in einer Lebensbilanz stehen bleiben, selbst wenn sie den versöhnlichen Schluss unmöglich macht.

Bei den versäumten Möglichkeiten ist die Lage unübersichtlicher. Ein Mensch kann sich lange mit dem Leben beschäftigen, das er hätte führen können: mit dem Beruf, den er nicht ergriff, mit dem Menschen, dem er nicht folgte, mit dem Land, in dem er nie wohnte. Solche Gegenleben haben einen ungerechten Vorteil. Sie mussten nie einen gewöhnlichen Dienstag überstehen. In ihnen altert die Liebe nicht, die Arbeit wird nicht lästig, die fremde Stadt hat keinen Winter, in dem sich Einsamkeit ausbreitet. Das gelebte Leben, einschließlich seiner Müdigkeit und seiner schlechten Entscheidungen, wird mit einer Möglichkeit verglichen, die von allen Folgekosten befreit wurde.

Trotzdem wäre es falsch, jedes Bedauern als Täuschung abzutun. Es gibt Chancen, vor denen jemand aus Angst zurückwich. Vielleicht nannte er es Vernunft. Vielleicht gab es auch gute Gründe, die erst im Rückblick wie Ausreden aussehen. Der ältere Mensch weiß mehr als der jüngere, aber er weiß nicht mehr auf dieselbe Weise. Er kennt den Ausgang und vergisst leicht, wie offen die Situation damals war. Wer über sein früheres Selbst urteilt, müsste dessen begrenztes Wissen berücksichtigen, ohne ihm jede Verantwortung abzunehmen. Das gelingt selten zuverlässig. An manchen Tagen fällt das Urteil zu nachsichtig aus, an anderen wird dem jüngeren Menschen ein Mut abverlangt, den der ältere selbst heute kaum aufbrächte.

Auch die großen Ereignisse beschreiben ein Leben nur unzureichend. Geburt, Ausbildung, Beruf, Ehe, Trennung, Abschied: Das sind Daten, an denen sich eine Biografie entlangschreiben lässt. Aber was geschah zwischen ihnen? Jemand saß jahrelang am Bett eines kranken Angehörigen und führte darüber kein Tagebuch. Jemand hörte einem Freund immer wieder dieselbe Geschichte an, weil dieser sie noch nicht anders erzählen konnte. Solche Stunden verschwinden leicht aus einer Lebensbeschreibung. Sie hatten keine Öffentlichkeit und häufig nicht einmal einen Namen. Für den Menschen, der sie brauchte, waren sie dennoch ein Teil dessen, was das Leben erträglich machte.

Von hier aus bekommt die Frage, worauf ein alter Mensch zurückblickt, der nichts hinterlässt, einen anderen Klang. Was heißt hier nichts? Kein Haus, kein Werk, kein Vermögen, keine Kinder? Die Frage enthält bereits eine Vorstellung davon, was als Hinterlassenschaft gelten darf. Nach ihr wäre ein Mensch, der wenig besaß und kaum Spuren in Archiven erzeugte, ärmer gelebt als jemand, dessen Name auf einem Gebäude steht. Diese Vorstellung ist fragwürdig. Nicht nur, weil auch Namen auf Gebäuden irgendwann verschwinden. Sie übersieht den Unterschied zwischen dem Umfang einer Hinterlassenschaft und dem Wert eines Lebens.

Es ist verlockend, darauf mit den kleinen, unsichtbaren Spuren zu antworten. Ein freundlicher Satz habe jemanden aufgerichtet, eine Begegnung unbemerkt eine Richtung verändert; nichts gehe ganz verloren. Vielleicht. Doch der Trost bleibt zweifelhaft, solange er sich auf eine Behauptung stützt, die niemand überprüfen kann. Manche Wirkung versiegt. Manche Erinnerung stirbt mit dem letzten Menschen, der sie bewahrt hat. Es werden Briefe weggeworfen, Fotografien bleiben unbeschriftet, und irgendwann weiß niemand mehr, wer an jenem Tisch saß. Das ist kein Sonderfall, sondern das gewöhnliche Schicksal der meisten Leben. Es gibt wenig Grund, für das eigene eine Ausnahme zu erwarten.

Warum sollte daraus folgen, dass dieses Leben vergeblich gewesen ist? Ein schöner Nachmittag, den zwei Menschen miteinander verbracht haben, muss nicht Jahrhunderte später noch bezeugt werden, um stattgefunden zu haben. Der Trost, den jemand empfing, verliert seinen Wert nicht dadurch, dass später niemand von ihm weiß. Allerdings lässt sich dieser Gedanke leichter auf ein fremdes Leben anwenden als auf das eigene. Bei einem anderen leuchtet er ein. Für sich selbst wünscht ein Mensch oft doch einen Rest Dauer, jemanden, der seinen Namen nicht bloß kennt, sondern etwas dabei empfindet.

Darin liegt womöglich ein Teil der Hoffnung, in den Kindern weiterzuleben. Sie ist verständlich. Wer ein Kind beim Sprechen beobachtet und in einer Geste etwas Vertrautes erkennt, erlebt eine Nähe, die sich kaum nüchtern beschreiben lässt. Aber aus dieser Nähe darf kein Auftrag werden. Kinder sind keine Aufbewahrungsorte für das Leben ihrer Eltern. Sie dürfen anders werden, anders erinnern und auch manches ablegen, das ihnen hinterlassen wurde. Die Erwartung, sie sollten ihre Eltern vor dem Vergessen retten, überträgt ihnen eine Arbeit, die kein Mensch für einen anderen zu Ende bringen kann. Und wer keine Kinder hat, ist deshalb nicht um ein gelungenes Leben betrogen.

Bleibt die Frage, wem eine solche Rechenschaft übergeben werden soll. Nur demjenigen, der sie verfasst? Oder auch den Menschen, mit denen er gelebt hat? Die zweite Möglichkeit scheint zunächst ehrlicher, doch sie hat ihre Zumutungen. Nicht jede Offenheit ist ein Geschenk. Eine Beichte kann zur Last werden, wenn jemand sie vor allem deshalb ausspricht, weil er sein Geheimnis nicht länger allein tragen möchte. Die Wahrheit einer alten Lieblosigkeit lässt sich nicht dadurch rechtfertigen, dass sie nun endlich gesagt wird. Zu fragen wäre, was der andere mit ihr anfangen kann, was sie ihm erklärt, was sie ihm nimmt. Diese Frage darf allerdings auch nicht zur eleganten Ausrede für weiteres Verschweigen werden.

Es gibt Dinge, von denen ein anderer wissen muss, weil sie sein eigenes Leben betreffen. Es gibt auch einen privaten Rest, auf den niemand Anspruch hat. Unausgelebte Wünsche, beschämende Gedanken, die Erinnerung an eine Zuneigung, aus der nichts wurde: Nicht alles muss offengelegt werden, damit ein Mensch wahrhaftig lebt. Nähe bedeutet nicht vollständige Durchsichtigkeit. Vielleicht wäre eine Lebensbilanz gerade dort redlich, wo sie kenntlich macht, dass sie etwas auslässt, statt den Anschein lückenloser Auskunft zu erwecken. Erzählen lässt sich, was verstanden wurde. Für manches fehlt auch am Ende die Sprache; manches bleibt womöglich selbst demjenigen verborgen, der darüber Auskunft geben möchte.

Dennoch kann es wichtig sein, dass ein paar Menschen mehr erfahren, als die Rollen verraten, in denen sie jemanden kennen. Nicht um ihn nachträglich interessanter zu machen. Eher, damit ein Schweigen nicht für Gleichgültigkeit gehalten wird, wenn darin Angst war, oder ein gelungener Auftritt für Sicherheit, wo jemand kaum wusste, wie er den Tag überstehen sollte. Vielleicht lässt sich dadurch etwas an der gemeinsamen Vergangenheit berichtigen. Vielleicht entgegnet ein anderer dann, so habe er es nicht erlebt. Wer seine Rechenschaft übergibt, müsste zuhören. Zu Lebzeiten setzt sie ihn einem Widerspruch aus, auf den er noch antworten kann. Das ist ein guter Grund, nicht alles einem letzten Brief anzuvertrauen.

Und die Frage, ob ein Mensch dieses Leben noch einmal leben wollte? Sie zieht an, obwohl ihr kaum vorbehaltlos zu trauen ist. Vieles wäre willkommen, auch gewöhnliche Tage, die damals nichts Besonderes schienen. Anderes dürfte niemals wiederkehren. Vor allem wäre es schwer, einem Menschen noch einmal das anzutun, was heute bereut wird. Deshalb muss ein vorbehaltloses „Noch einmal!“ nicht als höchste Form der Lebensbejahung gelten. Es könnte auch verlangen, über etwas hinwegzugehen, das zu Recht gegen das eigene Handeln spricht. Vielleicht lässt sich ein Leben annehmen, ohne jede seiner Stunden zurückzuwünschen. Wie sollte es sonst angenommen werden, wenn die Reue dabei nicht verleugnet werden soll?

Auf dem Papier ließe sich vieles abschließen. Man könnte die letzten Seiten sorgfältig formulieren, den Ton milder werden lassen, ein paar Namen hinzufügen. Im Leben bleibt die Sache unordentlich. Ein fehlender Mensch fehlt auch nach einer guten Formulierung. Wer auf eine Antwort wartet, hat wenig davon, dass der andere sein Schweigen inzwischen versteht. Solange noch etwas getan werden kann, stört diese Möglichkeit die Ruhe, die der Rückblick verspricht. Vielleicht fällt einem Menschen beim Nachdenken über seine Bilanz ein Gespräch ein, das er seit Langem aufschiebt. Er weiß ungefähr, was er sagen möchte. Was der andere antworten wird, bleibt offen.s

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