Wer hätte das gedacht?

Es gibt Momente im politischen Leben eines Landes, in denen eine Erkenntnis plötzlich mit der Wucht einer Offenbarung einschlägt. Ein Schleier zerreißt, eine Wahrheit tritt ans Licht, und die Republik reibt sich verwundert die Augen.

So geschehen dieser Tage, als eine Studie über islamistische Einstellungen unter jungen Muslimen veröffentlicht wurde. Sie förderte Ergebnisse zutage, die in Berlin eine Mischung aus Erschütterung, Besorgnis und der vorsichtigen Bildung von Arbeitsgruppen hervorriefen.

Ein Teil junger Muslime – man halte sich fest – äußert Sympathien für islamistische Positionen.

Wer hätte das gedacht?

Die Überraschung der professionell Überraschten

Die politische Klasse reagierte erwartungsgemäß überrascht. Manche äußerten sich sogar „alarmiert“. Das ist in der deutschen Politik die höchste Steigerungsform der Betroffenheit, knapp unter „Taskforce“.

Man sieht bestimmt bald politisches Personal in Talkshows, das mit jener ernsten Stirnfalte erklärten, man müsse diese Entwicklung „sehr ernst nehmen“. Dasselbe Personal hat allerdings über Jahre hinweg jede Diskussion über genau diese Entwicklung mit dem Hinweis beendet, sie sei „problematisierend“, „stigmatisierend“ oder schlicht „nicht hilfreich“.

So ist das eben mit Problemen:

Solange sie nur existieren, sind sie störend.

Erst wenn sie statistisch messbar werden, sind sie politisch interessant.

Die Kunst des Nicht-Sehens

Deutschland hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine bemerkenswerte Fähigkeit kultiviert: die Kunst des Nicht-Sehens.

Es gab Lehrer, die von religiösem Druck in Schulklassen berichteten.

Es gab Polizisten, die vor islamistischen Netzwerken warnten.

Es gab Sozialarbeiter, die erzählten, wie junge Männer sich zunehmend in religiös-identitäre Milieus zurückzogen.

Doch all das galt lange als Randphänomen – oder, noch eleganter formuliert: als „Narrativ“.

Ein Narrativ ist in der modernen Debattenkultur eine Tatsache, die politisch unerwünscht ist.

Integration als pädagogisches Projekt

Die deutsche Integrationspolitik beruhte lange auf einer optimistischen Annahme:

Menschen werden automatisch liberal, wenn man ihnen genügend Integrationskurse, Dialogveranstaltungen und interkulturelle Sommerfeste anbietet.

Der Gedanke, dass religiöse Ideologien sich möglicherweise nicht durch Moderationskarten und Gesprächskreise auflösen, galt als unnötig pessimistisch.

Man glaubte ernsthaft, Radikalismus sei im Grunde ein Kommunikationsproblem.

Hätte man nur lange genug miteinander geredet – vielleicht bei Pfefferminztee und Gebäck –, wäre der politische Islam vermutlich irgendwann freiwillig zum Grundgesetz übergetreten.

Die Zahlen, die keiner bestellen wollte

Nun liegen sie also da, die Zahlen. Nicht bestellt, nicht gewünscht, aber vorhanden.

Ein signifikanter Teil der Befragten hält religiöse Regeln für wichtiger als staatliche Gesetze oder kann sich eine religiöse Ordnung vorstellen, die mit liberaler Demokratie wenig zu tun hat.

Das ist natürlich unerquicklich. Denn Zahlen haben eine unangenehme Eigenschaft: Sie widersprechen manchmal politischen Erzählungen. Und politische Erzählungen sind das Fundament moderner Regierungskunst.

Der reflexhafte Diskurs

Kaum sind solche Studien veröffentlicht, beginnt in Deutschland ein ritualisierter Diskurs, der sich seit Jahren bewährt hat.

Zuerst folgt der Hinweis, man dürfe „nicht pauschalisieren“.

Dann kommt der Hinweis, dass auch Rechtsextremismus ein Problem sei.

Darauf folgt der Hinweis, dass soziale Benachteiligung eine Rolle spiele.

Und schließlich erklärt jemand, das eigentliche Problem sei die „Debattenkultur“.

Am Ende steht die beruhigende Erkenntnis: Das Problem ist kompliziert. Und komplizierte Probleme haben einen großen Vorteil: Sie lassen sich hervorragend vertagen.

Die späte Entdeckung der Realität

Das eigentlich Faszinierende an der aktuellen Debatte ist jedoch der Zeitpunkt. Denn die Diskussion über islamistische Parallelmilieus ist ungefähr so neu wie der Berliner Flughafen. Man hat nur lange so getan, als existiere sie nicht.

Über Jahre hinweg galt eine simple Regel:

Wer früh über das Problem sprach, war verdächtig.

Wer spät darüber sprach, war verantwortungsvoll.

Und wer sehr spät darüber spricht, wird Experte.

Politik als Überraschungstheater

Die deutsche Politik gleicht in solchen Momenten einem Theaterstück, dessen Handlung allen bekannt ist, nur die Schauspieler wirken jedes Mal aufs Neue verblüfft über den Fortgang der Geschichte. Man hat Migration organisiert, Integration verwaltet, religiöse Verbände hofiert und gesellschaftliche Konflikte rhetorisch entschärft.

Und nun stellt man fest, dass Ideologien tatsächlich existieren.

Es ist ungefähr so, als würde man nach zwanzig Jahren Autofahren plötzlich feststellen, dass Motoren Geräusche machen.

Die Zukunft der Problembewältigung

Natürlich wird nun gehandelt. Deutschland handelt immer – nur etwas später.

Es wird Programme geben.

Strategien.

Dialogplattformen.

Koordinierungsstellen.

Vielleicht sogar einen „Nationalen Aktionsplan gegen Radikalisierungsnarrative im Kontext pluraler Gesellschaften“. Das klingt nicht nur eindrucksvoll, sondern garantiert auch eine beeindruckende Zahl an Sitzungen. Ob sich dadurch etwas ändert, ist eine andere Frage.

Aber Sitzungen sind in Deutschland eine bewährte Methode, Realität zu bearbeiten, ohne sie direkt berühren zu müssen.

Ein kleiner Ausblick

Vielleicht ist die aktuelle Studie dennoch ein Fortschritt. Nicht, weil sie etwas Neues entdeckt hätte, sondern weil sie etwas Offensichtliches endlich messbar macht. Gesellschaftliche Probleme verschwinden nicht dadurch, dass man sie höflich ignoriert. Ideologien lösen sich nicht auf, weil man sie für missverständlich erklärt.

Und Integration ist keine pädagogische Übung, sondern eine kulturelle und politische Herausforderung.

All das hätte man natürlich auch früher wissen können. Aber Deutschland ist ein geduldiges Land. Es wartet gerne, bis die Realität höflich anklopft. Und wenn sie dann hereinkommt, blickt man erstaunt auf und sagt:

Wer hätte das gedacht?

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