Morgens um 11:00 Uhr muss die Welt gerettet werden. Aber wie?
Also ich als ohne Frage politisch naiver und ohne intime Kenntnisse der Lenkungshierarchie ausgestatteter Bürger stelle mir das ungefähr folgendermaßen vor:
Da wacht eines Morgens gegen elf Uhr ein Grüner auf. Nein, nicht die grünen Männchen vom Mars, sondern jene politische Spezies, die seit Jahren mit einer Mischung aus pädagogischem Sendungsbewusstsein, moralischer Überlegenheit und bemerkenswerter Kreativität an immer neuen Vorschlägen arbeitet, wie man den Bürger vor sich selbst schützen könnte.
Noch leicht verkatert von den nächtlichen Diskussionen über den anthropogenen Klimawandel, die Rettung der Welt, die Förderung der Vielfalt oder andere Glaubensfragen der modernen Erlösungsbewegung, schleppt er sich zunächst zur Espressomaschine. Das Gerät kostet ungefähr so viel wie ein gebrauchter Kleinwagen, denn Grüne sind bekanntlich selten arm, lediglich kapitalismuskritisch. Während die Maschine faucht, zischt und brodelt, beginnt bereits die eigentliche Arbeit des Tages.
Womit könnten wir die Bürger heute beglücken?
Der biologisch korrekte Kaffee ist fertig. Der Grüne setzt sich an seinen nachhaltig zertifizierten Küchentisch, dessen Rohstoffe selbstverständlich einmal um die halbe Welt gereist sind, ohne dass dies den ökologischen Fußabdruck nennenswert belastet hätte. Über die Arbeitsbedingungen der Menschen, die das gute Stück hergestellt haben, wird ebenso diskret geschwiegen wie über die Lithiumminen für die Energiewende. Jede Religion hat schließlich ihre blinden Flecken.
Nun sitzt er da und denkt nach. Was könnte man noch verbieten, verteuern, regulieren, erschweren oder zumindest moralisch verdächtig machen? Denn schließlich ist man nicht irgendeine Partei. Man ist die politische Vorhut einer Menschheit, die ihr Heil nicht mehr im Himmel sucht, sondern in Verordnungen, Verboten und Förderprogrammen.
Der Blick schweift über die bisherigen Erfolge. Die Glühbirne wurde bereits erfolgreich entsorgt. Einst spendete sie Licht, heute dient sie als abschreckendes Beispiel einer dunklen Vergangenheit. Plastiktüten wurden gesellschaftlich ungefähr auf dieselbe Stufe gestellt wie organisierte Umweltkriminalität. Der Verbrennungsmotor wird behandelt, als habe er persönlich sämtliche Naturkatastrophen der letzten tausend Jahre verursacht. Der Trinkhalm aus Kunststoff verschwand nahezu geräuschlos aus dem öffentlichen Leben und hinterließ den Eindruck, als sei mit ihm eine der größten Bedrohungen der Menschheitsgeschichte beseitigt worden.
Das alles erfüllt den Grünen mit berechtigtem Stolz. Doch jede Revolution kennt ein Problem: Irgendwann gehen die offensichtlichen Feinde aus.
Wenn die Plastiktüte besiegt, die Glühbirne vernichtet und der Diesel moralisch geächtet worden ist, beginnt die eigentliche Königsdisziplin. Jetzt muss man tiefer graben. Schließlich darf eine Weltverbesserungsbewegung niemals den Eindruck erwecken, die Welt könnte bereits verbessert worden sein.
Vielleicht, denkt der Grüne, müsste man das Grillen stärker problematisieren. Kaum eine Tätigkeit vereint so viele Verdachtsmomente. Fleisch wird verzehrt, Kohle verbrannt, Menschen haben Freude. Drei rote Warnlampen gleichzeitig.
Überhaupt hat die Kuh in den vergangenen Jahren eine erstaunliche Karriere hingelegt. Jahrtausendelang stand sie friedlich auf der Weide und produzierte Milch, Kälber und gelegentlich Steaks. Heute wird sie behandelt wie eine biologische Massenvernichtungswaffe mit Hörnern. Der durchschnittliche Bürger betrachtet ein Rindersteak als Abendessen. Der Grüne betrachtet es als klimapolitisches Manifest.
Ähnlich problematisch ist das Reisen. Früher galt es als Zeichen von Wohlstand und Neugier, andere Länder kennenzulernen. Heute wird der Mallorca-Urlaub gelegentlich behandelt, als handele es sich um eine besonders verwerfliche Form des Umweltvandalismus. Wer fliegt, sündigt. Wer zweimal fliegt, wird zum Wiederholungstäter. Wer dreimal fliegt, muss vermutlich damit rechnen, irgendwann im Verfassungsschutzbericht für Klimasünder aufzutauchen.
Besonders unerquicklich erscheint dem grünen Denken allerdings das Automobil. Seit über hundert Jahren erlaubt es Menschen, spontan und unabhängig unterwegs zu sein. Allein das macht es verdächtig. Freiheit ist schließlich eine chaotische Angelegenheit. Menschen fahren plötzlich dorthin, wohin sie wollen, wann sie wollen und ohne vorher einen Arbeitskreis für nachhaltige Mobilität konsultiert zu haben.
Folglich entstehen autofreie Innenstädte, Parkplatzvernichtungsprogramme, Tempolimitkampagnen und immer neue Konzepte, deren Grundidee darin besteht, den Autofahrer so lange zu erziehen, bis er freiwillig in einen Regionalzug steigt, der theoretisch pünktlich sein könnte.
Der Bürger wiederum betrachtet die Realität. Er kennt Bahnhöfe. Er kennt Verspätungen. Er kennt ausgefallene Züge. Er kennt die Lautsprecherdurchsage, wonach sich die Weiterfahrt auf unbestimmte Zeit verzögert. Doch solche Details dürfen den Fortschritt nicht aufhalten. Die Vision zählt. Der Weg dorthin ist lediglich eine lästige Fußnote.
Noch faszinierender ist die Entwicklung beim Thema Wohnen. Jahrtausendelang galt es als erstrebenswert, im Winter eine warme Wohnung zu besitzen. Dann kam die Energiewende. Plötzlich wurde das Heizen zu einer moralischen Frage. Die Gasheizung verwandelte sich über Nacht vom technischen Gebrauchsgegenstand in eine Art fossiles Hasssymbol. Wer gestern noch ein verantwortungsbewusster Hausbesitzer war, konnte heute bereits als Gegner der Zukunft gelten.
Die Wärmepumpe wiederum wurde zeitweise präsentiert wie der technische Messias, dessen Ankunft alle Probleme lösen werde. Dass viele Gebäude dafür gar nicht geeignet waren, störte die Begeisterung kaum. Der Glaube versetzt bekanntlich Berge. Warum sollte er nicht auch Altbauten sanieren?
Überhaupt besitzt die moderne grüne Politik eine erstaunlich religiöse Struktur. Früher kaufte man Ablassbriefe, heute kompensiert man CO₂. Früher fürchtete man das Fegefeuer, heute den ökologischen Fußabdruck. Früher wurden Sünden in Beichtstühlen katalogisiert, heute in Emissionsbilanzen.
Der ideale Mensch dieser neuen Welt ist eine bemerkenswerte Erscheinung. Er besitzt möglichst wenig, verbraucht möglichst wenig, fährt möglichst wenig, fliegt möglichst wenig und hinterlässt möglichst keine Spuren. Er reist vorzugsweise mit dem Fahrrad durch Regen, Schnee und Gegenwind, ernährt sich von Produkten, deren Namen wie chemische Formeln klingen, und verbringt seine Freizeit damit, den eigenen Ressourcenverbrauch zu überwachen.
Kurz gesagt: Der perfekte Bürger lebt zwar noch, aber eher theoretisch.
Währenddessen sitzt der Grüne weiterhin an seinem Küchentisch und denkt nach. Vielleicht müsste man Kamine stärker regulieren. Vielleicht den privaten Garten. Vielleicht die Zahl der Parkplätze. Vielleicht die Zahl der Flüge. Vielleicht die Zahl der Haustiere. Irgendwo findet sich immer ein Bereich menschlichen Lebens, der noch nicht ausreichend optimiert wurde.
Denn Optimierung ist das eigentliche Lebenselixier der modernen Verbotskultur. Nichts darf einfach existieren. Alles muss verbessert, transformiert, reguliert oder zumindest neu bewertet werden. Das Wort „Transformation“ ist dabei besonders beliebt. Früher nannte man so etwas Umbau. Heute klingt es nach historischer Mission.
Und genau darin liegt vielleicht das Geheimnis. Die Grünen verstehen Politik nicht als Verwaltung von Wirklichkeit, sondern als pädagogisches Großprojekt. Der Bürger erscheint weniger als mündiger Erwachsener denn als eine Art Dauerpraktikant des richtigen Lebens. Er soll lernen, was er essen darf, wie er wohnen sollte, womit er fahren sollte, wohin er reisen sollte und welche Gedanken er dabei idealerweise zu denken hat.
Draußen fahren Handwerker zu ihren Kunden. Familien planen ihren Urlaub. Rentner mähen ihre Gärten. Arbeitnehmer rechnen ihre Heizkosten durch. Das gewöhnliche Leben geht seinen Gang. Drinnen jedoch sitzt der Grüne vor seinem Kaffee und sucht nach der nächsten großen Idee.
Irgendwo entsteht bereits ein neuer Vorschlag, ein neues Verbot, eine neue Einschränkung oder zumindest eine neue Steuer. Denn eines hat die Geschichte der grünen Politik eindrucksvoll bewiesen: Kaum hat sich der Bürger an die letzte Bevormundung gewöhnt, steht die nächste bereits vor der Tür, selbstverständlich im Namen seiner Freiheit.
Und falls eines Tages tatsächlich alles verboten sein sollte, wird man vermutlich erleichtert feststellen, dass endlich niemand mehr die Umwelt belastet. Die Wirtschaft liegt zwar am Boden, die Innenstädte sind verwaist, die Heizungen schweigen, die Autos verschwunden und die Menschen sitzen frierend bei Kerzenschein in ihren Wohnungen. Aber die gute Nachricht lautet: Die Glühbirne ist weg.
Und darum ging es schließlich von Anfang an.