Der Staat entdeckt den Greis als Waffensystem
Es gibt politische Forderungen, die klingen zunächst wie ein Versehen. Ein Zahlendreher vielleicht, ein redaktioneller Schluckauf, ein Moment unglücklicher geistiger Unterversorgung.
Reservistendienst bis 70.
Man liest das, blinzelt kurz, und erwartet instinktiv eine Korrekturmeldung. Stattdessen folgt die Begründung: Die Menschen seien heute länger fit. Ein Satz, der in seiner Sanftheit so etwas wie Gewalt enthält.
An alle 75-jährigen!
Wir gelten ab sofort nicht mehr als Zielgruppe, sondern als ungenutztes Inventar.
Es ist die große Wiederentdeckung des alten Mannes, nicht als Mensch, sondern als Restposten. Jahrzehntelang hat man uns erzählt, wir sollten Platz machen, wir seien Ballast, demografische Last, wandelnde Rentenlücke. Und nun, plötzlich, sollen wir wieder etwas darstellen: eine militärische Option.
Das ist keine Kehrtwende. Das ist Kreislaufwirtschaft.
Man hat ein Nachwuchsproblem. Junge Menschen sind offenbar schwerer zu begeistern für die Aussicht, im Ernstfall zu sterben. Wer hätte das gedacht. Also greift man tiefer ins Regal, dorthin, wo die Dinge stehen, die man eigentlich längst aussortiert hatte, aber nie weggeworfen hat, aus einer Mischung aus Sentimentalität und stiller Hoffnung, sie könnten doch noch einmal nützlich werden.
Und siehe da: Wir sind es.
„Erfahrung“, sagt man jetzt.
Ein wunderbares Wort. Es bedeutet in diesem Zusammenhang: zu alt, um wegzulaufen, und zu müde, um noch grundsätzliche Fragen zu stellen.
Ich stelle mir die Musterung vor. Ein Raum voller Männer, die ihre Krankheiten alphabetisch sortieren können. Knie, Rücken, Herz, ein Ensemble der Verschleißerscheinungen. Der Arzt blickt auf die Akte, nickt und sagt: „Eingeschränkt tauglich.“
Eingeschränkt, das neue Prädikat der Einsatzfähigkeit.
Die Bundeswehr wächst, hört man. Allerdings nicht nach vorne, sondern nach hinten. Sie expandiert in die Vergangenheit, wie ein Imperium, das seine eigene Geschichte kolonisiert.
Wir werden eingekleidet. Tarnanzüge über brüchigen Knochen, Stiefel an Füßen, die längst den Frieden bevorzugen. Man wird uns ausrüsten mit Geräten, die wir nicht verstehen, und Erwartungen, die wir längst überwunden glaubten.
Der Drill wird angepasst.
Nicht mehr „Schneller!“, sondern „Vorsichtig!“.
Nicht mehr „Hinlegen!“, sondern „Langsam absenken!“.
Der Feind, so stelle ich mir vor, wird uns sehen und kurz innehalten. Nicht aus Furcht, aus Verwirrung. Vielleicht auch aus einem Anflug von Respekt vor dieser eigentümlichen Konsequenz: ein Land, das seine Zukunft so wenig überzeugen kann, dass es beginnt, seine Vergangenheit zu bewaffnen.
Wir werden marschieren.
Langsam, knirschend, mit dem würdevollen Geräusch von Gelenken, die ihre besten Zeiten nicht nur hinter sich haben, sondern aktiv vermissen.
Und irgendwo wird ein Funktionär erklären, dies sei Ausdruck gesellschaftlicher Resilienz.
In Wahrheit ist es etwas anderes: die stille Kapitulation einer Gegenwart, die ihre eigenen Versprechen nicht mehr glaubt und deshalb auf jene zurückgreift, die zu alt sind, um sich noch Illusionen zu leisten.
Wir werden erscheinen, selbstverständlich.
Mit Hörgerät, Lesebrille und einem Rest an Ironie, der sich bislang jeder staatlichen Erfassung entzogen hat.
Nicht, weil wir noch gebraucht werden.
Sondern weil wir sehen wollen, wie ein Land sich selbst erklärt, dass das alles vollkommen vernünftig sei.