Der herrschaftsfreie Diskurs und die KI

Jürgen Habermas, einer der einflussreichsten Denker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, hat mit seiner Theorie des kommunikativen Handelns und dem Ideal des herrschaftsfreien Diskurses einen normativen Horizont für die demokratische Öffentlichkeit entworfen. In diesem Idealzustand, der „idealen Sprechsituation“, sollen sich die Teilnehmer eines Diskurses allein vom „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ leiten lassen, frei von jeglicher Form von interner oder externer Nötigung. Macht, Status und strategische Interessen sollen in den Hintergrund treten und einer reinen, auf Verständigung ausgerichteten Rationalität Platz machen. Angesichts der rasanten Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI) stellt sich eine provokante Frage: Könnte ausgerechnet diese Technologie, die oft als Bedrohung für die menschliche Autonomie und den öffentlichen Diskurs wahrgenommen wird, ein ungeahntes Potenzial zur Verwirklichung des Habermas’schen Ideals bergen? Der Gedanke ist ebenso faszinierend wie ambivalent, denn die KI trägt sowohl das Versprechen einer radikalen Rationalisierung als auch die Gefahr neuer, subtiler Formen der Herrschaft in sich. Weiterlesen

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Die gegenwärtige Sprachkrise – Eine Gesamtdiagnose

Einleitung: Die Signatur des Zeitstils

Jede Epoche, die in eine tiefgreifende Krise gerät, entwickelt einen ihr eigenen Stil, eine Signatur, die sich in Kunst, Architektur, aber vor allem in der Sprache niederschlägt. Dieser „Zeitstil“, ein von Ernst Jünger geprägter Begriff, ist mehr als nur eine ästhetische Mode; er ist ein seismographisches Instrument, das die tektonischen Verschiebungen im Fundament einer Kultur aufzeichnet. Die Sprache wird dabei zum primären Schauplatz des Verfalls. Sie verliert ihre deskriptive Kraft, ihre Fähigkeit, die Wirklichkeit abzubilden, und wird stattdessen zu einem Instrument der Macht, zu einem Arsenal von Chiffren, das nicht mehr der Verständigung, sondern der Verschleierung und der ideologischen Indoktrination dient. Die Krise der Sprache ist somit niemals nur eine linguistische Angelegenheit, sondern stets das Symptom einer tieferen kulturellen und geistigen Desorientierung. Weiterlesen

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Die verwertete Pause

Rauhnächte zwischen Mythos, Markt und Selbstmanagement

Die Rauhnächte waren nie romantisch. Sie waren gefährlich. Nicht, weil Geister durch die Nacht jagten, sondern weil die Ordnung selbst suspendiert war. Zeit funktionierte nicht zuverlässig, Arbeit galt als riskant, Entscheidungen als anmaßend. Die Welt hielt inne, weil sie es musste. Der Mythos war kein Schmuck, sondern eine Notlösung. Weiterlesen

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Krieg ist ab sofort grün

Meine Damen und Herren, liebe umweltbewusste Mitbürgerinnen und Mitbürger, atmen Sie auf! Die Zeit der quälenden Gewissensbisse ist vorbei. Endlich können wir mit reinem Gewissen in eine nachhaltige Zukunft investieren, ohne auf die beruhigende Sicherheit von Panzern, Kampfflugzeugen und präzisionsgelenkter Munition verzichten zu müssen. Ja, Sie haben richtig gehört: Krieg ist ab sofort grün! Weiterlesen

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Dann macht es eben die KI

Die Politik braucht Nullen

Ein Aufschrei der Erleichterung geht durch die deutschen Lehrerzimmer, Tränen der Freude kullern über die Wangen gestresster Eltern, und die Kinder, ja, die Kinder tanzen auf den Tischen: Das schriftliche Dividieren ist tot! Lang lebe die „Verstehensorientierung“! In einem Akt beispielloser pädagogischer Gnade hat das niedersächsische Kultusministerium entschieden, unsere Kleinsten nicht länger mit der grausamen, fehleranfälligen und, seien wir ehrlich, zutiefst undemokratischen Prozedur der schriftlichen Division zu quälen. Es ist ein Sieg der Menschlichkeit über die Tyrannei der Zahlen, ein Meilenstein auf dem Weg in eine sorgenfreie, post-intellektuelle Zukunft, in der das Denken optional und das Fühlen obligatorisch ist. Weiterlesen

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Wo ist die Friedensbewegung?

Es gibt Zeiten, da verschwindet etwas nicht mit einem Knall, sondern mit einem Achselzucken. Die Friedensbewegung ist ein solches Phänomen. Einst war sie laut, unerquicklich, störend,+ heute ist sie vor allem: abwesend. Und diese Abwesenheit fällt umso greller ins Auge, je schriller die gegenwärtige Kriegshysterie intoniert wird, orchestriert von einem polit-medialen Kartell, das den Ernstfall nicht mehr als Möglichkeit, sondern als moralische Pflicht behandelt. Weiterlesen

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Rollen bald wieder alle Räder…?

Meine Damen und Herren, es ist ein historischer Moment! Ein Ruck geht durch Deutschland, ein stählerner Wind fegt durch die Amtsstuben und die Herzen der Bürger. Generalmajor Wolf-Jürgen Stahl, ein Mann, dessen Name allein schon nach Krupp-Stahl, preußischer Disziplin und dem Geruch von Waffenöl klingt, hat uns die frohe Botschaft verkündet: Wir müssen wieder mehr tun! Mehr arbeiten, mehr dienen, mehr Zeit in unsere Sicherheit investieren. Endlich! Die Zeit des verweichlichten Friedens, der 4-Tage-Woche, der Hafermilch-Cappuccinos und der narzisstischen Selbstverwirklichung ist vorbei. Die 48-Stunden-Woche und die Wehrpflicht werden uns retten. Halleluja! Man kann die kollektive Erleichterung im Land förmlich spüren, eine Welle der Begeisterung, die von den Vorstandsetagen der Rüstungskonzerne bis in die Schützengräben der sozialen Medien schwappt. Weiterlesen

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Politiker(portraits) gehören an die Wand

In einer Welt, die von Krisen geschüttelt wird, in der das Volk nach Führung und Orientierung schreit, hat die deutsche Politik endlich eine Antwort gefunden. Eine Antwort, so klar, so brillant, so ästhetisch ansprechend, dass man sich fragt, warum nicht schon früher jemand darauf gekommen ist. Die Antwort lautet: Mehr Porträts! Ja, Sie haben richtig gehört. Was uns rettet, ist nicht etwa eine durchdachte Wirtschafts- oder Sozialpolitik, nicht der Kampf gegen den Klimawandel oder die Sicherung des Friedens. Nein, was uns rettet, ist das Konterfei unseres Außenministers, Johann Wadephul, in jeder deutschen Botschaft weltweit. Hallelujah! Endlich hat die Regierung Merz erkannt, worauf es wirklich ankommt: nicht auf Inhalte, nicht auf Ergebnisse, sondern auf die richtige Bildsprache. Und wer könnte diese Botschaft besser verkörpern als der Mann selbst, dessen Foto nun überall hängen soll? Weiterlesen

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Wenn das Lachen zur Straftat werden könnte

Über die hypothetische Heiligsprechung politischer Empfindlichkeiten

Man stelle sich ein Deutschland vor, das sich entschlösse, endgültig erwachsen zu werden — erwachsen im Sinne jener empfindlichen Sorte Erwachsensein, die bereits bei einem gehauchten Kichern die Würde des Amtes in Gefahr wähnte. Und so könnte es geschehen, dass der § 188 StGB, bislang ein eher stiller Paragraph im Strafgesetzbuch, plötzlich eine Renaissance erlebte, weil jemand auf die Idee gekommen sein könnte, er müsse „geschärft“ werden. Weiterlesen

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Wir bestimmen, was erlaubt ist

Es gibt Momente, in denen ein Land gewissermaßen versehentlich in den Spiegel schaut und erschrickt. Nicht über die Pickel der Jugend oder die Falten des Alters, sondern über diese eigentümliche Doppelbelichtung, bei der sich moralischer Hochmut und staatstragender Pflichtwille überlagern wie schlecht kopierte Folien. Man sieht nicht mehr, was eigentlich Realpolitik ist und was moralische Jonglage, und genau in diesem goldglänzenden Nebel bewegen sich derzeit jene Stimmen, die bestimmt haben wollen, welche Empörung erlaubt, welche geduldet und welche ab sofort unerwünscht ist. Weiterlesen

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