Die große Umbenennung

Es gibt Momente, in denen eine Gesellschaft mehr über sich verrät als in tausend Leitartikeln, Regierungserklärungen und Sonntagsreden zusammen. Oft geschieht das nicht durch große politische Entscheidungen, sondern durch kleine sprachliche Verschiebungen, die zunächst harmlos wirken. Ein neues Wort taucht auf, eine vertraute Bezeichnung verschwindet, eine Kategorie wird ersetzt. Wer aufmerksam zuhört, bemerkt dann, dass sich nicht nur die Sprache verändert hat, sondern auch der Blick auf die Wirklichkeit.

Zu diesen aufschlussreichen Verrenkungen gehört die inzwischen gelegentlich anzutreffende Bezeichnung jener Menschen, die man früher schlicht Deutsche nannte. Wo einst ein klarer Begriff stand, findet sich nun bisweilen die Formulierung „Nicht-Migranten“. Auf den ersten Blick mag das wie eine technische, statistische oder wissenschaftliche Kategorie erscheinen. Bei näherem Hinsehen offenbart sich jedoch ein bemerkenswertes kulturpolitisches Kunststück: Die Mehrheit eines Landes wird nicht mehr durch das beschrieben, was sie ist, sondern durch das, was sie nicht ist.

Man muss sich die Eleganz dieser Operation vor Augen führen. Der Deutsche verschwindet nicht etwa aus der Gesellschaft, aus den Steuerstatistiken oder den Warteschlangen deutscher Bürgerämter. Er verschwindet vielmehr aus der Sprache. Aus einer positiven Bezeichnung wird eine Negativdefinition. Der Begriff verweist nicht mehr auf Geschichte, Kultur, Kontinuität oder Zugehörigkeit, sondern lediglich auf das Fehlen eines bestimmten Merkmals. Der Deutsche wird zum Restbestand einer Definition, deren eigentlicher Bezugspunkt längst ein anderer geworden ist.

Gerade darin liegt die eigentliche Pointe. Sprache ordnet Wirklichkeit nie neutral. Sie setzt Zentren und Peripherien, Normen und Abweichungen. Wer Menschen als Deutsche bezeichnet, beschreibt sie von Deutschland aus. Wer dieselben Menschen als Nicht-Migranten bezeichnet, beschreibt sie von der Migration aus. Die Perspektive verschiebt sich nahezu unmerklich, aber folgenreich. Der Migrant wird zum gedanklichen Mittelpunkt der Betrachtung, während der Deutsche nur noch als diejenige Figur erscheint, der eine bestimmte Eigenschaft fehlt.

Nun wäre dies alles kaum der Rede wert, handelte es sich lediglich um eine bürokratische Marotte. Doch die moderne Gesellschaft hat eine eigentümliche Vorliebe entwickelt, ihre politischen Überzeugungen als sprachliche Sachzwänge zu verkleiden. Wo früher offen gestritten wurde, wird heute umbenannt. Wo früher Begriffe verteidigt oder kritisiert wurden, werden neue Begriffe erfunden. Das Ergebnis ist eine Sprache, die vorgibt, nüchtern zu beschreiben, tatsächlich aber bereits eine bestimmte Sichtweise in sich trägt.

Auffällig ist dabei die Asymmetrie. Nahezu jede Identität gilt inzwischen als schützenswert, sichtbar und anerkennungswürdig. Religiöse, ethnische, kulturelle oder sexuelle Zugehörigkeiten werden mit großem moralischem Ernst benannt und hervorgehoben. Nur die historisch gewachsene Mehrheitsidentität begegnet einem eigentümlichen Misstrauen. Sie soll möglichst nicht mehr als selbstverständliche Kategorie erscheinen, sondern als etwas Vorläufiges, Problematisches oder zumindest sprachlich Relativierungsbedürftiges. Der Begriff „Nicht-Migrant“ wirkt deshalb wie das Symptom einer Gesellschaft, die mit der Benennung ihrer eigenen kulturellen Mitte größere Schwierigkeiten hat als mit jeder anderen Form von Zugehörigkeit.

Vielleicht liegt darin auch etwas Tragikomisches. Denn der Versuch, einen Begriff verschwinden zu lassen, beseitigt selten die Wirklichkeit, die er bezeichnet. Er erzeugt meist nur sprachliche Konstruktionen, deren Künstlichkeit mit jedem Gebrauch deutlicher hervortritt. Man kann Menschen selbstverständlich Nicht-Migranten nennen. Man kann sie auch als Personen ohne Migrationserfahrung, als Herkunftskontinuitätsbürger oder als biographisch Sesshafte klassifizieren. Doch mit jeder neuen Wortschöpfung drängt sich dieselbe Frage auf: Wenn am Ende doch jeder weiß, wer gemeint ist, warum vermeidet man dann so sorgfältig das Wort, das jahrzehntelang völlig ausgereicht hat?

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