Das Licht, das bleibt, während alles dunkler wird
Die Geschichte wiederholt sich nicht? Der aufmerksame Beobachter des politischen Zeitgeists hat da seine Zweifel:
Es gibt einen Moment in Gibbons Decline and Fall, den man erst beim zweiten Lesen wirklich versteht. Nicht die großen Schlachten, nicht den Verrat der Generäle, nicht einmal den langsamen Zerfall der Institutionen, sondern eine fast beiläufige Beobachtung: dass die Römer des fünften Jahrhunderts die Aquädukte noch benutzten, ohne zu wissen, wie man sie repariert. Das Wasser floss noch. Die Kenntnisse, es fließen zu lassen, waren verschwunden.
Ich denke in letzter Zeit häufig an diese Stelle. Nicht weil ich ein Verfallspessimist wäre, diese Rolle ist ohnehin schon überbesetzt, und die Apokalyptiker langweilen mich mit ihrer kaum verhohlenen Begeisterung für das Ende, sondern weil mir scheint, dass wir uns in einem Moment befinden, der jener römischen Lage strukturell ähnelt. Die Infrastruktur läuft noch. Das Bewusstsein, warum sie laufen sollte und wie sie läuft, verdünnt sich zusehends.
Man könnte einwenden, das sei eine Projektion. Jede Generation glaubt, in der Endzeit zu leben; der Untergang ist das älteste eschatologische Haushaltsgerät der Menschheit, immer griffbereit, nie ganz benötigt. Stimmt. Und dennoch: Es gibt Verfallsformen, die sich erst im Rückblick als solche erweisen, und es gibt Verfallsformen, die man in Echtzeit beobachten kann, wenn man den Blick nicht abwendet. Das gegenwärtige Jahrzehnt bietet von beidem reichlich.
Nehmen wir die Sprache, weil sie das Empfindlichste ist, was eine Zivilisation besitzt. Nicht im sentimentalen Sinne, kein Klagelied über anglisierte Jugendliche oder den Tod des Genitivs, sondern im präzisen: Sprache ist das Medium, in dem eine Gesellschaft über sich nachdenken kann. Wenn sie verroht, vergröbert, sich auf Signalwörter reduziert, die Zustimmung oder Ablehnung auslösen sollen, ohne einen Gedanken zu transportieren, dann schrumpft auch der denkbare Raum des Politischen.
Was man im Deutschen Bundestag, im britischen Unterhaus, im amerikanischen Kongress gegenwärtig erlebt, ist kein bloßes Niveau-Problem. Es ist ein strukturelles: Sprache wird nicht mehr eingesetzt, um Argumente zu entwickeln, sondern um Zugehörigkeiten zu signalisieren. Der Satz muss nicht wahr sein, er muss viral sein. Er muss nicht überzeugen, er muss triggern. Das ist eine Funktionsverschiebung, die man nicht überbewerten sollte, Demagogie ist so alt wie die Demokratie, aber auch nicht unterbewerten darf, weil heute die Verstärker so gigantisch geworden sind, dass lokale Dummheit globale Reichweite erlangt.
Ich habe letztens ein Interview mit einem ranghohen europäischen Diplomaten gelesen, das mich beschäftigt hat. Nicht wegen seiner Aussagen, sondern wegen einer Metabeobachtung: Er sprach fast ausschließlich in Frames. Keine Satzstruktur, die nicht bereits ein gewünschtes Ergebnis eingebaut hatte. Kein Eingeständnis von Komplexität. Ich dachte: Das ist ein kluger Mann, der das Denken verlernt hat, weil er zu lange nur noch kommuniziert hat. Oder abgerichtet wurde, es nicht zu zeigen. Schwer zu sagen, was schlimmer wäre.
Der Historiker Peter Heather hat darauf hingewiesen, und das ist wichtiger, als es klingt, dass Reiche nicht an einem Fehler scheitern, sondern an der Unfähigkeit, auf multiple gleichzeitige Krisen zu reagieren. Die weströmische Verwaltung war, als die Völkerwanderung einsetzte, bereits durch Finanzprobleme, militärische Überdehnung und innenpolitische Instabilität geschwächt. Keines dieser Probleme hätte allein gereicht. Die Gleichzeitigkeit war das Verhängnis.
Das klingt vertraut. Der Klimawandel, die demographische Umstrukturierung westlicher Gesellschaften, die Erosion supranationaler Institutionen, die Rückkehr des Nationalismus als emotionale Kompensation für Komplexität, die digitale Desintegration des gemeinsamen Realitätsbegriffs, das sind keine konsekutiven Krisen, die man nacheinander abarbeiten könnte. Sie überlagern sich. Und die politischen Systeme, die damit umgehen sollen, sind Systeme, die für ruhigere Zeiten gebaut wurden, mit Entscheidungszyklen von vier bis fünf Jahren, während die Probleme in Dekaden denken.
Wobei man hier vorsichtig sein muss. Die Neigung, alles als gleichzeitig und unlösbar zu rahmen, ist selbst ein Symptom. Wer die Komplexität ausstellt, hat manchmal das Interesse daran, dass nichts entschieden wird. Paralyse durch Analyse ist keine neutrale intellektuelle Haltung; sie bevorzugt den Status quo und damit die, die vom Status quo profitieren. Das sollte man im Kopf behalten.
Was mich mehr beschäftigt als die Krisen selbst, ist die seltsame ästhetische Gleichgültigkeit, mit der wir ihnen begegnen. Die Römer des späten Imperiums bauten noch prächtige Basiliken. Die Spanier des siebzehnten Jahrhunderts, als ihr Reich bereits zerfiel, produzierten Velázquez und Calderón. Verfall und Blüte schließen sich nicht aus; das ist eine der irritierendsten historischen Lektionen. Aber was man bei jenen Spätkulturen beobachten kann, ist eine Erschöpfung des Imaginativen, eine Tendenz zur Zitierung statt zur Erfindung, zur Form ohne Inhalt, zur Geste ohne Substanz.
Ich will nicht behaupten, das sei heute so. Das wäre zu einfach und wahrscheinlich falsch. Aber irgendetwas stimmt nicht, wenn die kulturell tonangebenden Institutionen zunehmend mit Vergangenheitsversicherung beschäftigt sind, mit Remakes, Prequels, Sequels, Reboots, Revivals, während das Neue, wenn es erscheint, oft nicht als Verheißung wahrgenommen wird, sondern als Bedrohung. Die Künstliche Intelligenz etwa, die ich täglich benutze und über die ich ambivalent nachdenke, wird selten als Erweiterung des menschlichen Schöpfungsvermögens diskutiert und öfter als dessen Ablösung gefürchtet. Vielleicht zu Recht. Aber die Angst vor dem Neuen ist auch ein zivilisatorisches Alterssignal.
Gibbon selbst glaubte nicht wirklich an den Verfall als unausweichliches Schicksal. Er war Aufklärer genug, um zu wissen, dass Geschichte kein Organismus ist, der altert und stirbt. Was er beschrieb, war ein Komplex aus Entscheidungen, Zufällen und strukturellen Bedingungen, die zusammen etwas erzeugten, das im Rückblick wie Notwendigkeit aussah, es aber nicht war.
Das ist vielleicht der einzige Trost, den die Geschichte anbietet: dass der Schein der Notwendigkeit trügt. Dass Zivilisationen nicht sterben wie Organismen, sondern sich transformieren, manchmal auf Weisen, die den Zeitgenossen wie Untergang erscheinen und der Nachwelt wie Übergang. Das Weströmische Reich endete 476 in einem Akt, der den Beteiligten kaum aufgefallen sein dürfte. Der letzte Kaiser Romulus Augustulus wurde abgesetzt und, man höre und staune, in einer Villa am Golf von Neapel in Rente geschickt. Kein Drama. Kein Bewusstsein der historischen Stunde. Das Leben ging weiter, in einer anderen Sprache, unter anderen Namen.
Ich finde das merkwürdig beruhigend und merkwürdig erschreckend zugleich. Beruhigend, weil es den Untergang seiner Theatralik beraubt. Erschreckend, weil es bedeutet: Wir würden es möglicherweise nicht bemerken.