Die Bildungskatastrophe, seit Jahren deutlich wahrnehmbar bei deren Opfern im politischen Personal und den Herolden in den Wahrheitsmedien, also denen, die dafür sorgen, daß das gemeine Volk bei der von den Herrschenden geforderten Linie bleibt, hat wieder einmal voll zugeschlagen.
In Zeiten leerer Kassen, die trotzdem voll genug scheinen, um in aller Welt sinnfreie Projekte zu sponsern, überlegt so mancher Politgrande, welche Quellen man noch anzapfen, genauer ausgedrückt, wen man noch mehr schöpfen könnte, um, sagen wir es unverblümt, denjenigen, die noch nicht so lange hier leben und denen, deren Motivation irgendeine produktive Tätigkeit, mit der sie ihren Lebensunterhalt verdienen könnten, gegen Null tendiert, einen angenehmen Lebensstandard bieten zu können.
Das neue Zauberwort derer, die sich dazu berufen fühlen, Faulheit und andere negative Sozialtugenden zu unterstützen, heißt Umverteilung.
Die Idee dahinter, für linke Gehirne mit Opferstatus, besteht darin, diejenigen noch mehr zu bestehlen, die ohnehin mit ihrem reichlich vom Staat abgepressten Geld die vielen finanziellen Baustellen, vulgo ungedeckte Schulden, also finanzielle Löcher im Staatshaushalt stopfen.
Es sind die Robin-Hood-Träume – Achtung: Bildungskatastrophe! –, denen ein links-rot-grünes Milieu, aber auch eines, das vor Kurzem noch als konservativ galt, huldigt und dessen Figuren sich, anstelle harter Fakten, die Welt schönideologisieren.
Wir nehmen es von denen da oben und verteilen es an die „Notleidenden und Bedürftigen“ da unten. Das Paradies ist nahe.
Man muß den politischen Romantikern unserer Zeit eines zugestehen: Sie verfügen über eine beinahe religiöse Begabung, wirtschaftliche Zusammenhänge in Märchen umzudeuten. Wo andere Zahlen sehen, sehen sie Moral. Wo andere Rechnungen aufstellen, entdecken sie Gerechtigkeit. Und wo andere die Frage stellen, wer die Zeche bezahlt, betrachten sie allein die Schönheit des Menüs. Das ist ein Talent, das Bewunderung verdient. Nicht jeder vermag es, dauerhaft gegen die Wirklichkeit anzudenken, ohne dabei Kopfschmerzen zu bekommen.
Der Gedanke der Umverteilung lebt von einer eigentümlichen Voraussetzung. Er setzt voraus, daß Wohlstand eine Art Naturvorkommen sei. So wie Erdöl unter der Erde liegt oder Fische im Meer schwimmen, so scheint Geld nach dieser Vorstellung irgendwo herumzuliegen, bereit, von staatlichen Netzen eingefangen zu werden. Daß hinter jedem Euro Arbeitsstunden, Risiken, Entbehrungen, gescheiterte Existenzen und gelegentlich sogar ein wenig Begabung stehen könnten, erscheint in dieser Sichtweise als lästiger Nebenaspekt.
Es gehört zu den großen Mysterien unserer Gegenwart, daß ausgerechnet jene politischen Milieus, die sich gern als besonders wissenschaftsfreundlich darstellen, in wirtschaftlichen Fragen oft einen beinahe magischen Realitätsbezug pflegen. Die Schwerkraft wird akzeptiert. Die Thermodynamik ebenfalls. Nur die Gesetze der Ökonomie betrachtet man als eine Art rechte Verschwörungstheorie.
Wenn ein Bäcker zehn Brote backt und man ihm acht davon wegnimmt, wird er auf Dauer weniger backen. Diese Erkenntnis hätte bereits einem mittelalterlichen Dorfschulzen eingeleuchtet. Im modernen Politikbetrieb hingegen gilt sie als neoliberaler Extremismus.
Dabei ist die Sprache längst zum eigentlichen Tatort geworden. Das beginnt schon bei der Wortwahl. Umverteilung klingt warm, weich und fürsorglich. Niemand würde auf die Idee kommen, sein Portemonnaie festzuhalten, wenn von Umverteilung die Rede ist. Das Wort trägt den Duft moralischer Überlegenheit in sich. Es klingt nach Kerzenschein, sozialer Wärme und gerechten Verhältnissen. Würde man denselben Vorgang ehrlicherweise als „staatlich organisierte Umschichtung fremden Eigentums“ bezeichnen, könnten sich plötzlich unerwartete Akzeptanzprobleme ergeben.
Sprache ist bekanntlich die eleganteste Form politischer Tarnung. Aus Schulden werden Sondervermögen. Aus Massenmigration wird Vielfalt. Aus Inflation wird Transformation. Aus steigenden Belastungen werden Entlastungspakete. Manchmal hat man den Eindruck, das Land werde weniger von Ökonomen regiert als von Lyrikern mit einem Hang zur fiskalischen Fantasy-Literatur.
Besonders eindrucksvoll zeigt sich dies beim Umgang mit denjenigen, die den Staat finanzieren. Der Steuerzahler ist eine bemerkenswerte Figur. Er gleicht jenem Esel, auf dessen Rücken die Lasten der Gesellschaft abgeladen werden, während ihm gleichzeitig erklärt wird, er sei privilegiert, weil er noch stehen kann.
Früher sprach man von Leistungsträgern. Heute klingt das beinahe verdächtig. Leistung selbst ist in vielen politischen Debatten zu einer peinlichen Angelegenheit geworden. Sie erinnert zu sehr an Unterschiede zwischen Menschen, an Anstrengung, an Verantwortung und gelegentlich sogar an Erfolg. All das stört die schöne Erzählung von der vollkommenen Gleichheit.
So entstand jene eigentümliche Moral, die nicht den Bedürftigen erhöht, sondern den Leistungsfähigen erniedrigt. Wer viel erwirtschaftet, steht unter Rechtfertigungsdruck. Wer wenig beiträgt, erhält Verständnis. Wer erfolgreich ist, muß erklären, warum. Wer scheitert, findet stets jemanden, der erklärt, weshalb andere schuld sind.
Natürlich hat jede Gesellschaft die Pflicht, Schwache zu unterstützen. Darüber muß man nicht diskutieren. Die Frage lautet vielmehr, wann aus Hilfe ein Geschäftsmodell wird und aus Solidarität eine Dauereinrichtung. Denn zwischen dem sozialen Netz und der sozialen Hängematte existiert ein Unterschied, den man früher einmal kannte.
Doch genau hier beginnt die ideologische Vernebelung. Wer diese Unterscheidung wagt, wird rasch verdächtig. Der moderne Moralbetrieb verfügt über ein ganzes Arsenal sprachlicher Keulen. Sozial kalt. Menschenfeindlich. Unsensibel. Rückwärtsgewandt. Die Begriffe wechseln, die Methode bleibt dieselbe. Es geht nicht darum, Argumente zu widerlegen. Es genügt, denjenigen zu diskreditieren, der sie vorträgt.
In den besseren Kreisen der Republik hat sich daraus längst ein gesellschaftliches Ritual entwickelt. Man trifft sich auf Podien, in Redaktionsstuben oder bei Empfängen staatlich geförderter Institutionen und spricht über soziale Gerechtigkeit. Die Häppchen sind ausgezeichnet, der Wein meist ebenfalls. Irgendwo zwischen dem dritten Glas Riesling und dem Dessert entdeckt man dann die Notwendigkeit, andere stärker zu belasten.
Es ist eine bemerkenswerte Form der Großzügigkeit. Man spendet bevorzugt fremdes Geld.
Dabei trägt die Umverteilung inzwischen Züge einer säkularen Religion. Ihre Dogmen dürfen nicht hinterfragt werden. Ihre Priesterschaft bevölkert Universitäten, Redaktionen und Ministerien. Ihre Liturgie besteht aus Begriffen wie Diversität, Transformation, Teilhabe und Gerechtigkeit. Ihre Erbsünde heißt Erfolg. Ihre Erlösung verspricht die Gleichheit.
Wie jede Religion benötigt auch diese einen Teufel. Früher waren es Kapitalisten, Industrielle oder Großgrundbesitzer. Heute genügt oft schon der durchschnittliche Angestellte mit Eigenheim, um als verdächtiger Wohlstandsbürger zu gelten. Wer ein wenig mehr besitzt als andere, wird zum Objekt moralischer Begutachtung.
Merkwürdigerweise richtet sich der Zorn selten gegen milliardenschwere Digitalkonzerne oder internationale Finanzakteure. Dort endet die revolutionäre Energie häufig abrupt. Stattdessen konzentriert man sich auf jene Menschen, die morgens um sechs Uhr aufstehen, ihre Steuern bezahlen und darauf hoffen, daß ihnen am Monatsende noch etwas bleibt.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Tragikomödie unserer Zeit. Der Staat jagt nicht den Drachen, sondern den Ochsen, der den Karren zieht. Der Drache könnte sich wehren. Der Ochse zahlt.
Und während all dies geschieht, wächst die öffentliche Verwunderung darüber, daß die wirtschaftliche Dynamik nachläßt. Unternehmen investieren anderswo. Fachkräfte verlassen das Land. Unternehmer denken über Auswanderung nach. Kapital sucht freundlichere Umgebungen auf. Die politische Klasse betrachtet diese Entwicklung mit derselben Fassungslosigkeit, mit der ein Gärtner auf einen vertrockneten Baum blickt, nachdem er dessen Wurzeln jahrelang mit Säure gegossen hat.
Man hört dann häufig die Forderung nach noch mehr Umverteilung. Das erinnert an einen Arzt, der seinen Patienten mit Aderlässen behandelt und bei ausbleibender Genesung beschließt, künftig doppelt so viel Blut abzuzapfen.
Dennoch hält sich die Idee erstaunlich hartnäckig. Sie besitzt jene Verführungskraft aller einfachen Lösungen. Sie verspricht moralische Größe ohne persönliche Opfer. Sie erlaubt es, sich als Wohltäter zu fühlen, ohne selbst Wohltaten erbringen zu müssen. Sie verwandelt politische Verantwortung in ein Schauspiel der Tugend.
Der Bürger soll zahlen und zugleich dankbar sein. Er soll arbeiten und sich gleichzeitig für seinen Erfolg entschuldigen. Er soll die Lasten tragen und dabei applaudieren.
Vielleicht erklärt gerade dies die erstaunliche Karriere des Begriffs. Umverteilung ist nicht bloß ein wirtschaftliches Konzept. Sie ist ein psychologisches Versprechen. Sie bietet die Möglichkeit, Neid als Gerechtigkeit und Begehrlichkeit als Moral zu verkleiden. Sie erlaubt es, sich edel zu fühlen, während man anderen in die Tasche greift.
So bleibt die Umverteilung das Lieblingswort der Schmarotzer. Nicht, weil sie Wohlstand schafft. Nicht, weil sie Probleme löst. Sondern weil sie die vielleicht eleganteste Methode darstellt, von den Leistungen anderer zu leben und dabei den Eindruck zu erwecken, man vollbringe einen Akt höchster gesellschaftlicher Tugend.
Und genau darin liegt ihre eigentliche Genialität: Der Schmarotzer von gestern mußte sich wenigstens noch schämen. Der Schmarotzer von heute hält eine Pressekonferenz.