Das Eigenheim als Gesinnungsprüfung

Deutschland auf dem Weg zur moralischen Bauabnahme

Es ist eine eigentümliche deutsche Fantasie, dass der Staat irgendwann nicht mehr nur unsere Häuser verwaltet, sondern gleich auch das Innenleben möbliert. Bislang genügte es, ein Dach über dem Kopf zu wollen, über ausreichend Kapital oder zumindest über ausreichend Illusionen in Form eines Kredits zu verfügen und sich in die Hände eines Notars zu begeben, der das Ganze mit jener feierlichen Trockenheit besiegelt, die man sonst nur von Beerdigungen kennt. Doch nun, so raunt es durch die empörungsbereiten Echokammern, steht der eigentliche Skandal bevor: Nicht mehr der Kontostand entscheidet über den Erwerb von Eigentum, sondern die moralische TÜV-Plakette der eigenen Gesinnung.

Man muss sich das plastisch vorstellen, um die ganze Schönheit dieser Vorstellung zu erfassen. Der Bürger, geschniegelt, geschniegelt vor allem innerlich, tritt vor eine Instanz, die weder Gesicht noch Namen hat, aber dafür über jene unbestimmte Autorität verfügt, die man sonst nur aus Albträumen kennt. „Wie stehen Sie zur Ordnung?“, könnte sie fragen, und schon beginnt das große Zittern. Nicht mehr die Frage, ob man sich die Immobilie leisten kann, sondern ob man sie verdient hat – im sittlichen Sinne. Das Eigenheim als Auszeichnung für korrekt justierte Weltanschauung. Der Gartenzaun als ideologischer Grenzverlauf.

Dass hinter all dem womöglich ein banaler, unerquicklich technischer Versuch steht, kommunale Einflussmöglichkeiten zu erweitern, Käuferstrukturen zu lenken oder schlicht zu verhindern, dass ganze Straßenzüge von den immer gleichen Akteuren aufgekauft werden, ist eine Zumutung, die sich für den dramatischen Effekt nicht eignet. Bürokratie ist unerquicklich, aber sie taugt nicht zur Apokalypse. Also wird sie kurzerhand veredelt: zur Gesinnungsprüfung, zur moralischen Durchleuchtung, zur ideologischen Hauptuntersuchung. Der deutsche Diskurs kennt in solchen Momenten nur zwei Aggregatzustände – belanglos oder totalitär – und da Belanglosigkeit keine Klicks erzeugt, entscheidet man sich mit bemerkenswerter Konsequenz für das andere Extrem.

Dabei verrät diese Vorstellung mehr über ihre Urheber als über ihren Gegenstand. Sie speist sich aus einem tief sitzenden Verdacht, dass der Staat im Grunde nichts lieber täte, als endlich offen zu zeigen, was er angeblich längst ist: ein großer pädagogischer Apparat, der seine Bürger nicht verwaltet, sondern erzieht, nicht schützt, sondern formt. Der „Gesinnungs-TÜV“ ist in dieser Logik keine absurde Übertreibung, sondern die konsequente Entlarvung eines Systems, das nur noch auf den richtigen Vorwand wartet, um die letzte Bastion der Freiheit – das private Eigentum – in eine moralische Bewährungsprobe zu verwandeln.

Und doch haftet dieser Erzählung etwas Tröstliches an. Denn sie verleiht dem eigenen Unbehagen eine heroische Dimension. Wer sich gegen eine Bauvorschrift auflehnt, ist nur ein Querulant; wer sich gegen einen vermeintlichen Gesinnungsstaat stellt, hingegen ein Dissident im Wartestand. Aus dem Ärger über Regulierung wird der Stolz auf Widerstand. Man ist nicht länger bloß genervt, sondern bereits halb verfolgt – und das ganz ohne reale Repression, was die Sache ungemein komfortabel macht.

Vielleicht liegt hierin der eigentliche Reiz: Die Wirklichkeit ist unerquicklich kompliziert, voller Paragrafen, Abwägungen und Zuständigkeiten, die sich niemand freiwillig merkt. Die Fiktion hingegen ist klar und von bestechender Einfachheit: Hier der Bürger, dort der Staat, dazwischen ein Prüfgerät für die Seele. Ein sauberer Konflikt, ordentlich zugespitzt, frei von den Zumutungen der Differenzierung. Dass man sich dabei selbst in eine Welt hineinsteigert, in der der nächste Schritt tatsächlich die ideologische Vermessung beim Immobilienkauf wäre, nimmt man gern in Kauf – es ist schließlich eine Welt, in der man automatisch auf der richtigen Seite steht.

Am Ende bleibt ein Bild, das zugleich grotesk und aufschlussreich ist: der Mensch als Bauantrag seiner selbst. Nicht mehr die Immobilie wird geprüft, sondern ihr Besitzer, nicht mehr das Fundament, sondern die Haltung. Und irgendwo, tief im deutschen Unterbewusstsein, klingt das gar nicht einmal völlig absurd, sondern beinahe folgerichtig. Denn wenn schon alles geregelt ist, warum nicht auch das Denken? Es wäre, so betrachtet, nur der nächste logische Schritt in einem Land, das selbst den Zufall am liebsten mit einer Verordnung versieht – und das Entsetzen darüber gleich mitliefert.

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