Infantil statt erwachsen

„Die Welt muss sich gefälligst mir anpassen‟

Es gibt Sätze, die man eigentlich nur aus dem Mund eines Dreijährigen erwarten würde, mit klebriger Schokolade um den Mund und trotzig verschränkten Armen. Ich muss mich nicht der Welt anpassen, sondern die Welt sich an mich.“ In der Wiege der Selbstermächtigung klingt das noch niedlich. Doch wehe, wenn der Trotzkopf erwachsen wird und ein Smartphone bekommt. Dann wird aus dem kindlichen Trotz eine Weltanschauung, aus der Lutschpastille ein Manifest.

Heute ist dieser Satz die heimliche Präambel sämtlicher westlicher Gesellschaftsverträge. Er steht unsichtbar in den AGBs der Zivilisation. Man kann ihn überall beobachten, auf der Straße, im Büro, in Talkshows, in der Politik. Es ist das Lebensmotto einer Spezies, die sich von der Evolution emanzipiert hat und nun glaubt, sie könne sich auch von der Realität scheiden lassen. Weiterlesen

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Derangement, die Kunst, verrückt zu bleiben

Es gibt Worte, die wie schwach dosierte Gifte wirken: kaum spürbar beim ersten Hören, doch allmählich durchdringend, bis sie das Denken selbst verfärben. „Derangement“ ist eines dieser Wörter, ein schillernder Fremdkörper im deutschen Sprachraum, halb französisches Fieber, halb englische Diagnose. Es bezeichnet Unordnung, Verstörung, das Herausfallen aus der Bahn, und klingt zugleich nach Stil, nach geistiger Exzentrik, nach jener schönen Art des Wahns, die der Bourgeois nie versteht, aber heimlich bewundert. Weiterlesen

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Wie konnte das geschehen?

Prolog eines Historikers, der in seinem Buch, veröffentlicht im Jahr 2075, auf unsere Gegenwart zurückblickt.

Du hältst dieses Buch in Händen, nicht als Anklage, nicht als Lehrstück, sondern als Zusammensetzung von Fragmenten, Zeugenaussagen, Protokollen und den widerstreitenden Mythen, die sich in den Jahren vor dem großen Umbruch zu einer einzigen, dichten Legende verflüchtigten. Ich schreibe als Historiker einer Epoche, die aus der Distanz gelernt hat, Chronologie und Ursache bis zur Kontur zu sezieren; doch gerade die großen Umbrüche zeigen uns, wie dünn die Schicht ist, die Faktum von Fiktion trennt. Was folgt, ist keine endgültige Wahrheit, sondern eine Rekonstruktion, eine Hypothese in vielen Varianten, über das, was wir später als die Entstehung der Europäischen Diktatur bezeichneten. Weiterlesen

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Runen – Zeichen des Unsichtbaren

Über Ursprung, Magie und Missbrauch einer alten Schrift

Es gibt Schriftzeichen, die nicht bloß der Mitteilung dienen, sondern aus einer tieferen Ordnung zu sprechen scheinen. Zu diesen gehören die Runen. Sie sind keine bloßen Buchstaben, sondern ideographische Verdichtungen einer Weltauffassung, die das Wort nicht als technisches Mittel, sondern als schöpferische Kraft verstand. Ihr Ursprung liegt in einer Zeit, in der Sprache noch Wirken war, nicht Repräsentation; in der Zeichen nicht bedeuteten, sondern handelten. Die Runen sind Überreste einer vormodernen Metaphysik, die das Denken als Teil der Welt und nicht als ihr Gegenüber begriff. Weiterlesen

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Der große Sozialbaukasten

Wie Deutschland sich selbst versorgt

Es gibt Länder, die besitzen Öl. Andere haben Gold, seltene Erden oder wenigstens Tourismus. Deutschland dagegen hat Sozialleistungen. Über fünfhundert verschiedene, fein säuberlich sortiert, von der Mutterschutzkurzleistung bis zur Langzeitfördermaßnahme für strukturell Unterforderten. Ein Eldorado für Antragsteller, ein Labyrinth für alle anderen. Man stelle sich vor: Der Staat als überfürsorgliche Tante, die alles hat, aber nie genau weiß, wo sie es hingelegt hat. Weiterlesen

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Wenn Ahnungslose über die Zukunft entscheiden, wird es finster

Es war ein Sonntag wie jeder andere, nur dass diesmal nicht über Brötchen oder Bundesliga entschieden wurde, sondern über die Zukunft. Genauer gesagt: über die Zukunft Hamburgs, Europas und, wenn man den Pathos einiger Aktivisten glauben darf, gleich der ganzen Menschheit. Die Hansestadt hat nämlich beschlossen, fünf Jahre früher klimaneutral zu werden. Statt 2045 also schon 2040. Fünf Jahre! Das ist ungefähr die Zeit, die eine deutsche Behörde braucht, um eine Wärmepumpe zu genehmigen. Man merkt: Die Hamburger haben Mut. Oder keine Ahnung. Weiterlesen

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Anstelle Millionengewinn Freifahrtschein ins Grab

Es gibt politische Ideen, die sind so brillant in ihrer Absurdität, dass man sie fast für Satire halten möchte, bis man merkt, dass sie ernst gemeint sind. Die Wiedereinführung der Wehrpflicht per Losverfahren ist eine solche Perle deutscher Realpolitik. Es ist, als hätte jemand beim Frühschoppen beschlossen, die Bundeswehr mit einer Tombola zu modernisieren: Anstelle von Geld oder Autos gibt’s diesmal eben den Hauptgewinn, sechs Monate unter staatlicher Aufsicht, vielleicht mit Aussicht auf Auslandseinsatz, Kasernenhumor und Erziehung zum „Bürger in Uniform“. Der Trostpreis: ein Zertifikat über patriotische Pflichterfüllung und eine bleibende Abneigung gegen alles, was Uniform trägt. Weiterlesen

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Die Bigotterie des linken Denkens

Meditation über die Bigotterie des linken Denkens

Der Satz aus Konrad Paul Liessmanns jüngstem Werk „Was nun? Eine Philosophie der Krise“ , der dieser Meditation als Ausgangspunkt dient, ist von einer provokanten und zugleich tiefgründigen Schärfe: „Die Art, mit der die politische Linke ihre Toleranz gegenüber dem Islam zur Schau stellt, lässt den Verdacht aufkommen, dass hier kaum etwas Problematisches schmerzlich geduldet wird, sondern ein sublimes Einverständnis mit einer patriarchal-konservativen Lebensform signalisiert wird, der das eigene Unbewusste in einem Maße zustimmt, die das politische Über-Ich nie zulassen würde.“ Diese These fungiert als ein Skalpell, das in das Fleisch eines der zentralen Selbstverständnisse der politischen Linken schneidet, ihrer progressiven, emanzipatorischen und toleranten Identität. Sie postuliert einen fundamentalen Widerspruch, eine Form der intellektuellen und moralischen Bigotterie, die nicht aus bewusster Heuchelei, sondern aus den Tiefen einer komplexen psychischen und ideologischen Dynamik gespeist wird. Weiterlesen

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Bekenntnis statt Ergebnis, der schleichende Tod der Wissenschaft

Wenn Forscher zu Predigern und Thesen zu Glaubenssätzen werden, verliert die Wissenschaft ihren Sinn: die Suche nach Wahrheit.

Die moderne Wissenschaft verheddert sich in moralischer Selbstinszenierung. Nicht mehr das Ergebnis zählt, sondern die Gesinnung, mit der man es verkündet. Statt Erkenntnis strebt man nach Zustimmung, und wer widerspricht, gilt als Ketzer. Ein Essay über den leisen, aber tödlichen Wandel vom Denken zum Bekennen.

Es beginnt, wie alles Tragische beginnt: mit guten Absichten:

Die Welt ist komplex geworden, die Probleme drängend, die Öffentlichkeit fordernd. Also verlangt man von der Wissenschaft Haltung, moralische Klarheit, gesellschaftliche Relevanz. Und während man früher noch forschte, um zu verstehen, forscht man heute, um zu bestätigen, was man ohnehin schon weiß. Das Experiment wird zum Ritual der Selbstvergewisserung, die These zur Flagge, und wer sie nicht hoch genug hält, gilt als Verräter am Fortschritt.

Die Wissenschaft, jene letzte Bastion gegen das Geräusch der Meinung, ist zur PR-Abteilung der Moral geworden. Weiterlesen

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Sterbe schnell, bevor der Fratzscher kommt

Ein ebenfalls satirisches Manifest gegen das Endlichkeitsmanagement der Demokratie

Es gibt Vorschläge, die sind so bizarr, dass man sie beinahe bewundern muss. Sie haben jenen eigentümlichen Glanz, den nur der Irrsinn im Festtagskleid entfaltet. Wenn die Ratio schon längst ihre Sachen gepackt hat und die Vernunft sich ins Exil verabschiedet, erscheint er auf der Bühne: der Ökonom, der Demograph, der Rechenkünstler mit strengem Blick und seidenweicher Stimme, und erklärt uns, dass die Lösung aller Probleme in einer kleinen Korrektur des Wahlrechts liege. Klein, versteht sich, wie ein chirurgischer Schnitt am Herzen: kaum spürbar, und doch tödlich. Weiterlesen

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