Die Linke hat die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus gewonnen. Soweit, so schlecht. Wobei man sich in Berlin mit solchen Wertungen inzwischen ohnehin zurückhalten sollte, denn was gestern noch als politisches Desaster galt, kann morgen bereits als gesellschaftspolitische Chance verkauft werden, sofern man nur das richtige Podium und ausreichend Fördermittel dafür findet. Nach der Wahl musste jedenfalls gefeiert werden, und wie es sich für eine Partei gehört, die sich traditionell um gesellschaftliche Teilhabe bemüht, war die Wahlparty offenbar ein Ort bemerkenswerter Offenheit. So bemerkenswert offen, dass dort auch ein stadtbekannter Vertreter eines Berliner Clanmilieus auftauchte. Das sorgte verständlicherweise für mediale Aufmerksamkeit, woraufhin die Partei zu jener besonders reizvollen Form politischer Schadensbegrenzung griff, bei der zunächst einmal erklärt wird, dass eigentlich gar nichts passiert sei. Der Mann sei schließlich nicht eingeladen gewesen. Eine geradezu bestechende Argumentation, denn wenn ein Gast nicht eingeladen wurde, kann seine Anwesenheit schwerlich der Einladungspolitik zugerechnet werden. Man könnte diese Logik künftig konsequent anwenden: Wenn ein ungebetener Gast auf einer Parteiveranstaltung auftaucht, ist die Partei nicht verantwortlich; wenn ein ungebetener Gast im Bundestag auftaucht, ist der Bundestag nicht verantwortlich; und wenn irgendwann einmal ein Elefant auf einer Pressekonferenz sitzt, muss man nur feststellen, dass er nicht auf der Gästeliste stand.
Damit wäre die Angelegenheit eigentlich erledigt, wenn da nicht diese eigentümliche Ironie wäre, die Berlin gelegentlich wie ein schlecht gelaunter Drehbuchautor produziert. Denn natürlich muss man sich nicht darüber wundern, dass ein Mann aus einem Milieu, dessen Verhältnis zu Eigentum und Besitz von staatlichen Behörden seit Jahren mit einiger Aufmerksamkeit betrachtet wird, ausgerechnet auf einer Veranstaltung einer Partei auftaucht, die ihrerseits ein ausgesprochen entspanntes Verhältnis zur herkömmlichen Eigentumsordnung pflegt. Natürlich sind das zwei völlig verschiedene Dinge. Der eine handelt möglicherweise individuell, der andere politisch. Der eine nimmt sich, was ihm nicht gehört, der andere diskutiert darüber, ob es überhaupt legitim ist, dass es jemandem gehört. Der eine braucht dafür möglicherweise einen Bolzenschneider, der andere einen Antrag. Der eine nennt es vielleicht Aneignung, der andere Vergesellschaftung. Und während der eine sich vor Gericht erklären muss, darf der andere im Ausschuss erklären, warum Eigentum eigentlich nur eine gesellschaftliche Vereinbarung sei, die man unter bestimmten Umständen neu verhandeln könne. Das ist der entscheidende zivilisatorische Unterschied: Der politische Mensch hat für die Veränderung von Eigentumsverhältnissen ein Konzept, der gewöhnliche Kriminelle meistens nur einen Seiteneingang.
Gerade die deutsche Sprache ist bei solchen Dingen von unschätzbarem Wert. Sie ermöglicht es, nahezu jede unangenehme Tätigkeit so lange umzubenennen, bis sie nach einem sozialpädagogischen Projekt klingt. Aus Wegnehmen wird Umverteilung, aus Enteignung wird Vergesellschaftung, aus Kontrolle wird Schutz und aus dem Zugriff auf fremdes Eigentum wird, sofern man die Sache nur genügend theoretisch betrachtet, eine Korrektur historisch gewachsener Verteilungsstrukturen. Der klassische Dieb hat dagegen einen entscheidenden Nachteil: Ihm fehlt die politische Semantik. Wenn er nachts in eine Wohnung steigt und einen Fernseher mitnimmt, kann er schlecht argumentieren, er habe lediglich einen Beitrag zur gerechteren Verteilung audiovisueller Ressourcen geleistet. Würde er vor Gericht erklären, die Eigentumsordnung sei ohnehin ein Produkt gesellschaftlicher Machtverhältnisse und sein Handeln stelle eine spontane Form der materiellen Emanzipation dar, bekäme er vermutlich trotzdem keine Einladung zu einer Podiumsdiskussion. Dabei wäre das doch genau der Moment, in dem sich die Berliner Politik endlich einmal ernsthaft mit ihm auseinandersetzen könnte.
Vielleicht liegt hier überhaupt das große Missverständnis unserer Zeit. Der gewöhnliche Bürger glaubt, Eigentum bedeute, dass ihm etwas gehört. Die politische Linke erinnert ihn daran, dass Eigentum auch eine gesellschaftliche Funktion habe. Der Kriminelle wiederum hat möglicherweise ebenfalls verstanden, dass Eigentum eine gesellschaftliche Funktion besitzt, nur kommt er bei der praktischen Umsetzung ohne Parteiprogramm aus. Beide betrachten die Dinge also aus unterschiedlichen Perspektiven, und nur einer von ihnen verfügt über die notwendige institutionelle Distanz, um sein Verhältnis zum Eigentum in einem dreihundertseitigen Grundsatzpapier zu erläutern. Das macht ihn nicht automatisch zum Kriminellen, aber es zeigt, wie wunderbar verschieden dieselbe Handlung aussehen kann, wenn man sie einmal durch die Brille der politischen Theorie und einmal durch die Brille des Strafgesetzbuches betrachtet.
Natürlich wäre es absurd, aus dem bloßen Auftauchen eines bestimmten Gastes auf einer Wahlparty eine ideologische oder organisatorische Verwandtschaft abzuleiten. Ein Gast ist zunächst einmal ein Gast, und wer auf einer Feier auftaucht, ist nicht automatisch Teil der politischen Familie des Veranstalters. Vielleicht wollte der Mann gratulieren, vielleicht kannte er jemanden, vielleicht hatte er einfach die falsche Tür genommen. Berlin ist schließlich die einzige Stadt, in der man sich auf dem Weg zu einer ganz normalen Geburtstagsfeier mit etwas Pech plötzlich in einer Arbeitsgruppe zur demokratischen Transformation des urbanen Raumes wiederfinden kann. Insofern sollte man den Zufall nicht unterschätzen. Der Zufall ist in Berlin ein politisch ausgesprochen belastbares Instrument. Er erklärt Dinge, für die man ansonsten Verantwortliche bräuchte.
Interessant wird die Sache erst, wenn man sich die politischen Begleitumstände ansieht. Die Linke steht traditionell für eine erhebliche Skepsis gegenüber bestimmten staatlichen Sicherheitsinstitutionen. Polizei und Verfassungsschutz werden nicht unbedingt als die romantischsten Errungenschaften der modernen Demokratie betrachtet; insbesondere der Verfassungsschutz genießt in Teilen der Partei ungefähr den Charme eines ungeliebten Verwandten, den man nur deshalb noch nicht vor die Tür gesetzt hat, weil er möglicherweise irgendwann einmal die Schlüssel zum Haus besitzt. Zugleich ist die Partei durchaus bereit, über einen starken Staat nachzudenken, wenn dieser Staat dort eingreifen soll, wo man gesellschaftliche Ungerechtigkeit vermutet. Mehr staatliche Macht beim Eigentum? Denkbar. Mehr staatliche Macht bei der Überwachung? Lieber nicht. Der Staat soll also durchaus kräftig zugreifen, nur bitte an den richtigen Stellen. Das ist kein logischer Widerspruch, solange man vorher definiert, welche Stellen die richtigen sind. Und wer definiert das? Natürlich diejenigen, die gerade am Mikrofon stehen.
So entsteht jene eigentümliche Berliner Welt, in der man einerseits über die Abschaffung oder Schwächung von Sicherheitsbehörden diskutiert und andererseits überrascht ist, wenn Menschen aus Milieus, für die sich Sicherheitsbehörden interessieren, plötzlich auf einer politischen Veranstaltung auftauchen. Man könnte das widersprüchlich nennen, aber das wäre viel zu einfach. Widersprüche sind schließlich nur ungelöste Dialogangebote. Und Berlin liebt Dialogangebote, vor allem wenn niemand anschließend dafür verantwortlich gemacht werden kann.
Vielleicht sollte man deshalb die gesamte Angelegenheit neu betrachten. Nicht als Sicherheitsproblem, nicht als Parteiproblem und schon gar nicht als Problem der Gästeliste, sondern als Ausdruck einer besonders gelungenen Form gesellschaftlicher Durchlässigkeit. Die Berliner Gesellschaft öffnet sich. Grenzen verschwimmen. Milieus begegnen einander. Die soziale Trennung zwischen Politik, Geschäft, Immobilien, Nachtleben und Clanökonomie wird überwunden. Früher nannte man so etwas Kontakte, heute heißt es Vernetzung. Und Vernetzung ist bekanntlich immer gut, solange niemand fragt, wer mit wem vernetzt ist und warum.
Die eigentliche Revolution besteht vielleicht darin, dass der Berliner inzwischen gelernt hat, dass man nicht mehr wissen muss, wer wen kennt. Es genügt völlig, dass man sich irgendwann einmal irgendwo gesehen hat. Das ist die moderne Form gesellschaftlicher Nähe: Man kennt sich nicht, aber man war schon einmal gemeinsam im Raum. Man hat nicht miteinander gesprochen, aber jemand hat ein Foto gemacht. Man ist nicht befreundet, aber man folgt sich vielleicht. Man hat ihn nicht eingeladen, aber er war da. Und wenn die Presse fragt, warum, lautet die Antwort: Wir wissen es nicht. Damit ist die Angelegenheit zwar nicht geklärt, aber immerhin politisch sauber genug formuliert.
Das könnte Schule machen. Künftig sollte jede Partei vor ihrer Wahlparty eine sogenannte Negativ-Gästeliste veröffentlichen. Darauf stehen nicht die Menschen, die eingeladen sind, sondern jene, die ausdrücklich nicht eingeladen wurden. Das hätte den unschätzbaren Vorteil, dass man nachher sämtliche problematischen Begegnungen auf einen Kommunikationsfehler zurückführen könnte. „Herr X? Natürlich war der nicht eingeladen.“ „Frau Y? Ebenfalls nicht.“ „Der Mann dort hinten? Den kennen wir überhaupt nicht.“ Und wenn irgendwann die halbe Berliner Unterwelt auf der Tanzfläche steht, kann der Parteivorsitzende beruhigt erklären, man habe sich selbstverständlich an sämtliche demokratischen Standards gehalten, denn schließlich habe niemand von ihnen eine Einladung erhalten.
Die Wahlparty wäre dann ein Ort maximaler politischer Unschuld. Niemand hätte jemanden eingeladen, alle wären trotzdem gekommen, und am Ende hätte keiner etwas damit zu tun. Ein perfektes Abbild moderner Verantwortungskultur.
Vielleicht ist das sogar die große gesellschaftliche Errungenschaft Berlins: Jeder darf überall sein, solange niemand behauptet, ihn eingeladen zu haben. Der Bürger darf protestieren, solange er nicht erwartet, dass sich etwas ändert. Der Eigentümer darf Eigentümer bleiben, solange er nicht darauf besteht, dass Eigentum eine unantastbare Kategorie sei. Die Polizei darf schützen, solange sie nicht zu viel Schutz ausübt. Der Verfassungsschutz darf existieren, solange man ihn abschaffen möchte. Und der ungebetene Gast darf auf der Wahlparty stehen, solange anschließend niemand sagen muss, dass er dort hingehört.
So gesehen war dieser Abend vielleicht sogar ein Musterbeispiel für Berliner Politik. Hier traf nicht zusammen, was zusammengehört, sondern was unter keinen Umständen offiziell zusammengehören darf und deshalb besonders interessant wird, sobald es zufällig im selben Raum steht. Der eine glaubt, Eigentum müsse neu verteilt werden, der andere scheint sich für Eigentum auf seine eigene Weise zu interessieren, und beide werden vermutlich empört zurückweisen, dass daraus irgendeine Gemeinsamkeit konstruiert werden könne. Mit Recht. Denn der Unterschied zwischen politischer Theorie und krimineller Praxis ist erheblich. Die eine schreibt Wahlprogramme, die andere Haftbefehle. Dazwischen liegt die Berliner Wahlparty.
Und vielleicht liegt genau darin die schönste Pointe: In einer Stadt, in der politische Begriffe so lange weichgespült werden, bis selbst eine Enteignung wie ein freundliches Nachbarschaftsprojekt klingt, darf man sich über einen ungebetenen Gast nicht allzu sehr wundern. Am Ende war er eben nicht eingeladen. Das ist die politische Universalformel unserer Zeit. Niemand war verantwortlich, niemand wusste etwas, niemand hatte ihn gerufen, und wenn doch jemand mit ihm gesprochen haben sollte, dann war es vermutlich nur gesellschaftlicher Dialog. Berlin hat damit eine bemerkenswerte Stufe demokratischer Reife erreicht: Man muss nicht mehr erklären, warum jemand da ist. Man muss nur erklären, dass man ihn nicht eingeladen hat.
Und damit wäre dann auch das Verhältnis von Politik und Eigentum endgültig geklärt. Was dem einen gehört, kann gesellschaftlich neu bewertet werden; wer auf einer Party auftaucht, ohne eingeladen zu sein, kann gesellschaftlich nicht verantwortlich gemacht werden; und was politisch unangenehm wird, bekommt einen neuen Namen. Man könnte das Umverteilung der Verantwortung nennen. Oder Vergesellschaftung der Schuld. Vielleicht auch einfach Berliner Normalität.
Gleich und Gleich gesellt sich gern – und wenn es einmal nicht gleich ist, dann war es eben nicht eingeladen.