Von Laetrile bis DMSO

Die ewige Suche nach dem Wundermittel

Die Menschheitsgeschichte ist reich an Mythen: vom Stein der Weisen über das Wasser des Lebens bis hin zu den Elixieren moderner Chemielabors. Immer wieder flammt die alte Sehnsucht auf, Leiden, Alter und Tod durch eine Substanz zu überlisten, die, einfach, billig, gern auch aus der Natur gewonnen, Heilung für alle verspricht. Es ist ein Traum, der zugleich uralt und erstaunlich hartnäckig ist: das Wundermittel.

Während Alchemisten noch Gold aus Blei zu ziehen suchten, suchen wir heute das Heil aus Molekülen, die zufällig aus der Retorte, dem Apothekenregal oder dem Pferdestall stammen. Vier besonders eindrucksvolle Stationen dieses Zyklus aus Hoffnung, Euphorie, Verbot und Mythos sollen hier skizziert werden: Laetrile, Thalidomid, kolloidales Silber, und DMSO, die vielleicht schillerndste Substanz der jüngeren Zeit. Weiterlesen

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Jette N. sucht einen Job – aber nicht jeden

Die Generation „Ich will alles, aber bitte nicht das, was ihr macht“ hat ein neues Gesicht: Jette N. sucht einen Job, allerdings nicht irgendeinen. 40 Stunden im Büro sitzen? Welch groteske Vorstellung! Als würde man sich freiwillig in den metaphorischen Bürostuhlkäfig sperren lassen, um Excel-Tabellen zu zähmen und Kaffeetassen zu stapeln. Nein, das ist nichts für jemanden, der sich intellektuell längst auf einer höheren Ebene wähnt: dem Lebensmodell der kreativen Selbstverwirklichung bei gleichzeitiger Ablehnung von Routinen, die nach 1985 erfunden wurden. Weiterlesen

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Deckname Gefahr

Frauen, die unsichtbare Achse der Spionageliteratur

Spionage ist das Reich der Schatten, der Identitäten im Plural. Wer täuscht, führt; wer sichtbar wird, hat verloren. In der langen Ahnenreihe der Spionageromane jedoch ist eine Figur stets in den Hintergrund gerückt, nicht trotz ihrer Fähigkeit zur Tarnung, sondern wegen ihr: die Frau. Während der männliche Agent als charismatischer Einzelgänger mit moralischer Dissonanz ins Zentrum rückte, denken wir an Bond, Smiley oder Bourne, fristete die Spionin ein literarisches Doppelleben: Sie war entweder erotisierte Ablenkung oder randständige Moralfigur. Erst mit Romanen wie Louise Doughtys „Deckname Bird“ beginnt ein Paradigmenwechsel. Die Frau ist nicht länger Beilage des Plots, sondern Drehpunkt eines Genres, das ihre unterschätzte Macht lange ignorierte. Weiterlesen

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Der alte (weiße) Mann und die Wut

Die Rentner-Radikalisierung: Wenn Opa zum schlimmsten Feind der Demokratie wird

Liebe Leserinnen und Leser,

setzt euch hin, greift zum Eiswürfel und einem kühlen Bier (oder Kräutertee, je nach Konstitu­tion) , denn hier kommt der große „Rentner-Radikal-Report“: Ein wahres Meisterwerk der pseudowissenschaftlichen Glaskugelkunde, womöglich im Tiefflug aus dem letzten FOCUS‑Sommerloch abgestürzt. Weiterlesen

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Nachdenken über das Entschuldigen

Die Zukunft gehört denen, die wissen, wie man sich entschuldigt

I. Einleitung

Der Aphorismus „Die Zukunft gehört denen, die wissen, wie man sich entschuldigt“ mag auf den ersten Blick überraschen. In einer Welt, die oft von Wettbewerb, Durchsetzungsvermögen und dem Streben nach makelloser Perfektion geprägt zu sein scheint, könnte die Fähigkeit zur Entschuldigung als Schwäche missverstanden werden. Doch bei genauerer Betrachtung offenbart sich in diesem Satz eine tiefgreifende Wahrheit über menschliche Beziehungen, gesellschaftlichen Fortschritt und die Entwicklung des Einzelnen. Er suggeriert, dass die Bereitschaft, Fehler einzugestehen und aufrichtig um Verzeihung zu bitten, nicht nur eine Tugend ist, sondern eine entscheidende Kompetenz, die den Weg in eine konstruktivere und resilientere Zukunft ebnet. Weiterlesen

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Wenn keiner mehr fragt, ob das stimmt

Der Dunning-Kruger-Effekt in Politik und Medien, oder „Ich habe keine Ahnung, davon aber reichlich‟

Die Politik

Die Selbstüberhöhung der Ahnungslosen: Dunning-Kruger als Regierungsprogramm

Es gibt psychologische Theorien, die erklären die Welt. Und es gibt solche, die entschuldigen sie. Der Dunning-Kruger-Effekt gehört zweifellos zur ersten Sorte, er leuchtet wie ein grelles Flutlicht in den Saal unserer politischen Gegenwart und zeigt: Die größten Klatscher sitzen nicht nur im Publikum, sie haben inzwischen das Mikrofon. Weiterlesen

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„Rüstig in die Pflicht“, Der alte Mann und das Muss

In einer Zeit, da die Ideenknappheit in der Politik nur noch von der Fantasielosigkeit der Denkfabriken übertroffen wird, erhebt ein Mann seine Stimme, dessen Geburtsjahr mit dem letzten ordentlichen Dreiklang aus Kohleofen, Trümmerfrau und Rübensirup zusammenfällt. Klaus Hurrelmann, Soziologe im Status „daueraktiviert“, beweist eindrucksvoll: Wer mit 81 Jahren noch Interviews gibt, braucht keinen sozialen Pflichtdienst, er lebt ihn bereits. Weiterlesen

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Für einen verzweifelten Freund

Man hat Träume und Sehnsüchte entwickelt, die weit über das hinausgehen, was man zu wollen hat, damit die Gesellschaft dich akzeptiert.“

Das Problem

In den Tiefen der menschlichen Existenz, wo das Bewusstsein sich seiner selbst und seiner Grenzen gewahr wird, entspringt eine eigentümliche, oft schmerzhafte Dualität. Es ist die unaufhörliche Spannung zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte; zwischen der Realität der gesellschaftlichen Anforderungen und der unbändigen, oft ungreifbaren Welt der individuellen Träume und Sehnsüchte. Der Satz „Man hat Träume und Sehnsüchte entwickelt, die weit über das hinausgehen, was man zu wollen hat, damit die Gesellschaft dich akzeptiert.“ ist nicht bloß eine Beobachtung, sondern eine melancholische Diagnose der modernen Seele. Er offenbart die tragische Diskrepanz, die sich auftut, wenn das innere Selbst, reich an ungezähmten Wünschen und visionären Vorstellungen, an den starren Konturen der kollektiven Erwartungen zerschellt. Diese Kollision, so subtil sie im Alltag auch erscheinen mag, ist die Quelle einer tiefen, oft unausgesprochenen Melancholie, die sich wie ein feiner Schleier über das Dasein legt. Weiterlesen

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Er wäre so gerne ein anderer, doch leider ist er so, wie er ist

Eine ironische Fallstudie über das moderne Ungenügen

Von außen betrachtet wirkt er gar nicht so unglücklich. Der Mantel sitzt, der Scheitel hält, die Espressotasse ruht in einer Pose zwischen Grandezza und gepflegter Melancholie in der Hand. Auf Instagram blinzelt er nachdenklich gegen das Licht der goldenen Stunde, während er Zitate von Pessoa, Camus oder, wenn es ganz mutig wird, Slavoj Žižek unter seine Selfies montiert. Kurzum: Alles ist da, alles ist stimmig. Und doch: etwas stimmt nicht. Weiterlesen

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Journalismus aus der Blase

Man stelle sich vor, eine Gesellschaft stünde am Frühstückstisch und verzehre ihre tägliche Portion Informationsmüsli, natürlich angereichert mit einer gehörigen Prise bestätigter Vorurteile und garniert mit dem knusprigen Crunch einer wohligen Gewissheit. In deutschen Landen, so scheint es, serviert uns das mediale Buffet zunehmend nur jene Häppchen, die unsere staatsbürgerliche Verdauung auf Zuckerwatte-Niveau einrasten lassen: süß, fluffig und völlig nährstoffbefreit. Willkommen in der großen, kuscheligen Haltungsblase, die wir so liebevoll „Vierte Gewalt“ nennen – oder, wie deren Eigenbeschreibung lautet: Qualitätsjournalismus. Weiterlesen

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