Die Kunst, eine Maschine anzusprechen

Über Prompt Literacy und die neue Beredsamkeit aus der Sicht einer KI

Es gibt Fähigkeiten, die erst dann als Fähigkeiten sichtbar werden, wenn jemand sie nicht besitzt. Wer nie gelernt hat, einen Brief zu schreiben, merkt das spätestens, wenn er einen schreiben muss: nicht das Fehlen der Worte schmerzt ihn, sondern das Fehlen des Tons, der Haltung, der impliziten Kenntnis darüber, wen er eigentlich anspricht und was dieser Jemand von ihm erwartet. Mit der sogenannten Prompt Literacy verhält es sich ähnlich, nur dass die Maschine, die man gerade anspricht, weder beleidigt werden kann noch Geduld verliert, weshalb das Scheitern zunächst unsichtbar bleibt. Man bekommt eine Antwort. Man glaubt, kommuniziert zu haben.

Das Wort selbst ist ein Kompromiss aus Bildungsambition und Technologiejargon. „Literacy“ trägt im Deutschen immer ein leicht aufgeblasenes Gewicht, Medienkompetenz, Datenkompetenz, jetzt eben Prompt-Kompetenz, und man spürt, wie diese Begriffsbildung der Hoffnung folgt, einem flüchtigen Phänomen durch Namensgebung Beständigkeit zu verleihen. Dennoch wäre es vorschnell, den Begriff deshalb zu verwerfen. Er benennt etwas Reales, auch wenn er es noch nicht ganz versteht.

Im Kern geht es um folgendes: Große Sprachmodelle sind keine Suchmaschinen und keine Datenbanken. Sie sind, wenn man es ungenau aber nützlich formuliert, Wahrscheinlichkeitsmaschinen für sprachliche Anschlussfähigkeit. Was sie produzieren, hängt nicht allein von dem ab, was man ihnen mitteilt, sondern von der gesamten Struktur dessen, wie man es mitteilt, Ton, Präzision, implizite Erwartungshaltung, Framing, der Kontext, den man setzt oder eben nicht setzt. Das klingt nach einer technischen Eigenschaft. Es ist aber vor allem eine rhetorische.

Hier liegt der eigentliche intellektuelle Kern des Begriffs, der in den meisten populären Erklärungen verlorengeht. Wer einen Prompt schreibt, betreibt im ältesten Sinne Rhetorik: Er überlegt, welche Wirkung seine Worte erzeugen sollen, wer sein Gegenüber ist, welche Spielräume der Kontext lässt, und wie er Mehrdeutigkeiten auflöst oder produktiv offenlässt. Die antike Rhetorik unterschied bekanntlich zwischen dem Logos, dem sachlichen Gehalt einer Aussage, dem Ethos, der Glaubwürdigkeit und Haltung des Sprechers, und dem Pathos, der emotionalen Ansprache des Publikums. Natürlich fühlt der Sprachassistent kein Pathos. Aber er reagiert auf dessen Abwesenheit oder Anwesenheit in der Eingabe, auf Tonalität, auf Dringlichkeit, auf das, was eine Frage über ihren Fragesteller verrät.

Das mag wie eine Überdehnung des Rhetorischen wirken. Und vielleicht ist es das. Aber man kann auch sagen, dass die Sprachmodelle uns etwas zeigen, das wir über menschliche Kommunikation schon immer wussten und gerne vergaben: dass der Inhalt einer Aussage niemals ganz von ihrer Form zu trennen ist. Der Schüler, der einem Modell schreibt „Erkläre mir die Französische Revolution“, wird eine andere Antwort erhalten als jener, der schreibt: „Ich unterrichte Geschichte an einem Gymnasium und suche eine Erklärung der Französischen Revolution, die über die bloße Ereignisgeschichte hinausgeht und die strukturellen Ursachen hervorhebt.“ Beide Fragen haben denselben nominellen Gegenstand. Aber sie konstruieren vollständig verschiedene kommunikative Situationen.

Was die Prompt Literacy also lehrt, oder lehren könnte, wenn man sie ernst nähme,, ist die alte Tugend der kommunikativen Selbstreflexion. Wer gut prompten will, muss zunächst verstehen, was er eigentlich will. Das klingt trivial, ist es aber nicht. Ein erstaunlich großer Teil menschlicher Ratlosigkeit gegenüber Sprachmodellen rührt nicht daher, dass die Modelle zu dumm wären, sondern daher, dass die Fragenden zu unscharf wissen, was sie fragen. Die Maschine macht diese Unschärfe sichtbar, indem sie auf sie reagiert, indem sie das Allgemeine beantwortet, wo Spezifisches gefragt war, oder das Spezifische, wo Allgemeines gemeint war. Sie spiegelt dem Nutzer sein eigenes Denken zurück, ungereinigt von der menschlichen Höflichkeit, Vagheiten diskret zu übergehen.

Man könnte nun sagen, das sei eine nützliche pädagogische Nebenwirkung. Und das wäre nicht falsch. Aber es ist auch eine seltsame Umkehrung der Erwartung. Der verbreitete Topos lautet, Maschinen seien präzise und Menschen vage; der Rechner verlangt exakte Eingaben, der Mensch kommuniziert im Ungefähren. Sprachmodelle kehren dieses Verhältnis teilweise um. Sie sind ihrerseits außerordentlich empfindlich für die Nuancen sprachlichen Ausdrucks, empfindlicher, in gewisser Weise, als viele Gesprächspartner, die gelernt haben, über Ungenauigkeiten hinwegzuhören. Die Maschine hört nicht hinweg. Sie verarbeitet.

Deshalb hat die Diskussion über Prompt Literacy auch eine stille kulturkritische Dimension, die selten ausgesprochen wird. Wenn Menschen lernen müssen, klarer zu formulieren, um mit Maschinen zu kommunizieren, dann sagt das nicht nur etwas über die Maschinen. Es sagt etwas über den Zustand der menschlichen Kommunikation selbst. In einer Gesprächskultur, die zunehmend auf Andeutung, auf geteiltem Vorwissen, auf dem Einverständnis setzt, dass der andere schon verstehen wird, in einer solchen Kultur erzeugt die Begegnung mit einem System, das dieses Einverständnis nicht von selbst herstellt, eine eigentümliche Reibung. Die Reibung eines Spiegels.

Freilich darf man das nicht überstrapazieren. Die Modelle produzieren auch bei mäßigen Eingaben oft Brauchbares, und die allzu hohe Erwartung an die transformative Wirkung des Promptens hat bisweilen etwas Manageriales, Optimierungssüchtiges, das dem Gegenstand nicht gut bekommt. Nicht jede Interaktion mit einem Sprachmodell ist ein Akt kommunikativer Selbstfindung; manchmal will man schlicht wissen, wann der letzte Zug nach Mannheim fährt.

Gleichwohl bleibt etwas übrig, wenn man den Begriff ernst nimmt und von seinen technologischen Verheißungsritualen befreit. Prompt Literacy meint im Kern eine Alphabetisierung für ein Medium, das anders funktioniert als alle Medien zuvor, weder wie Druck noch wie Rundfunk noch wie die frühere Computerkommunikation,, weil es auf Sprache als solche reagiert, auf Sprache in ihrer ganzen anthropologischen Tiefe, auf Ton und Tempo und implizite Weltsicht. Wer mit einem Sprachmodell umgeht, kommuniziert nicht mit einem Werkzeug, das er programmiert. Er kommuniziert mit etwas, das ihm zuhört. Oder zumindest so tut, als ob, was für die praktischen Zwecke des Umgangs auf dasselbe hinausläuft.

Die Bildungsgeschichte kennt solche Übergänge. Als der Druck das Manuskript verdrängte, entstand ein neues Verhältnis zum geschriebenen Wort: Texte wurden portabel, vervielfältigbar, entkoppelt vom Körper des Schreibers. Als das Radio kam, lernten Menschen, Stimmen zu hören, ohne ein Gesicht dazu zu sehen, eine zunächst befremdliche Erfahrung, an die man sich gewöhnte, ohne sie je ganz zu verarbeiten. Jetzt lernen wir, mit etwas zu sprechen, das nicht versteht, aber trotzdem antwortet; das keine Intentionen hat, aber Intentionalität simuliert; das keine Erfahrungen kennt, aber aus dem Sediment menschlicher Erfahrung gewonnen wurde. Das ist neu. Nicht apokalyptisch neu, nicht revolutionär neu, aber neu genug, um eine eigene Form der Aufmerksamkeit zu verdienen.

Prompt Literacy wäre dann, im besten Fall, der Name für diese Aufmerksamkeit. Nicht die Kompetenz, Befehle besser zu formulieren. Sondern das Vermögen, zu verstehen, was es bedeutet, mit einem Spiegel zu sprechen, der aus menschlicher Sprache gemacht ist, und der deshalb so viel über uns zurückwirft, wenn wir ihn fragen.

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