Cui bono – wem nützen die Sprengstoffdrohnen?

In aufgeheizten Zeiten sterben Fragen oft als Erste. Kaum geschieht etwas Außergewöhnliches, scheint bereits festzustehen, wer der Täter gewesen sein müsse. Die Geschwindigkeit, mit der sich heute Gewissheiten bilden, steht häufig in einem merkwürdigen Missverhältnis zur Langsamkeit, mit der sich Wahrheit gewöhnlich offenbart. Noch ehe Ermittler ihre Arbeit abgeschlossen hätten, hätten Kommentatoren bereits ihre Urteile gefällt, Politiker ihre Erklärungen abgegeben und die sozialen Netzwerke ihre Anklageschriften verfasst.

Vielleicht wäre gerade dann der Augenblick gekommen, sich einer alten lateinischen Frage zu erinnern: Cui bono? Wem nützt es?

Diese Frage erhebt keinen Anspruch darauf, Täter zu benennen. Sie ersetzt weder Beweise noch Ermittlungen. Sie verlangt lediglich, Interessen nicht mit Tatsachen zu verwechseln und dort weiterzudenken, wo andere das Denken bereits beendet hätten. Sie ist keine Antwort, sondern der Anfang jeder ernsthaften Analyse.

Vor diesem Hintergrund wirft auch der Vorfall am Flughafen Leipzig/Halle Fragen auf. Bekannt geworden sei, dass zwei Drohnen den Flugbetrieb beeinträchtigt hätten und eine davon angeblich mit Sprengstoff versehen gewesen sei. Die Ermittlungen dauerten an. Dennoch schien für Teile der öffentlichen Debatte bereits früh festzustehen, in welche Richtung der Verdacht weisen müsse.

Weshalb eigentlich?

Woher rührt die bemerkenswerte Gewissheit, wenn doch belastbare Ermittlungsergebnisse noch ausstehen? Sollte nicht gerade in einer Angelegenheit von solcher Tragweite Zurückhaltung selbstverständlich sein? Oder ist der politische Reflex inzwischen stärker geworden als die nüchterne Prüfung von Tatsachen?

Ebenso bemerkenswert erscheinen andere Fragen, über die vergleichsweise wenig gesprochen wird.

Sollte es zutreffen, dass sich ukrainische Transportflugzeuge in unmittelbarer Nähe befunden hätten und dort militärische Güter verladen worden seien, welche politische Bedeutung hätte ein solcher Vorgang? Weshalb würde an einem deutschen Zivilflughafen Munition umgeschlagen? Handelte es sich um einen gewöhnlichen logistischen Vorgang oder um einen Sachverhalt, der eine breitere öffentliche Diskussion verdiente? Seit wann gilt Derartiges als selbstverständlich?

Auch der Zeitpunkt des Vorfalls lädt zu Überlegungen ein. Weshalb ereignete sich dies ausgerechnet in einer Phase erheblicher innenpolitischer Spannungen? Wäre es bloßer Zufall, dass ein sicherheitspolitisch aufgeladener Zwischenfall kurz vor wichtigen Landtagswahlen öffentliche Aufmerksamkeit bindet? Oder wäre bereits diese Frage für manche unzulässig, obwohl sie zunächst nichts weiter als eine Frage bleibt?

Wer könnte überhaupt von einer weiteren Eskalation profitieren?

Wem käme eine Atmosphäre allgemeiner Verunsicherung entgegen? Wer hätte ein Interesse daran, den Eindruck einer wachsenden äußeren Bedrohung zu verstärken? Könnte eine solche Stimmung politischen Entscheidungen den Weg ebnen, die unter ruhigeren Umständen auf größere Skepsis stießen? Würde sie Forderungen nach weiterer Aufrüstung, nach einer intensiveren Beteiligung Deutschlands am Kriegsgeschehen oder nach zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen plausibler erscheinen lassen?

Ebenso ließe sich fragen, wem eine möglichst schnelle Festlegung auf einen bestimmten Täter nützen würde. Denn sobald ein Schuldiger politisch feststehe, verliere die eigentliche Aufklärung oft an Bedeutung. Die Geschichte kennt zahlreiche Beispiele dafür, dass erste Gewissheiten später revidiert werden mussten. Gerade deshalb wäre Vorsicht vielleicht die angemessenere Haltung.

Es fällt auf, dass der öffentliche Diskurs immer häufiger zwischen zwei Extremen schwankt. Entweder wird jede offizielle Darstellung als unumstößliche Wahrheit behandelt oder jede abweichende Überlegung als unzulässige Spekulation verworfen. Dazwischen scheint jener Raum zu verschwinden, in dem Denken überhaupt erst möglich wird.

Dabei besteht der Sinn kritischen Denkens nicht darin, neue Gewissheiten an die Stelle alter zu setzen. Er besteht darin, Widersprüche auszuhalten, Fragen offenzuhalten und sich nicht von der Bequemlichkeit vorschneller Erklärungen verführen zu lassen.

Vielleicht bestätigen die laufenden Ermittlungen eines Tages sämtliche ersten Vermutungen. Vielleicht führen sie zu einem völlig anderen Ergebnis. Beides ist möglich. Gerade deshalb wäre intellektuelle Zurückhaltung kein Zeichen von Schwäche, sondern von Vernunft.

Der eigentliche Skandal bestünde dann nicht darin, dass Menschen Fragen stellen. Skandalös wäre vielmehr eine politische Kultur, in der Fragen bereits als Verdacht gelten und Zweifel als Illoyalität erscheinen. Wo das Fragen verstummt, beginnt nicht die Wahrheit zu sprechen, sondern die Gewissheit. Und Gewissheit ist, das lehrt die Geschichte immer wieder, nicht selten die eleganteste Verkleidung des Irrtums.

Vielleicht sollte deshalb am Anfang jeder großen politischen Erzählung nicht der Ausruf stehen: »Wir wissen, wer es war«, sondern die sehr viel bescheidenere Frage: Cui bono? Wem nützt es? Nicht weil diese Frage Antworten garantiert, sondern weil sie verhindert, dass Antworten an die Stelle des Denkens treten.

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