Über Macht, Willen und die dunkle Natur des Menschen
Der Mensch hat sich seine Lieblingstiere stets nach dem Maß seiner Sehnsüchte ausgesucht. Dem Löwen überließ er die Majestät, dem Pferd die edle Gefolgschaft, dem Hund die Treue. Den Greifvögeln aber traute er etwas zu, das ihm selbst nur selten gelingt: eine Freiheit, die nicht um Erlaubnis fragt. Hoch über den Dingen ziehen sie ihre Kreise, sehen, ohne gesehen werden zu müssen, und stoßen herab, wenn der Augenblick gekommen ist. Sie scheinen weder mit sich zu hadern noch sich vor einer Instanz rechtfertigen zu müssen. Vielleicht bewundert der Mensch sie gerade deshalb. Er erkennt in ihnen eine Souveränität, die er sich selbst gern zuschreibt und die ihm im Alltag so zuverlässig abhandenkommt.
Doch schon beim zweiten Blick gerät die Bewunderung ins Wanken. Ist der Adler wirklich frei, weil er hoch fliegt? Ist der Falke selbstbestimmt, wenn er auf den Ruf seines Falkners zurückkehrt? Und was unterscheidet die Entschlossenheit eines Habichts von jener Rücksichtslosigkeit, die der Mensch gern als Stärke ausgibt, solange sie ihm nützt? Die Greifvögel bieten keine unschuldigen Gleichnisse. In ihnen begegnet uns die Natur als Spiegel unserer politischen Fantasien, unserer moralischen Selbsttäuschungen und jenes eigentümlichen Verhältnisses, das wir zu den Kräften unterhalten, von denen wir leben und die wir zugleich zu beherrschen versuchen.
Dabei wäre es verführerisch, die drei Vögel in eine saubere symbolische Ordnung zu bringen: hier der Adler als Macht, dort der Falke als Wille, schließlich der Habicht als Instinkt. Eine solche Zuordnung kann den Blick schärfen, sofern man sie nicht mit einer Wahrheit verwechselt, die den Tieren gleichsam von Natur aus eingeschrieben wäre. Symbole sind keine zoologischen Eigenschaften. Sie entstehen dort, wo eine Kultur in ein Tier mehr hineinliest, als dessen Körper allein erzählen könnte. Der Adler wird zum Zeichen der Herrschaft, weil Menschen ihre Herrschaft in ihm wiedererkennen wollen; der Falke gewinnt seine höfische Aura durch die Geschichte der Falknerei; der Habicht lässt sich als Bild einer unmittelbaren, körperlichen Intelligenz lesen, gerade weil er weniger fest im kulturellen Wappenbuch verankert ist. Die Unterschiede erzählen also nicht nur etwas über die Vögel. Sie erzählen vor allem etwas über den Menschen, der sie betrachtet.
Die Höhe und ihre Verführung.
Der Adler hat es weit gebracht. Er sitzt auf Wappen, Fahnen und Münzen, begleitet Götter und Kaiser und verleiht politischen Gebilden einen Anschein von Dauer, der ihnen aus eigener Kraft keineswegs immer zukommt. In der griechischen Mythologie ist er mit Zeus verbunden, in Rom mit Jupiter; als aquila wurde er zum Feldzeichen der Legionen. Aus einem Vogel, der sich über die Landschaft erhebt, wird ein Bild für jene Macht, die über dem einzelnen Leben stehen und ihm eine Ordnung geben will. Die Höhe verwandelt sich in Rang, die räumliche Distanz in einen Anspruch auf geistige Überlegenheit.
Das ist keineswegs absurd. Wer Abstand gewinnt, vermag Zusammenhänge zu erkennen, die demjenigen entgehen, der mitten im Geschehen steckt. Politische Urteilskraft braucht bisweilen die Fähigkeit, sich dem Lärm des Augenblicks zu entziehen. Auch im persönlichen Leben gibt es eine Form der Freiheit, die darin besteht, nicht auf jede Kränkung, jeden Reiz und jede Zumutung unmittelbar zu reagieren. Man muss nicht jede Schlacht schlagen, nur weil sie sich anbietet. Der Adler erinnert an die Würde des Überblicks.
Aber die Höhe hat einen Preis. Wer sich über die Dinge erhebt, kann sie besser übersehen – und schlechter verstehen. Aus der Ferne werden Menschen zu Mengen, Einzelschicksale zu Zahlen, Widerstände zu Störungen einer Ordnung, deren Schönheit sich dem Betrachter von oben erschließt. Der Überblick ist niemals unschuldig. Er kann Erkenntnis ermöglichen, aber auch die Entfernung vom Gegenstand als Erkenntnis ausgeben. Nicht jeder, der von oben herabblickt, sieht mehr. Mancher sieht nur weniger Einzelheiten und hält diesen Verlust bereits für Weisheit.
Dante hat diese Spannung in seiner Göttlichen Komödie auf eine Weise gestaltet, die den Adler aus der bloßen Herrschaftssymbolik herausführt. Im Paradiso, besonders in den Gesängen XVIII bis XX, begegnet dem Dichter im Himmel des Jupiter ein gewaltiger Adler, der sich aus den Gestalten seliger Herrscher zusammensetzt. Seine Stimme ist die Stimme vieler; sein Körper vereinigt die einzelnen Seelen zu einem Bild überpersönlicher Gerechtigkeit. Die Herrschaft wird hier nicht durch die Stärke eines Einzelnen legitimiert, sondern durch die Vorstellung einer Ordnung, in der das individuelle Urteil seine Begrenztheit erkennt.
Dante weiß allerdings, dass diese Ordnung dem Menschen nicht ohne Weiteres zugänglich ist. Im zwanzigsten Gesang geht es gerade auch um die Grenzen menschlicher Erkenntnis angesichts göttlicher Gerechtigkeit. Der Adler verkörpert deshalb nicht einfach eine Macht, die recht hat, weil sie mächtig ist. Er verweist auf die Frage, ob es eine Gerechtigkeit geben kann, deren Maßstab über den begrenzten Erfahrungen des Einzelnen liegt. Die Höhe wird zum Versprechen einer größeren Einsicht und zugleich zum Eingeständnis, dass diese Einsicht dem Menschen entzogen bleibt.
Hier beginnt die politische Versuchung des Adlers. Denn sobald ein Herrscher, eine Institution oder eine Ideologie behauptet, aus größerer Höhe zu urteilen, liegt der Gedanke nahe, die Einwände derer, die unten leben, als Ausdruck beschränkter Sicht abzutun. Die eigene Perspektive wird zur höheren Wahrheit erklärt; Widerspruch gilt dann nicht mehr als mögliche Korrektur, sondern als Beweis für die Unzulänglichkeit des Widersprechenden. Der Adler, ursprünglich ein Bild der Übersicht, wird zum Wappentier der Unfehlbarkeit.
Die Geschichte politischer Macht ist reich an solchen Verwechslungen. Wer sich selbst für den Vertreter einer höheren Ordnung hält, kann leicht vergessen, dass auch die Höhe ein Standort ist. Sie ist nicht die Welt selbst.
Nietzsche und der stolze Vogel
Bei Friedrich Nietzsche erhält der Adler eine andere, eigentümlichere Bedeutung. In Also sprach Zarathustra erscheint er zusammen mit der Schlange als Gefährte des titelgebenden Wanderers. Der Adler ist das stolzeste, die Schlange das klügste Tier. Dass beide zusammengehören, ist entscheidend. Sie stehen nicht in der üblichen Beziehung von Jäger und Beute, sondern bilden eine Gemeinschaft, in der Verschiedenheit nicht notwendig Feindschaft bedeutet. Die Schlange windet sich um den Hals des Adlers; der Vogel trägt sie, ohne sie zu verschlingen. Das Bild unterläuft für einen Augenblick die vertraute Ordnung der Natur, als hätten Stolz und Klugheit gelernt, einander nicht zu vernichten.
Man könnte darin eine kleine Allegorie auf das Verhältnis von Kraft und Erkenntnis sehen. Der Adler allein drohte zum Bild bloßer Überlegenheit zu werden, die Schlange allein zum Sinnbild einer Intelligenz, die sich aus Angst vor der Stärke im Verborgenen hält. Zusammen ergeben sie eine widersprüchlichere Gestalt: Selbstbehauptung, die der Klugheit bedarf, und Klugheit, die sich nicht in der Vermeidung jeder Gefahr erschöpft. Zarathustras Wunsch, sein Stolz möge stets mit seiner Klugheit gehen, bringt diese Verbindung auf den Punkt. Doch selbst wenn die Klugheit den Stolz einmal verlässt, soll dieser weiterfliegen. Nietzsche traut dem Stolz offenbar etwas zu, das sich nicht vollständig auf vernünftige Überlegung zurückführen lässt.
Man sollte sich davor hüten, daraus eine schlichte Verherrlichung des Starken zu machen. Nietzsche hat den Stolz nicht erfunden, damit sich jeder selbstgefällige Mensch mit einem Raubvogel vergleichen kann. Seine philosophische Zumutung liegt anderswo. Er misstraut einer Moral, die sich selbst für selbstverständlich hält und ihre Herkunft nicht mehr befragt. Was als gut und böse gilt, ist für ihn nicht einfach eine ewige Ordnung, die der Mensch nur noch zu erkennen hätte. Werturteile entstehen in geschichtlichen und psychischen Zusammenhängen; sie können Ausdruck von Lebensbejahung sein, aber auch aus Ressentiment hervorgehen.
In Zur Genealogie der Moral greift Nietzsche deshalb auf das Bild der Raubvögel und der Lämmer zurück. Die Raubvögel stehen für eine aktive Kraft, die sich nicht erst durch die Zustimmung der Schwächeren legitimiert. Die Lämmer dagegen können die Stärke der Raubvögel als böse bezeichnen und ihre eigene Ohnmacht in moralische Überlegenheit verwandeln. Nietzsche interessiert sich für den Vorgang, durch den eine bestimmte Lebenslage ihre Wertungen als allgemeine Wahrheit ausgibt. Er will wissen, welche Kräfte hinter einer Moral stehen, die sich selbst als rein und voraussetzungslos versteht.
Das ist ein gefährlicher Gedanke, und er soll es sein. Er kann helfen, die Heuchelei moralischer Selbstgewissheit aufzudecken; er kann aber auch missverstanden werden als Freibrief für jene, die ihre Rücksichtslosigkeit mit dem Hinweis auf die Natur entschuldigen. Dass eine Kraft vorhanden ist, begründet noch keinen Anspruch, ihr ungehemmt nachzugeben. Nietzsche ist kein Lieferant bequemer Rechtfertigungen für den Stärkeren. Seine Philosophie fragt vielmehr danach, was aus einer Kraft wird, wenn sie nicht bloß andere überwältigt, sondern sich selbst zu verwandeln vermag.
Hier liegt der Unterschied zwischen Macht und Selbstüberwindung. Wer andere erniedrigen muss, um sich groß zu fühlen, bleibt von ihnen abhängig. Er benötigt Unterlegene als Beweis seiner Überlegenheit und muss diese Überlegenheit immer wieder demonstrieren. Seine Macht ist weniger souverän, als sie aussieht. Sie hängt an der fortwährenden Bestätigung durch diejenigen, über die sie sich erhebt. Der Adler hingegen lässt sich, zumindest in einer möglichen Lesart Nietzsches, als Bild einer Kraft verstehen, die nicht jede Bewegung auf einen äußeren Gegner beziehen muss. Sie kann sich auf sich selbst richten, Widerstände in sich erkennen und an ihnen wachsen.
Natürlich ist auch diese Souveränität nicht frei von Selbsttäuschung. Wer sich von den Urteilen der anderen unabhängig wähnt, kann lediglich gelernt haben, ihre Anerkennung auf raffiniertere Weise zu suchen. Der Stolz ist ein unzuverlässiger Zeuge seiner selbst. Er kann Würde bedeuten, aber auch gekränkte Eitelkeit; Unabhängigkeit, aber auch die Unfähigkeit, sich etwas sagen zu lassen. Nietzsches Adler bleibt deshalb ein widersprüchliches Symbol. Er erinnert an die Möglichkeit, sich aus fremden Wertordnungen zu lösen, und an die Gefahr, die eigene Höhe schon für einen Beweis der Wahrheit zu halten.
Der Falke und die Frage, wem der Wille gehört
Der Falke besitzt nicht die imperiale Schwere des Adlers. Er ist weniger Herrschaftszeichen als Bewegungsbild. Wo der Adler über der Landschaft kreist, scheint der Falke seine ganze Existenz auf den Augenblick des Zugriffs zu konzentrieren. Seine Kraft ist gerichtet, seine Bewegung präzise. Er verkörpert nicht so sehr die Macht, die sich einen Raum unterwirft, als vielmehr den Willen, der ein Ziel verfolgt.
Dass der Falke in der europäischen Kultur eine so besondere Stellung einnimmt, hängt mit der Falknerei zusammen. Seit Jahrhunderten wurde er ausgebildet, gepflegt und für die Jagd eingesetzt. Die höfische Gesellschaft machte aus seiner Führung eine Kunst und aus dieser Kunst ein Zeichen von Rang. Wer einen Falken hielt, demonstrierte nicht allein Reichtum, sondern auch Geduld, Geschick und die Fähigkeit, ein wildes Tier auf einen Zweck auszurichten. Der Falke wurde zum Partner einer Kultur, die Wildheit bewundern und zugleich nutzbar machen wollte.
Darin steckt ein Widerspruch, der weit über die Jagd hinausreicht. Die Fähigkeiten des Falken lassen sich nur kultivieren, wenn man seine Eigenart respektiert; zugleich wird diese Eigenart in einen menschlichen Plan eingebunden. Seine Freiheit soll erhalten bleiben, aber bitte in einer Form, die sich abrufen lässt. Der Falke ist wild genug, um kostbar zu sein, und gebunden genug, um dem Menschen zu dienen. Vielleicht ist das eine der ältesten Fantasien der Zivilisation: das Ungezähmte so weit zu formen, dass es seine Lebendigkeit behält und doch den eigenen Absichten folgt.
Die Literatur hat aus dieser Spannung sehr unterschiedliche Geschichten gemacht. In Boccaccios Decamerone, am fünften Tag in der neunten Novelle, ist der Falke das letzte kostbare Gut, das Federigo degli Alberighi geblieben ist. Federigo hat sein Vermögen aus Liebe zu einer Frau aufgezehrt. Als sie ihn schließlich besucht, besitzt er kaum noch etwas, womit er sie bewirten könnte. Ausgerechnet seinen geliebten Falken lässt er zubereiten, ohne zu wissen, dass die Frau ihn um eben diesen Vogel bitten wollte.
Der Falke wird zum Opfer einer Liebe, die sich nicht in Besitz und Berechnung erschöpft. Federigo gibt das Wertvollste hin, das er noch besitzt, und gerade dieser Verlust verleiht ihm eine Würde, die sein früherer Reichtum nicht garantieren konnte. Der Vogel ist hier nicht einfach ein Zeichen der Freiheit. Er steht für eine Bindung, die so tief reicht, dass sie die Bereitschaft einschließt, das Geliebte nicht festzuhalten. Das ist eine andere Form der Selbstbehauptung als die des Adlers. Sie besteht nicht darin, sich unabhängig von allen anderen zu machen, sondern darin, sich einer anderen Person auszusetzen, ohne den Wert des eigenen Handelns im Voraus absichern zu können.
Bei Werner Bergengruen, in der Novelle Die drei Falken, wird das alte Motiv auf andere Weise weitergeführt. Der Falke bleibt mit Adel, Liebe und individueller Würde verbunden, doch die Tradition wird zum Resonanzraum einer modernen Frage: Wie bewahrt der Mensch seine Freiheit, wenn gesellschaftliche Ordnungen und Erwartungen ihn in Rollen festlegen? Der Vogel steht nicht nur für die Kunst, eine wilde Kraft zu führen, sondern auch für das Verlangen nach einem Leben, das nicht restlos von fremden Zwecken bestimmt wird.
Noch schärfer tritt die dunkle Seite der Falkenfreiheit bei William Butler Yeats hervor. In seinem Gedicht The Second Coming, entstanden nach dem Ersten Weltkrieg, fliegt ein Falke in immer weiteren Kreisen, bis er den Falkner nicht mehr hören kann. Gleich darauf folgt die berühmte Diagnose, dass das Zentrum nicht mehr hält und die Ordnung zerfällt. Das Bild hat sich von der höfischen Welt weit entfernt. Es beschreibt nicht länger die elegante Beherrschung eines wilden Tieres, sondern den Verlust einer Verbindung, die den Flug überhaupt erst in einen Zusammenhang gestellt hat.
Yeats‘ Falke ist nicht einfach ein befreiter Falke. Seine Entfernung vom Falkner kann als Loslösung gelesen werden, aber ebenso als Verlust von Orientierung. Er gewinnt Raum und verliert zugleich den Bezugspunkt, der seine Bewegung begrenzte. Das Gedicht entstand in einer Epoche, in der die europäische Zivilisation ihre Fähigkeit, sich selbst als geordnete Welt zu verstehen, schwer erschüttert sah. Die alte Verbindung zwischen Zentrum und Peripherie, Autorität und Gehorsam, überliefertem Maß und gegenwärtigem Handeln schien zerrissen. Was sollte den Flug noch lenken, wenn der Ruf nicht mehr gehört wurde?
Zwischen Nietzsche und Yeats öffnet sich damit ein Abgrund. Nietzsches Adler kann als Bild einer Selbstständigkeit erscheinen, die sich aus der Befreiung von fremden Werturteilen speist. Yeats‘ Falke zeigt dagegen die Möglichkeit, dass Loslösung allein noch keine Freiheit schafft. Wer sich von einer Autorität entfernt, hat damit nicht automatisch einen eigenen Maßstab gewonnen. Man kann die Führung verlieren, ohne sich selbst führen zu können. Die Freiheit, die nur noch in der Abwesenheit eines Herrn besteht, ist womöglich eine Freiheit ohne Richtung.
Das ist eine unbequeme Einsicht in einer Kultur, die Unabhängigkeit gern als höchsten Wert behandelt. Denn sie legt nahe, dass Bindungen nicht notwendig das Gegenteil von Freiheit sind. Manche Bindungen machen Freiheit erst möglich: Sprache, Wissen, Freundschaft, Überlieferung, die freiwillig eingegangene Verpflichtung. Entscheidend ist nicht allein, ob uns etwas bindet, sondern was diese Bindung aus uns macht und ob wir sie prüfen können. Der Falke lehrt, dass eine Richtung nicht schon deshalb falsch ist, weil sie nicht aus uns selbst stammt. Aber er erinnert ebenso daran, dass ein Leben, das nur fremden Rufen folgt, seine eigene Stimme verlieren kann.
Der Habicht und die Wahrheit des Körpers
Der Habicht steht seltener im Mittelpunkt großer politischer und literarischer Symbolsysteme. Ihm fehlt die imperiale Aura des Adlers, und er ist nicht in gleichem Maße mit der höfischen Kunst der Falknerei verbunden. Gerade deshalb eignet er sich für eine Betrachtung, die sich weniger für die repräsentative Macht als für die unmittelbare Wirksamkeit des Lebendigen interessiert. Der Habicht jagt aus der Deckung, beherrscht enge Räume und reagiert mit einer Präzision, die nicht erst durch sichtbare Größe beeindrucken muss. Seine Kraft liegt im Augenblick.
Man sollte daraus keine feste kulturelle Lehre ableiten. Ein allgemein verbindlicher philosophischer Habicht-Archetyp existiert nicht, und es wäre unredlich, ihm eine Symbolgeschichte anzudichten, die sich so nicht belegen lässt. Der Habicht ist hier ein bewusst gewähltes Deutungsbild: ein Anlass, über jene Kräfte nachzudenken, die wirken, bevor der Mensch sie zu erklären beginnt. Er steht für eine Intelligenz, die nicht notwendig in Sätzen denkt, für eine Handlungsfähigkeit, die sich nicht erst durch Selbstbeschreibung legitimiert.
Der Instinkt wird häufig als das Unvernünftige missverstanden, als eine dunkle Gegenmacht zum Denken. Doch diese Vorstellung verrät eher den Stolz des denkenden Menschen als die Wirklichkeit des Lebendigen. Nicht jede Intelligenz muss sich in bewusster Überlegung zeigen. Wahrnehmung, Erfahrung, Koordination und Reaktion können hoch entwickelte Formen der Orientierung hervorbringen, ohne dass sie einer inneren Stimme bedürfen, die ihr Tun kommentiert. Der Habicht muss keine Theorie seines Fluges besitzen, um im richtigen Augenblick zu handeln.
Für den Menschen ist diese Einsicht nicht ganz bequem. Wir erzählen uns gern, unsere Entscheidungen gingen aus einem bewussten Willen hervor, der den Körper lenkt wie ein Kapitän sein Schiff. Aber die Ordnung ist vermutlich weniger eindeutig. Unsere Urteile, Neigungen und Abneigungen entstehen in einem Geflecht von Erfahrungen, Affekten und Trieben, dessen Ursprünge dem Bewusstsein nicht vollständig zugänglich sind. Oft erklären wir erst nachträglich, warum wir getan haben, was wir getan haben, und verwechseln die Erklärung mit der Ursache. Der Mensch ist nicht einfach ein Wille, der einen Körper besitzt. Er ist ein leibliches Wesen, das denken gelernt hat und dennoch nicht vollständig weiß, was in ihm denkt und handelt.
Nietzsches Kritik am souveränen Subjekt berührt diesen Punkt. Er misstraut der Vorstellung, hinter jeder Handlung müsse ein vollkommen durchschaubares Ich stehen, das als unabhängiger Urheber für sie verantwortlich zeichnet. Das bedeutet nicht, dass Verantwortung verschwindet. Es bedeutet vielmehr, dass Selbstkenntnis schwieriger ist, als die bewusste Absicht vermuten lässt. Wer seine Triebe nicht kennt, ist nicht unbedingt frei von ihnen. Vielleicht ist er ihnen gerade deshalb ausgeliefert.
Hier gewinnt der Habicht seine philosophische Schärfe. Er erinnert an die Tatsache, dass Kraft zunächst weder gut noch böse ist. Der Zugriff des Raubvogels ist Teil seiner Lebensweise; er braucht keine moralische Rechtfertigung. Der Mensch aber kann sich nicht ohne Weiteres auf diese Natur berufen. Dass ein Impuls natürlich ist, macht seine Befriedigung noch nicht gerecht. Zwischen der Beschreibung dessen, was uns antreibt, und der Frage, wie wir handeln sollen, liegt ein Abstand, den keine Berufung auf den Instinkt schließen kann.
Wer seine Aggression als Naturrecht ausgibt, hat die moralische Frage nicht beantwortet, sondern umgangen. Wer behauptet, er sei eben ein durchsetzungsfähiger Mensch, kann damit eine notwendige Stärke beschreiben – oder eine Rücksichtslosigkeit, deren Folgen er nicht betrachten möchte. Die Natur liefert keine Entschuldigung. Sie liefert Material, mit dem der Mensch umgehen muss.
Jung und die unheimliche Gesellschaft mit sich selbst
An diesem Punkt führt der Weg zu Carl Gustav Jung, allerdings nicht über eine feste Symbollehre der Greifvögel. Jung hat keine verbindliche Dreierordnung aufgestellt, in der der Adler für das eine psychische Prinzip, der Falke für ein zweites und der Habicht für ein drittes stünde. Eine solche Zuordnung wäre eine nachträgliche Konstruktion. Fruchtbar wird die Begegnung mit seinen Gedanken erst dann, wenn man die Vögel als Bilder versteht, an denen sich psychische Möglichkeiten und Gefahren erproben lassen.
Jungs Archetypen sind keine Wörterbucheinträge des Unbewussten. Sie sind auch keine Schablonen, die jedem Bild unabhängig von seinem Zusammenhang dieselbe Bedeutung verleihen. Sie bezeichnen grundlegende Formen psychischer Erfahrung, die sich in unterschiedlichen Bildern und Erzählungen ausdrücken können. Was ein Symbol für einen Menschen bedeutet, lässt sich daher nicht allein aus seiner kulturellen Tradition ablesen. Es hängt ebenso davon ab, welche Wünsche, Ängste und Konflikte sich in ihm verkörpern.
Der Adler könnte in diesem Sinn für den Wunsch stehen, die eigene Begrenztheit zu überschreiten und eine umfassendere Perspektive zu gewinnen. Doch dieselbe Vorstellung kann in eine psychische Überhöhung umschlagen. Jung spricht in diesem Zusammenhang von Inflation: Das Ich identifiziert sich mit einer Größe, die es übersteigt, und hält sich schließlich selbst für größer, als es ist. Wer sich mit dem Adler verwechselt, glaubt vielleicht, über den gewöhnlichen menschlichen Irrtümern zu stehen. Die Suche nach Erkenntnis wird dann zur Weigerung, die eigene Begrenztheit anzuerkennen.
Das ist eine subtile Form der Selbsttäuschung, weil sie sich in Gestalt einer Tugend präsentiert. Der Mensch hält sich für unabhängig, weil er keine Kritik mehr an sich heranlässt; für weise, weil er die Einwände anderer als Ausdruck ihrer Beschränktheit deutet; für souverän, weil er seine Verletzlichkeit nicht zeigen kann. Der Adler ist in dieser Lesart nicht bloß ein Bild der Größe, sondern auch der Gefahr, sich von der eigenen Größe blenden zu lassen.
Der Falke führt zu einem anderen Problem. Seine gerichtete Bewegung lässt sich als Bild eines Menschen lesen, der Kräfte bündelt und ein Ziel verfolgt. Ohne Konzentration wird vieles im Leben unmöglich; ohne die Fähigkeit, sich einer Sache zu widmen, bleibt der Wille eine Sammlung guter Absichten. Doch Zielstrebigkeit kann zur Einseitigkeit werden. Ein Mensch kann seine Fähigkeiten meisterhaft entwickeln und dabei jene Seiten seiner Persönlichkeit vernachlässigen, die sich nicht in den Dienst seines Vorhabens stellen lassen. Er erreicht sein Ziel und entdeckt erst danach, dass er sich unterwegs selbst verengt hat.
Das Bild der Falknerei verschärft die Frage. Wer führt den Falken? Und wem gehört das Ziel, auf das er zufliegt? Übertragen auf das menschliche Leben lässt sich fragen, ob unsere Wünsche wirklich die unseren sind oder ob wir lediglich gelernt haben, fremde Erwartungen mit dem Ton der eigenen Überzeugung auszusprechen. Karriere, Anerkennung, Erfolg und gesellschaftlicher Rang können Ziele sein, die ein Mensch bewusst wählt. Sie können aber auch die Rufe eines Falkners sein, dessen Existenz er nie untersucht hat. Manchmal ist der Mensch gerade dort am besten abgerichtet, wo er sich am freiesten fühlt.
Jungs Begriff der Individuation meint keine makellose Selbstverwirklichung und schon gar nicht die Erfüllung jedes Wunsches. Er bezeichnet einen lebenslangen Prozess, in dem der Mensch zu einer umfassenderen Beziehung zu seiner Persönlichkeit gelangt. Dazu gehört, jene Anteile wahrzunehmen, die dem bewussten Selbstbild widersprechen. Individuation ist weniger die Kunst, ein ideales Ich herzustellen, als die Bereitschaft, mit der eigenen inneren Widersprüchlichkeit leben zu lernen.
Hier kommt der Habicht ins Spiel, als Bild einer Kraft, die das bewusste Ich lieber nicht zu sich zählen möchte. Jung nennt den Schatten jene Seite der Persönlichkeit, die vom Ich nicht anerkannt oder nicht in sein Selbstbild integriert wird. Der Schatten umfasst keineswegs nur verwerfliche Eigenschaften. In ihm können auch Mut, Lebendigkeit, schöpferische Energie und gesunde Durchsetzungskraft liegen, sofern ein Mensch gelernt hat, sich als friedfertig, angepasst oder bescheiden zu verstehen und alles auszuschließen, was diesem Bild widerspricht.
Ein Mensch, der seine Aggression grundsätzlich leugnet, wird nicht automatisch friedfertig. Er kann seine Feindseligkeit auf andere projizieren und überall Rücksichtslosigkeit erkennen, während er die eigene Beteiligung übersieht. Ein anderer, der sich ausschließlich als stark und unabhängig erlebt, mag seine Bedürftigkeit so gründlich verdrängen, dass sie sich in Kontrolle, Eifersucht oder Verachtung für die Schwachen verwandelt. Was nicht zum bewussten Selbstbild gehören darf, verschwindet nicht notwendig. Es kann sich auf Umwegen bemerkbar machen und den Menschen gerade dort bestimmen, wo er sich am wenigsten von ihm bestimmt glaubt.
Der Habicht wäre in dieser Perspektive kein Vorbild, dem man nacheifern sollte, sondern ein Spiegel, in dem etwas Unbequemes sichtbar wird. Er erinnert daran, dass der Mensch nicht nur aus den Eigenschaften besteht, die er an sich schätzt. Er ist auch von Impulsen geprägt, die er nicht gewählt hat und die er dennoch verantworten muss. Selbstkenntnis bedeutet dann nicht, jede innere Regung zu billigen. Sie bedeutet zunächst, sie wahrzunehmen, ohne sich durch sie definieren zu lassen.
Nietzsche und Jung sind keine Verbündeten in jeder Hinsicht; ihre philosophischen Voraussetzungen unterscheiden sich erheblich. Dennoch berühren sie sich in einem entscheidenden Misstrauen gegenüber der Vorstellung, der Mensch werde frei, indem er alles Unbequeme aus sich entfernt. Nietzsche fragt nach der Selbstüberwindung und nach den Kräften, die unsere Werturteile hervorbringen. Jung untersucht die psychischen Anteile, die sich der bewussten Kontrolle entziehen und doch unser Leben beeinflussen. Bei beiden führt der Weg zur Freiheit nicht über die Leugnung des inneren Konflikts, sondern über eine veränderte Beziehung zu ihm.
Was die Vögel vom Menschen verlangen
Vielleicht lässt sich der Unterschied zwischen Adler, Falke und Habicht am Ende weniger als eine Ordnung menschlicher Eigenschaften verstehen denn als drei Prüfungen, denen der Mensch sich aussetzen muss. Der Adler fragt, was aus Macht wird, wenn sie den Kontakt zu den Begrenzungen des eigenen Urteils verliert. Der Falke fragt, ob ein Wille noch frei ist, wenn er seine Richtung nicht mehr zu prüfen vermag. Der Habicht fragt, wie viel von dem, was wir für bewusste Entscheidung halten, aus Kräften stammt, die wir erst nachträglich in eine Geschichte über uns selbst einbauen.
Keine dieser Fragen lässt sich bequem beantworten. Die Macht des Adlers ist nicht schon deshalb verwerflich, weil sie Macht ist; ohne Abstand und Überblick wäre verantwortliches Handeln kaum möglich. Aber Distanz kann zur Verachtung werden, wenn sie den Einzelnen aus dem Blick verliert. Der Wille des Falken ist nicht schon deshalb unfrei, weil er sich auf ein Ziel richtet; ohne Bindung und Konzentration zerfiele das Leben in unverbundene Augenblicke. Aber Zielstrebigkeit kann zur Knechtschaft werden, wenn sie sich nicht mehr fragt, welchem Zweck sie dient. Der Instinkt des Habichts ist nicht schon deshalb verdächtig, weil er vor dem Denken wirkt; er erinnert an die leibliche Grundlage unseres Daseins. Aber aus der Tatsache eines Triebs folgt kein Recht auf seine Ausübung.
Die drei Vögel stehen damit für eine Spannung, die sich nicht auflösen lässt, ohne dass etwas Wesentliches verloren geht. Wir brauchen die Höhe und müssen doch unten leben. Wir brauchen den Willen und müssen doch seine Ziele befragen. Wir müssen unseren Instinkten zuhören, ohne ihnen das letzte Wort zu überlassen. Vielleicht ist Freiheit gerade nicht jener Zustand, in dem eine dieser Kräfte endgültig über die anderen gesiegt hat. Vielleicht beginnt sie erst dort, wo keine von ihnen mehr unangefochten herrschen darf.
Der Mensch unterscheidet sich von den Greifvögeln nicht dadurch, dass er keinen Instinkt besäße, keinen Willen hätte oder keine Macht ausüben könnte. Er unterscheidet sich dadurch, dass er sich zu diesen Kräften verhalten kann – freilich nicht immer, nicht vollkommen und keineswegs ohne Selbsttäuschung. Er kann den eigenen Stolz prüfen, den Ursprung seiner Ziele untersuchen und eine Aggression erkennen, bevor sie sich als vermeintliche Notwendigkeit Bahn bricht. Dass er dazu fähig ist, macht ihn nicht automatisch vernünftig. Es macht ihn aber verantwortlich.
Vielleicht bewundert der Mensch die Greifvögel deshalb so sehr, weil sie eine Freiheit verkörpern, die keine innere Zerrissenheit zu kennen scheint. Der Adler steigt auf, der Falke stößt herab, der Habicht greift zu. Keiner muss sich erklären. Doch eben darin liegt die Grenze des Vergleichs. Der Mensch kann nicht einfach fliegen, wohin seine Kraft ihn trägt, und anschließend behaupten, die Natur habe für ihn entschieden. Er lebt in einer Welt, in der Handlungen Folgen haben, in der andere Menschen ebenfalls frei sein wollen und in der die eigene Stärke dort zum Problem wird, wo sie die Freiheit der anderen vernichtet.
Die Höhe allein macht noch keinen souveränen Menschen. Das Ziel allein macht noch keinen freien Willen. Und die Unmittelbarkeit des Instinkts ist noch keine Weisheit. Vielleicht liegt die eigentliche Herausforderung darin, keine dieser Kräfte zu verleugnen und keiner von ihnen blind zu gehorchen. Der Adler kann lehren, Abstand zu gewinnen; der Falke, eine Bewegung zu vollenden; der Habicht, die Macht des Körpers nicht zu unterschätzen. Doch keiner kann dem Menschen die Entscheidung abnehmen, was er aus seiner Kraft macht.
Die Vögel fliegen. Der Mensch muss sich zu seinem Flug eine Haltung erarbeiten.