Über den Zufall unserer Existenz, die Illusion des gelungenen Lebens und die Unmöglichkeit, am Ende eine Bilanz zu ziehen
Es gibt eine bemerkenswerte menschliche Eigenschaft, die uns vermutlich von den meisten anderen Lebewesen unterscheidet: Wir sind nicht damit zufrieden, einfach nur zu leben. Wir möchten auch wissen, ob wir richtig leben. Mehr noch, wir möchten eines Tages auf unsere Existenz zurückblicken und feststellen können, dass sie gelungen ist. Als wäre das Leben eine Aufgabe, deren Lösung wir bei unserer Geburt zwar nicht mitbekommen haben, für die am Ende aber dennoch eine Bewertung vorgesehen ist.
Nur wer stellt uns dieses Zeugnis aus? Und nach welchen Kriterien?
Die Frage ist keineswegs so harmlos, wie sie zunächst erscheinen mag. Denn was wir unter einem gelungenen Leben verstehen, verändert sich im Laufe unserer Existenz beträchtlich. Mit zwanzig erscheint uns erstrebenswert, was wir mit vierzig möglicherweise als Irrtum betrachten. Mit sechzig gewinnen Entscheidungen an Bedeutung, denen wir drei Jahrzehnte zuvor kaum Aufmerksamkeit geschenkt haben. Und wer am Ende seines Lebens Bilanz zieht, muss sich womöglich eingestehen, dass er die meiste Zeit mit Dingen beschäftigt war, die ihm rückblickend herzlich gleichgültig geworden sind.
Vielleicht liegt darin bereits die erste Zumutung unserer Existenz: Wir müssen unser Leben vorwärts leben, können es aber nur rückwärts verstehen. Søren Kierkegaard wird dieser Gedanke gewöhnlich zugeschrieben, und unabhängig von seiner philosophischen Herkunft beschreibt er ein Dilemma, aus dem es kein Entkommen gibt. Wir treffen Entscheidungen, ohne deren Folgen zu kennen, und beurteilen sie später anhand von Erfahrungen, die uns zum Zeitpunkt der Entscheidung noch gar nicht zur Verfügung standen.
Ein ziemlich unvernünftiges Verfahren, wenn man es genauer betrachtet. Allerdings das einzige, das uns zur Verfügung steht.
Die nachträgliche Ordnung des Zufalls
Jede Biografie ist das Ergebnis einer nahezu unüberschaubaren Folge von Ereignissen, Begegnungen und Entscheidungen. Manche davon erscheinen uns bedeutsam, andere nehmen wir kaum wahr. Ein verpasster Zug, ein zufälliges Gespräch, eine Bewerbung, die wir beinahe nicht abgeschickt hätten, können unserem Leben eine Richtung geben, die wir niemals geplant hatten.
Wir nennen solche Ereignisse gern Schicksal, besonders dann, wenn ihr Ausgang erfreulich war. Der Zufall hingegen muss gewöhnlich für jene Entwicklungen herhalten, die wir uns lieber erspart hätten. Dabei handelt es sich in beiden Fällen um denselben Vorgang: Etwas geschieht, das wir weder vorhergesehen noch vollständig beeinflusst haben.
Der Mensch erträgt diese Beliebigkeit allerdings nur schlecht. Er möchte Zusammenhänge erkennen, wo möglicherweise keine bestehen. Also beginnt er, seine Vergangenheit zu ordnen. Aus einer zufälligen Begegnung wird im Rückblick eine schicksalhafte Fügung, aus einer beruflichen Fehlentscheidung eine notwendige Erfahrung. Selbst schmerzhafte Enttäuschungen erhalten nachträglich ihren Platz in einer Erzählung, die uns versichert, dass alles irgendwie zu etwas gut gewesen sei.
Vielleicht ist unsere Identität tatsächlich weniger eine feststehende Eigenschaft als vielmehr eine Geschichte, die wir uns fortwährend über uns selbst erzählen. Wir sind die Erzähler unserer eigenen Biografie, allerdings mit einer bemerkenswerten Einschränkung: Wir kennen weder den vollständigen Anfang noch das Ende, und wesentliche Teile der Handlung wurden von anderen geschrieben.
Dass wir dennoch einen roten Faden erkennen möchten, ist verständlich. Ein Leben, das ausschließlich aus Zufällen bestünde, wäre schwer zu ertragen. Wir brauchen die Vorstellung, dass unsere Erfahrungen miteinander verbunden sind, dass unsere Entscheidungen eine Richtung besitzen und dass wir selbst mehr darstellen als das vorläufige Ergebnis einer Kette unwahrscheinlicher Ereignisse. Nur sollte man die beruhigende Wirkung einer solchen Erzählung nicht mit ihrem Wahrheitsgehalt verwechseln.
Das Glück und seine philosophischen Zumutungen
Schon Aristoteles beschäftigte sich mit der Frage, was ein menschliches Leben zu einem guten Leben macht. Seine Vorstellung der Eudaimonia lässt sich nur unzureichend mit unserem heutigen Begriff des Glücks übersetzen. Gemeint ist nicht die angenehme Empfindung eines gelungenen Augenblicks, sondern ein menschliches Gedeihen, das sich in vernünftigem und tugendhaftem Handeln über die Dauer eines Lebens verwirklicht.
Das klingt zunächst durchaus einleuchtend. Schließlich wissen wir, dass Glücksgefühle vergänglich sind und ein angenehmes Leben keineswegs zwangsläufig ein erfülltes sein muss. Aristoteles berücksichtigt zudem, dass auch äußere Umstände für ein gutes Leben von Bedeutung sind. Wer von Krankheit, bitterer Armut oder schweren Schicksalsschlägen heimgesucht wird, kann sich sein Glück nicht einfach durch eine besonders vorbildliche innere Haltung herbeidenken.
Doch bereits hier beginnt das Problem. Wenn sich das Gelingen eines Lebens erst in seiner Gesamtheit beurteilen lässt, wer könnte dann ein solches Urteil fällen?
Wir selbst sind als Gutachter unserer Existenz denkbar ungeeignet. Zu groß ist unser Interesse daran, das eigene Leben nicht für eine Ansammlung verpasster Möglichkeiten halten zu müssen. Unsere Mitmenschen wiederum kennen bestenfalls Ausschnitte unserer Geschichte. Und die Nachwelt, der wir gelegentlich eine besondere Urteilskraft zusprechen, ist mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt. Die meisten von uns werden ohnehin nach wenigen Generationen vergessen sein.
Vielleicht ist der Wunsch nach einem abschließenden Urteil bereits Ausdruck eines Missverständnisses. Wir behandeln unser Leben wie ein Werk, das irgendwann vollendet vor uns liegen müsste. Dann könnten wir es betrachten, seine Schwächen erkennen, seine Vorzüge würdigen und uns im Idealfall zufrieden zurücklehnen. Aber ein Leben ist kein Roman, dessen Autor den letzten Satz kennt. Und selbst wenn es einer wäre, hätten wir kaum Gelegenheit, das Manuskript nach der Lektüre noch einmal zu überarbeiten.
Die unerträgliche Leichtigkeit des ungelebten Lebens
Es dürfte kaum einen Menschen geben, der nicht gelegentlich darüber nachdenkt, wie sein Leben verlaufen wäre, hätte er sich an einer bestimmten Weggabelung anders entschieden.
Was wäre geschehen, wenn wir unsere erste große Liebe nicht verloren hätten? Wenn wir einen anderen Beruf ergriffen, eine Gelegenheit genutzt oder uns rechtzeitig von einem Menschen getrennt hätten? Wären wir glücklicher geworden? Erfolgreicher? Zufriedener mit uns selbst?
Solche Fragen besitzen eine eigentümliche Anziehungskraft. Sie eröffnen uns einen imaginären Raum, in dem wir die Vergangenheit nach Belieben verändern können, ohne uns den Unannehmlichkeiten ihrer tatsächlichen Folgen aussetzen zu müssen.
Das ungelebte Leben hat gegenüber dem wirklichen einen unschlagbaren Vorteil: Es kann niemals scheitern.
Die Jugendliebe, mit der wir nicht zusammengeblieben sind, muss sich in unserer Vorstellung weder mit den Zumutungen des Alltags noch mit den Ernüchterungen einer jahrzehntelangen Beziehung auseinandersetzen. Der Beruf, den wir nicht ergriffen haben, bleibt von seinen tatsächlichen Schwierigkeiten verschont. Und jenes andere Leben, für das wir uns seinerzeit nicht entschieden haben, darf all die Verheißungen behalten, die unser wirkliches Leben im Laufe der Jahre zwangsläufig eingebüßt hat.
Wir vergleichen also eine erlebte Wirklichkeit mit einer Möglichkeit, die niemals den Belastungen der Wirklichkeit ausgesetzt war. Ein reichlich unfairer Wettbewerb, bei dem unser tatsächliches Leben kaum gewinnen kann.
Vielleicht hätten wir uns auch in jenem anderen Leben irgendwann gefragt, ob nicht alles besser geworden wäre, hätten wir damals die entgegengesetzte Entscheidung getroffen. Der Konjunktiv besitzt schließlich die angenehme Eigenschaft, sich jeder Überprüfung zu entziehen.
Natürlich wäre es falsch, sämtliche Gedanken an verpasste Möglichkeiten als sinnlose Grübelei abzutun. Reue kann Ausdruck moralischer Einsicht sein. Wer erkennt, dass er einem anderen Menschen Unrecht getan hat, sollte sich nicht mit dem Hinweis auf die Unabänderlichkeit des Vergangenen aus der Verantwortung stehlen. Auch können wir aus früheren Fehlentscheidungen durchaus etwas lernen.
Problematisch wird es erst, wenn der rückwirkende Konjunktiv zu einer dauerhaften Lebensform gerät. Wenn wir nicht mehr aus der Vergangenheit lernen, sondern in ihr wohnen möchten. Dann verwandelt sich die Vorstellung eines anderen Lebens in ein Placebo, das uns über die Unvollkommenheit unserer tatsächlichen Existenz hinwegtrösten soll und diese Unvollkommenheit zugleich immer unerträglicher erscheinen lässt.
Man kann sein Leben auch dadurch versäumen, dass man sich unablässig mit dem beschäftigt, das man nicht geführt hat.
Wenn das Glück zur Leistungspflicht wird
Unsere Gegenwart hat die Frage nach dem gelungenen Leben auf eine Weise zugespitzt, die frühere Generationen vermutlich einigermaßen befremdet hätte. Noch nie standen dem Einzelnen zumindest dem Versprechen nach so viele Möglichkeiten offen, seine Existenz nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Und selten wurde ihm so nachdrücklich vermittelt, dass er für deren Gelingen persönlich verantwortlich sei.
Wir sollen unsere Fähigkeiten entfalten, unsere Beziehungen pflegen, unseren Körper gesund erhalten und unsere Zeit sinnvoll nutzen. Selbst das Nichtstun bedarf inzwischen einer Rechtfertigung, vorzugsweise durch seine positive Wirkung auf die psychische Gesundheit. Wer spazieren geht, sollte dabei möglichst seine Achtsamkeit trainieren. Wer sich ausruht, regeneriert seine Leistungsfähigkeit. Und wer einfach nur auf dem Sofa liegt und an die Decke schaut, hat vermutlich noch nicht begriffen, welches Entwicklungspotenzial in ihm schlummert.
Aus dem philosophischen Ideal eines guten Lebens ist beinahe unmerklich ein gesellschaftliches Optimierungsprogramm geworden.
Das Glück erscheint darin nicht mehr als etwas, das sich gelegentlich einstellt, sondern als Ergebnis einer angemessenen Lebensführung. Wer unzufrieden ist, hat offenbar seine Prioritäten falsch gesetzt, seine Möglichkeiten nicht ausreichend genutzt oder versäumt, an sich selbst zu arbeiten.
Diese Vorstellung besitzt eine durchaus grausame Konsequenz. Sie verwandelt selbst das persönliche Unglück in einen individuellen Misserfolg.
Dabei unterschlägt sie, in welchem Maße unser Leben von Voraussetzungen abhängt, die wir uns nicht ausgesucht haben. Niemand entscheidet darüber, in welche Familie er hineingeboren wird, welche Begabungen ihm mitgegeben werden oder welche historischen Umstände seine Existenz prägen. Auch über Krankheit, Verlust und die Entscheidungen anderer Menschen verfügen wir nur in einem sehr begrenzten Umfang.
Natürlich entbindet uns das nicht von der Verantwortung für unser eigenes Handeln. Aber zwischen persönlicher Verantwortung und der Vorstellung einer uneingeschränkten Selbstbestimmung liegt ein Unterschied, den unsere Gegenwart gelegentlich nur ungern zur Kenntnis nimmt.
Vielleicht ist der moderne Mensch nicht deshalb so häufig unzufrieden, weil sein Leben objektiv schlechter geworden wäre. Vielleicht leidet er auch darunter, dass er sich für dessen Unvollkommenheit zunehmend selbst verantwortlich fühlen soll.
Wer sein Leben als Projekt betrachtet, wird irgendwann versucht sein, auch dessen Ergebnis nach den Maßstäben eines Projekts zu beurteilen. Und wo ein Ergebnis erwartet wird, ist das Scheitern niemals weit entfernt.
Würdest du alles noch einmal leben wollen?
Friedrich Nietzsche hat die Frage nach der Bejahung des eigenen Lebens auf eine Weise zugespitzt, die bis heute nichts von ihrer verstörenden Kraft verloren hat. In seinem Gedankenexperiment der ewigen Wiederkunft stellt er sich vor, ein Dämon würde einem Menschen eröffnen, dass er sein Leben unendlich oft wiederholen müsse. Nicht in einer verbesserten Fassung, nicht mit der Möglichkeit, frühere Fehler zu korrigieren, sondern genauso, wie es tatsächlich verlaufen ist.
Jeder Schmerz, jede Enttäuschung und jeder Augenblick des Glücks müsste noch einmal durchlebt werden. Nichts dürfte verändert werden.
Könnten wir dazu Ja sagen?
Nietzsches Frage verlangt mehr als die Feststellung, dass unser Leben im Großen und Ganzen ganz ordentlich verlaufen sei. Sie fordert eine vorbehaltlose Zustimmung zur eigenen Existenz, einschließlich jener Erfahrungen, die wir am liebsten aus unserer Erinnerung streichen würden.
Das ist eine ungeheure Zumutung. Und vielleicht auch eine, an der die meisten Menschen scheitern müssten.
Denn wer möchte ernsthaft behaupten, dass er sämtliche Fehler noch einmal begehen, jeden Verlust erneut erleiden und jede versäumte Gelegenheit ein zweites Mal verstreichen lassen wollte? Schon die Vorstellung, bestimmte Gespräche wiederholen zu müssen, dürfte manchen Menschen genügen, um Nietzsches Dämon höflich, aber bestimmt vor die Tür zu setzen.
Dennoch enthält dieses Gedankenexperiment eine Einsicht, die über seine metaphysische Provokation hinausweist. Es fragt danach, ob wir unser Leben nur unter der Voraussetzung akzeptieren können, dass wir es nachträglich verbessern dürfen.
Vielleicht besteht eine der schwierigsten menschlichen Leistungen gerade darin, die eigene Vergangenheit anzunehmen, ohne sie deshalb nachträglich für richtig erklären zu müssen.
Wir dürfen Entscheidungen bereuen und dennoch mit dem Leben einverstanden sein, das aus ihnen hervorgegangen ist. Wir dürfen Verluste beklagen, ohne unsere gesamte Existenz unter deren Vorzeichen zu stellen. Und wir müssen nicht jede Enttäuschung zu einer notwendigen Erfahrung verklären, nur um mit unserer Biografie Frieden schließen zu können.
Ein Leben zu bejahen bedeutet schließlich nicht, es für fehlerlos zu halten.
Der Sinn, der sich nicht finden lässt
Albert Camus hat die menschliche Sehnsucht nach Sinn mit einer Welt konfrontiert, die auf unsere Fragen keine Antwort gibt. Das Absurde entsteht für ihn aus diesem Widerspruch: Der Mensch verlangt nach einer verständlichen Ordnung, während die Welt ihm keine entsprechende Gewissheit bietet.
Sein Sisyphos, dazu verurteilt, einen Felsblock immer wieder einen Berg hinaufzurollen, ist deshalb weit mehr als die mythologische Verkörperung einer sinnlosen Beschäftigung. Er steht für eine Existenz, die sich ihrer Vergeblichkeit bewusst wird und dennoch nicht aufhört, sich selbst zu behaupten.
Camus fordert uns auf, uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorzustellen.
Man muss diese Vorstellung nicht vorbehaltlos teilen, um ihren befreienden Gedanken zu erkennen. Vielleicht bedarf unser Leben keines übergeordneten Zwecks, dessen Erfüllung wir irgendwann nachweisen müssten. Vielleicht ist bereits die Forderung, unsere Existenz müsse einem bestimmten Ziel dienen, Ausdruck jenes menschlichen Bedürfnisses nach Ordnung, das uns den Zufall so schwer ertragen lässt.
Wir möchten wissen, wofür wir gelebt haben. Aber weshalb sollte es auf diese Frage eine einzige, abschließende Antwort geben?
Möglicherweise hat unser Leben für unterschiedliche Menschen vollkommen unterschiedliche Bedeutungen. Für den einen waren wir eine entscheidende Begegnung, für einen anderen eine flüchtige Episode. Wir haben Menschen geholfen, ohne davon zu erfahren, und andere verletzt, ohne die Tragweite unseres Handelns zu begreifen. Manches, was wir für besonders wichtig hielten, wird folgenlos geblieben sein. Und eine beiläufige Geste, an die wir uns längst nicht mehr erinnern, könnte im Leben eines anderen Menschen eine Bedeutung erlangt haben, von der wir niemals etwas erfahren werden.
Wie wollte man all das in eine abschließende Lebensbilanz aufnehmen?
Vielleicht liegt der Sinn eines Lebens nicht wie ein verborgener Schatz irgendwo am Ende unseres Weges, den wir nur finden müssten, wenn wir aufmerksam genug suchen. Vielleicht entsteht er überhaupt erst im Leben selbst, in unseren Beziehungen zu anderen Menschen, in unseren Erfahrungen und in der Art, wie wir mit dem umgehen, was uns widerfährt.
Dann wäre er allerdings nichts, das sich ein für alle Mal feststellen ließe. Er könnte sich verändern, widersprüchlich bleiben und gelegentlich sogar verschwinden.
Das wäre gewiss weniger beruhigend als die Vorstellung eines vorgegebenen Lebenszwecks. Aber möglicherweise auch ehrlicher.
Die Unmöglichkeit der letzten Bilanz
Je älter wir werden, desto größer scheint die Versuchung, unser Leben einer abschließenden Prüfung zu unterziehen. Was haben wir erreicht? Was ist uns misslungen? Welche Hoffnungen haben sich erfüllt, welche mussten wir begraben?
Die Fragen sind verständlich. Schließlich verändert sich mit zunehmendem Alter das Verhältnis zwischen Vergangenheit und Zukunft. Während der junge Mensch seine Möglichkeiten vor allem vor sich sieht, erkennt der ältere zunehmend, wie viele davon bereits hinter ihm liegen.
Doch auch diese Perspektive ist keineswegs frei von Täuschungen. Wir beurteilen unsere Vergangenheit mit dem Wissen der Gegenwart und vergessen dabei nur allzu leicht, dass uns dieses Wissen früher nicht zur Verfügung stand. Wir werfen unserem jüngeren Ich Entscheidungen vor, die es unter vollkommen anderen Voraussetzungen getroffen hat.
Vielleicht sollten wir mit diesem Menschen etwas nachsichtiger umgehen. Er wusste es schließlich nicht besser. Jedenfalls nicht immer.
Noch grundsätzlicher stellt sich allerdings die Frage, ob sich ein Leben überhaupt bilanzieren lässt. Eine Bilanz setzt vergleichbare Größen voraus, einen Maßstab, nach dem Gewinn und Verlust gegeneinander aufgerechnet werden können. Aber wie viele glückliche Jahre wiegen einen schweren Verlust auf? Welche berufliche Anerkennung entschädigt für eine gescheiterte Beziehung? Und wie sollte man die Bedeutung eines einzigen Augenblicks bemessen, in dem man einem anderen Menschen nahe war?
Es gibt Erfahrungen, die sich jeder Verrechnung entziehen. Wer dennoch versucht, aus ihnen eine abschließende Erfolgsrechnung zu erstellen, verwechselt das Leben mit einer kaufmännischen Unternehmung.
Vielleicht wäre es klüger, auf das endgültige Urteil zu verzichten.
Nicht aus Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen Dasein, sondern aus Respekt vor dessen Widersprüchlichkeit. Ein Mensch kann ein erfülltes Leben geführt haben und dennoch tiefgreifende Enttäuschungen mit sich tragen. Er kann gesellschaftlich gescheitert sein und für andere eine unersetzliche Bedeutung besitzen. Er kann seine Ziele erreicht haben und am Ende feststellen, dass es die falschen waren.
Und selbst diese Feststellung müsste nicht das letzte Wort bleiben.
Vier Minuten und eine ganze Existenz
In Monika Marons Roman „Vier Minuten“ wird die Journalistin Lea Nowak durch einen Unfall aus der Selbstverständlichkeit ihres bisherigen Lebens gerissen. Ihr Herz steht vier Minuten lang still, ehe es gelingt, sie wiederzubeleben. Dass sich zufällig ein Rettungssanitäter in ihrer Nähe befindet, wirft jene Fragen auf, denen wir gewöhnlich erst dann Aufmerksamkeit schenken, wenn unsere Existenz ihre vermeintliche Sicherheit verliert.
War es Zufall, dass sie überlebt hat? Oder steckt hinter diesem Ereignis eine Ordnung, die sich ihrem Verständnis entzieht?
Interessanter als eine mögliche Antwort erscheint mir die gedankliche Bewegung, die daraus entsteht. Denn wer dem Tod begegnet ist, wird nicht zwangsläufig mit der Gewissheit eines höheren Lebenssinns belohnt. Vielleicht erkennt er zunächst nur, wie wenig selbstverständlich seine eigene Existenz ist.
Vier Minuten können genügen, um ein ganzes Leben infrage zu stellen. Sie reichen allerdings nicht aus, um dessen Bedeutung zu erklär en.Und möglicherweise sollten wir auch gar nicht danach verlangen.
Vielleicht ist die Frage nach dem gelungenen Leben am Ende selbst eine jener menschlichen Eitelkeiten, von denen wir uns nur schwer verabschieden können. Selbst angesichts unserer Endlichkeit möchten wir noch wissen, ob wir alles richtig gemacht haben. Wir wünschen uns gewissermaßen ein gutes Abschlusszeugnis für eine Prüfung, deren Aufgabenstellung uns niemand erklärt hat.
Dabei könnte es durchaus sein, dass wir unser Leben gar nicht zu einem gelungenen Ganzen formen müssen. Dass es genügt, uns seinen Möglichkeiten nicht vollständig zu verschließen, Verantwortung für unser Handeln zu übernehmen und die Menschen, mit denen wir unsere begrenzte Zeit verbringen, nicht bloß als Statisten unserer persönlichen Lebensgeschichte zu betrachten.
Das wäre keine Garantie für ein glückliches Leben. Nicht einmal für ein gelungenes. Aber vielleicht eine Möglichkeit, mit dessen Ungewissheit zurechtzukommen.
Wir haben nur dieses eine Leben. Alle anderen existieren ausschließlich in unserer Vorstellung. Wir können das vergangene nicht korrigieren und das zukünftige nicht zuverlässig planen. Was uns bleibt, ist jene eigentümliche Gegenwart, in der wir handeln müssen, obwohl wir niemals sämtliche Folgen unseres Handelns kennen werden.
Vielleicht werden wir eines Tages feststellen, dass vieles anders hätte verlaufen können. Dass wir falsche Entscheidungen getroffen, Menschen verloren und Möglichkeiten versäumt haben. Vielleicht werden wir uns sogar wünschen, noch einmal von vorn beginnen zu dürfen.
Nur eines sollten wir dabei nicht vergessen: Auch das andere Leben, von dem wir dann träumen, hätte uns irgendwann vor dieselbe Frage gestellt.
Ob es gelungen ist.
Und vielleicht hätten wir auch dort keine Antwort gefunden.