Die Fallhöhe der Gerechten

I.

Es gibt Worte, die einen eigentümlichen Klang besitzen, obwohl sie kaum noch jemand benutzt. Eines davon ist das Wort gerecht. Es wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen, nach Kanzelsprache und Bibelübersetzung, nach einem Vokabular, das sich lieber mit Tugenden beschäftigte als mit Befindlichkeiten. Gerade deshalb lohnt es sich, einen Augenblick bei ihm zu verweilen. Denn kaum ein anderes Wort beschreibt so präzise jene stille Versuchung, die Menschen seit Jahrtausenden begleitet: nicht einfach recht haben zu wollen, sondern gut zu sein.

Der Unterschied scheint gering. Tatsächlich trennt beide Welten. Wer recht haben möchte, muss argumentieren. Er setzt voraus, dass der andere ihn möglicherweise widerlegt. Wer sich dagegen für gut hält, hat diese Mühe bereits hinter sich gelassen. Das Urteil ist gefällt, ehe das Gespräch begonnen hat. Aus Argumenten werden Bekundungen der Gesinnung, aus Einwänden charakterliche Defizite. Man hört dem Gegenüber nicht mehr zu, um dessen Gedanken zu verstehen, sondern um herauszufinden, auf welcher Seite es steht.

Vielleicht beginnt an genau dieser Stelle jede Form moralischen Autoritarismus. Nicht dort, wo Macht sichtbar wird, sondern dort, wo sie sich hinter Tugend verbirgt.

Die Geschichte besitzt eine eigentümliche Vorliebe für Menschen, die sich selbst zu ihren Lieblingskindern erklären. Kaum eine Epoche kommt ohne sie aus. Sie treten mit der Gelassenheit jener auf, die glauben, das Urteil bereits hinter sich zu haben, obwohl sie ihm erst entgegengehen. Man begegnet ihnen in religiösen Bewegungen ebenso wie in politischen Parteien, unter Revolutionären ebenso wie unter Restauratoren. Sie unterscheiden sich in nahezu allem, nur nicht in der Überzeugung, dass ihre Überzeugung etwas grundlegend anderes sei als die aller anderen.

Vielleicht liegt darin überhaupt das Geheimnis jeder Ideologie. Sie hält sich niemals für eine.

Wer sich ernsthaft für unfehlbar erklärt, verwendet dieses Wort selbstverständlich nicht. Er spricht lieber von Verantwortung, von Haltung oder von historischer Notwendigkeit. Die Sprache ist auf diesem Gebiet außerordentlich erfinderisch. Sie findet immer neue Formulierungen für einen sehr alten Gedanken: Wir irren nicht. Deshalb dürfen wir mehr.

Es wäre nun verführerisch, an dieser Stelle einen kleinen historischen Spaziergang zu unternehmen und die üblichen Verdächtigen aufzurufen. Savonarola, Robespierre, Lenin, Mao, die Galerie jener, die im Besitz einer höheren Wahrheit zu sein glaubten, ist gut gefüllt. Doch das wäre beinahe zu bequem. Wer Autoritarismus ausschließlich in den Katastrophen der Vergangenheit sucht, übersieht seine unscheinbareren Erscheinungsformen. Große Verirrungen kündigen sich selten mit Trommeln an. Meist beginnen sie mit einem kaum wahrnehmbaren Wandel des Tons.

Plötzlich wird Widerspruch unerquicklich. Dann verdächtig. Schließlich unmoralisch.

Man kann den Augenblick kaum bestimmen, in dem eine offene Gesellschaft beginnt, sich gegen ihre eigene Offenheit zu wenden. Es geschieht schleichend, fast höflich. Niemand fordert zunächst Verbote. Man fordert lediglich Verantwortung. Niemand verlangt Schweigen. Man wünscht sich lediglich Sensibilität. Niemand spricht von Ausgrenzung. Es geht bloß darum, bestimmten Stimmen keine Bühne zu bieten. Die Vokabeln klingen vernünftig. Gerade das macht sie so gefährlich. Denn Sprache verändert die Wirklichkeit nicht durch Lautstärke, sondern durch Gewöhnung.

George Orwell hat diesen Mechanismus vielleicht klarer beschrieben als jeder politische Philosoph. Nicht deshalb, weil er Diktaturen schilderte, sondern weil er wusste, dass Macht zuerst die Wörter verändert. Wer Begriffe kontrolliert, muss Gedanken nur noch selten verbieten.

Dennoch wäre es billig, den gegenwärtigen Zustand westlicher Demokratien in die Nähe totalitärer Systeme zu rücken. Geschichte ist kein Kostümfundus, aus dem man sich beliebig Analogien entlehnt. Zwischen einer digitalen Empörungskampagne und einem Schauprozess liegen Welten. Wer beides gleichsetzt, verharmlost das eine wie das andere. Und doch wäre es ebenso töricht zu behaupten, zwischen beiden bestehe keinerlei Verwandtschaft. Nicht in ihren Folgen. Aber in ihrer inneren Logik.

Jede Form moralischer Säuberung beginnt mit der Überzeugung, dass bestimmte Gedanken nicht deshalb falsch seien, weil sie schlechte Argumente besitzen, sondern weil sie von den falschen Menschen geäußert werden. Von dort ist es nur ein kleiner Schritt bis zu jener eigentümlichen Umkehrung demokratischer Kultur, die unsere Gegenwart immer häufiger hervorbringt: Nicht mehr die Aussage entscheidet über ihren Wert, sondern der Sprecher über die Aussage.

Es ist ein bemerkenswerter Wandel. Die Aufklärung lehrte einst, Autoritäten zu misstrauen und Argumente zu prüfen. Heute scheint sich das Verhältnis gelegentlich umzukehren. Argumente werden nach der moralischen Kreditwürdigkeit ihres Urhebers bewertet. Das ist kein Fortschritt. Es ist, wenn man so will, eine Renaissance voraufklärerischen Denkens, nur in zeitgemäßer Verpackung.

Vielleicht erklärt sich daraus auch die eigentümliche Gereiztheit öffentlicher Debatten. Wer ständig um seine moralische Identität kämpft, kann sich Zweifel kaum leisten. Sie wären gefährlich, nicht weil sie falsche Antworten liefern, sondern weil sie das Selbstbild erschüttern könnten. Der Zweifel ist deshalb nicht mehr der Motor des Denkens. Er wird zum Makel.

Dabei verdankt die europäische Geistesgeschichte ihre größten Momente ausgerechnet jenen Männern und Frauen, die sich nicht sicher waren. Sokrates wusste, dass er nichts wusste. Augustinus schrieb ein ganzes Buch über seine inneren Widersprüche. Montaigne machte den Zweifel zu einer Lebensform. Selbst Karl Popper, dessen Name heute gern bemüht und selten gelesen wird, baute seine Philosophie auf einen ebenso einfachen wie verstörenden Gedanken: Gerade weil wir irren können, brauchen wir eine Gesellschaft, in der Irrtümer ausgesprochen werden dürfen.

Vielleicht ist das der eigentliche Prüfstein demokratischer Kultur. Nicht wie sie mit Zustimmung umgeht. Sondern wie sie den Irrtum behandelt. Denn eine Gesellschaft, die Irrtum nicht mehr für möglich hält, braucht irgendwann keine Diskussionen mehr. Sie braucht nur noch Tribunale.

II.

Die eigentliche Tragik moralischer Gewissheit besteht nämlich nicht darin, dass sie andere verurteilt. Gesellschaften müssen urteilen; sie könnten ohne Wertmaßstäbe gar nicht bestehen. Tragisch wird sie erst in dem Augenblick, in dem sie das Urteilen verlernt und stattdessen beginnt, Menschen endgültig zu taxieren. Wer einmal das Etikett des Unmoralischen erhalten hat, dem hilft das bessere Argument nur noch selten. Es wird überhört, bevor es ausgesprochen ist.

In diesem Punkt ähnelt die Gegenwart auf verblüffende Weise den alten Konfessionskriegen. Auch damals stritt man selten über einzelne Glaubenssätze. Man stritt darüber, wer überhaupt noch als glaubwürdig gelten durfte. Das Urteil über die Person verdrängte das Urteil über ihre Gedanken. Der Ketzer war nicht deshalb gefährlich, weil seine Argumente unwiderlegbar gewesen wären, sondern weil seine bloße Existenz die Ordnung infrage stellte.

Vielleicht liegt darin eine anthropologische Konstante. Gemeinschaften definieren sich nicht allein durch das, was sie bejahen. Mindestens ebenso sehr leben sie davon, was sie ausschließen. Jede Gesellschaft braucht ihre Grenzen, und jede politische Bewegung entwickelt irgendwann ein erstaunlich feines Gespür dafür, wer sie überschreitet. Das ist zunächst weder überraschend noch verwerflich. Problematisch wird es erst, wenn aus der Grenzziehung ein moralisches Reinheitsgebot entsteht, das nicht mehr zwischen Irrtum und Schuld unterscheidet. Der Irrtum lässt sich korrigieren. Schuld verlangt Sühne.

Wer diesen Unterschied verwischt, verändert unmerklich die Grammatik öffentlicher Debatten. Plötzlich genügt es nicht mehr, anderer Meinung zu sein. Man muss sich distanzieren, erklären, entschuldigen, bereuen. Das politische Gespräch übernimmt Rituale, die ursprünglich dem Religiösen vorbehalten waren. Der französische Philosoph René Girard hätte darin vermutlich das uralte Muster des Sündenbocks erkannt. Gemeinschaften stabilisieren sich, indem sie jemanden finden, auf den sich ihre moralische Erregung richten kann. Das Opfer wechselt, der Mechanismus bleibt.

Es ist bemerkenswert, wie säkular unsere Gesellschaft geworden ist und wie religiös sie sich bisweilen verhält. Vielleicht erklärt das auch jene eigentümliche Erbarmungslosigkeit, mit der manche Debatten heute geführt werden. Wer sich nicht mehr als politischer Gegner, sondern als moralische Instanz versteht, empfindet Nachsicht beinahe als Verrat an der guten Sache. Vergebung wird zur Schwäche, Differenzierung zum Verdacht. Das Urteil muss eindeutig sein, sonst verliert es seine identitätsstiftende Kraft.

Albert Camus hat einmal geschrieben, jedes große Unheil beginne mit der Überzeugung, im Besitz der Gerechtigkeit zu sein. Es ist einer jener Sätze, die man leicht überliest und erst Jahre später versteht. Denn selbstverständlich braucht jede Gesellschaft Gerechtigkeit. Camus misstraute nicht ihr, sondern den Menschen, die glaubten, sie vollständig zu besitzen. Zwischen dem Streben nach Gerechtigkeit und ihrem Monopol liegt jener schmale Grat, auf dem Freiheit entweder wächst oder zugrunde geht.

An dieser Stelle lohnt sich ein Blick auf Nicolas Potter. Nicht weil sein Buch eine endgültige Antwort gäbe, sondern weil es eine bemerkenswerte Erfahrung beschreibt. Potter ist kein konservativer Publizist, der seit Jahren gegen linke Identitätspolitik anschreibt. Er stammt selbst aus jenem politischen Milieu, dessen autoritäre Entwicklungen er nun untersucht. Gerade das verleiht seiner Beobachtung eine besondere Glaubwürdigkeit. Er schreibt nicht über ein fremdes Land. Er beschreibt den Verlust einer Heimat.

Sein Ausgangspunkt ist bekannt. Nach dem barbarischen Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 bekannte er sich öffentlich zur Solidarität mit dem jüdischen Staat. Früher hätte ein solcher Satz kaum Aufsehen erregt. Heute genügte er, um aus einem politischen Verbündeten einen Verräter zu machen. Potter berichtet von Diffamierungen, öffentlichen Prangeraktionen, Einschüchterungen und Morddrohungen. Wer diese Passagen liest, spürt rasch, dass hier keine rhetorischen Übertreibungen vorliegen. Wo Menschen Gewalt ankündigen oder andere zum Schweigen bringen wollen, endet jede feuilletonistische Ironie. Freiheit der Rede ist keine ästhetische Kategorie. Sie ist eine Voraussetzung demokratischer Kultur.

Und doch beginnt die eigentliche Geschichte erst hinter diesen Ereignissen.

Denn Potters Erschütterung gilt nicht allein der Aggressivität seiner Gegner. Sie gilt deren Identität. Er hatte offenbar nicht damit gerechnet, dass ausgerechnet jene politische Familie, mit der er sich über Jahre verbunden fühlte, ihn eines Tages aus ihrem Kreis ausschließen würde. Darin liegt etwas beinahe Tragisches. Nicht, weil ihm Unrecht widerfuhr – das steht außer Frage –, sondern weil sein Erstaunen erkennen lässt, wie selbstverständlich auch kluge Menschen dazu neigen, die Mechanismen einer Bewegung erst dann vollständig zu begreifen, wenn sie selbst unter ihre Räder geraten. Vielleicht ist genau das die eigentliche Ironie seines Buches.

Es beschreibt mit großer Präzision einen autoritären Reflex, dessen Existenz viele Beobachter seit Jahren beklagen. Nur schien dieser Reflex lange Zeit vor allem andere zu treffen. Professoren, deren Vorträge verhindert wurden. Autoren, deren Lesungen unter Polizeischutz stattfinden mussten. Wissenschaftler, die nicht wegen schlechter Forschung, sondern wegen unerwünschter Positionen aus dem Diskurs gedrängt werden sollten. All dies war bereits sichtbar. Doch Sichtbarkeit ist offenbar nicht dasselbe wie Erfahrung. Erst wenn die Flammen das eigene Haus erreichen, entdeckt man bisweilen, dass der Brand schon lange wütete.

III.

Vielleicht liegt darin überhaupt eine der merkwürdigsten Eigenarten menschlicher Erkenntnis. Wir erkennen allgemeine Zusammenhänge oft erst dann, wenn sie uns persönlich widerfahren. Solange Unrecht den anderen trifft, besitzt es etwas Abstraktes. Man registriert es, vielleicht missbilligt man es sogar, doch es bleibt auf Distanz. Erst die eigene Erfahrung verleiht ihm jene Schärfe, die aus einer Beobachtung eine Einsicht macht.

Nicolas Potter ist damit keineswegs allein. Wahrscheinlich verhält sich jeder Mensch so. Auch der Philosoph bleibt zunächst Kind seiner Zeit, ehe er ihr Kritiker wird. Insofern wäre es billig, Potter vorzuwerfen, sein Blick habe sich erst geweitet, als die Einschläge näher kamen. Interessanter ist die Frage, warum dieses Muster so regelmäßig wiederkehrt.

Vielleicht weil politische Milieus ihre Mitglieder nicht nur mit Überzeugungen versorgen, sondern auch mit Wahrnehmungen. Jede Gemeinschaft entscheidet stillschweigend darüber, worüber gesprochen wird und worüber lieber nicht. Sie bestimmt, welches Unrecht Empörung verdient und welches als bedauerlicher Einzelfall gelten darf. Auf diese Weise entstehen blinde Flecken, die ihre Besitzer oft erst bemerken, wenn sie selbst in ihnen verschwinden. Man könnte es auch weniger freundlich formulieren: Jeder Stamm schreibt seine eigene Moral.

Es gehört zu den bemerkenswertesten Leistungen moderner Ideologien, dass sie ihre Anhänger glauben lassen, sie hätten sich gerade von jeder Stammesmoral befreit. Tatsächlich tauschen sie häufig nur das alte Lagerfeuer gegen ein neues aus. Die Geschichten ändern sich, die Mechanismen bleiben erstaunlich konstant. Loyalität wird belohnt, Abweichung sanktioniert, und wer die gemeinsame Erzählung in Frage stellt, verliert nicht selten mehr als nur eine Diskussion. Er verliert Zugehörigkeit.

Vielleicht erklärt sich daraus jene eigentümliche Härte, mit der innerparteiliche oder innerideologische Konflikte geführt werden. Der Gegner außerhalb des eigenen Lagers bestätigt das vertraute Weltbild. Der Abweichler im Inneren erschüttert es. Deshalb galt der Häretiker in der Geschichte fast immer als gefährlicher als der Heide. Der Heide stand außerhalb der Ordnung. Der Ketzer kannte sie von innen.

Es wäre deshalb ein Missverständnis, Potters Buch lediglich als Abrechnung mit einer radikalisierten Linken zu lesen. Es erzählt, ob beabsichtigt oder nicht, noch eine zweite Geschichte. Es erzählt vom Schock eines Menschen, der entdecken muss, dass moralische Ausschlussmechanismen nicht erst dann entstehen, wenn sie sich gegen ihn richten. Sie waren längst vorhanden. Nur galten sie zuvor den anderen.

Hier beginnt der einzige Vorbehalt, den man gegenüber Potters Analyse anmelden kann und gerade weil sein Buch so viele kluge Beobachtungen enthält, fällt er umso deutlicher ins Gewicht. Der Autor beschreibt mit großer Präzision die autoritären Reflexe eines Milieus, das sich selbst als besonders aufgeklärt versteht. Er benennt Netzwerke, Sprachmuster und politische Rituale. Was er jedoch weitgehend ausspart, ist die Tatsache, dass dieselben Instrumente der sozialen Ächtung seit Jahren auch gegen Menschen eingesetzt wurden, deren politische Positionen außerhalb seines eigenen Erfahrungshorizonts lagen.

Man muss konservative Publizisten nicht mögen, um einzuräumen, dass Vorträge verhindert wurden. Man muss die Positionen einzelner Professoren nicht teilen, um zu bedauern, dass ihre Veranstaltungen unter Polizeischutz stattfinden mussten. Und man muss wahrlich kein Freund jeder bürgerlichen Stimme sein, um zu erkennen, dass Ausladung, Einschüchterung und moralische Brandmarkung längst zum Inventar öffentlicher Auseinandersetzungen gehörten, bevor Nicolas Potter selbst zum Ziel wurde.

Vielleicht liegt gerade hier der eigentliche Prüfstein liberaler Gesinnung. Sie zeigt sich nicht darin, wie leidenschaftlich wir die Freiheit derjenigen verteidigen, die unserer eigenen Überzeugung nahestehen. Das ist vergleichsweise einfach. Ihr Ernst erweist sich dort, wo wir bereit sind, dieselbe Freiheit auch jenen zuzugestehen, deren Ansichten wir für irrig, unerquicklich oder sogar unerquicklich falsch halten. Freiheit besitzt keine politische Lieblingsfarbe. Sobald sie beginnt, zwischen den Richtigen und den Falschen zu unterscheiden, hat sie aufgehört, Freiheit zu sein.

Albert Camus notierte einmal, die Freiheit sei nichts anderes als die Chance, besser zu werden. Der Satz wirkt heute beinahe altmodisch. Vielleicht deshalb, weil unsere Gegenwart Freiheit immer häufiger als Belohnung für moralisches Wohlverhalten versteht. Wer als tugendhaft gilt, darf sprechen. Wer unter Verdacht gerät, verliert zunächst die Bühne und später bisweilen sogar die Berechtigung, überhaupt gehört zu werden.

Es ist eine seltsame Entwicklung. Ausgerechnet jene Gesellschaften, die sich ihrer Offenheit rühmen, scheinen bisweilen das größte Misstrauen gegenüber der offenen Debatte entwickelt zu haben. Man verwechselt Widerspruch mit Gefahr, Dissens mit Delegitimierung und Kritik mit Feindschaft. Dabei war die liberale Demokratie nie deshalb stark, weil alle dieselbe Meinung vertraten. Sie war stark, weil sie den Streit über Meinungen aushielt.

Vielleicht ist das die eigentliche Lehre, die sich aus Potters Buch ziehen lässt und sie reicht weit über seinen Gegenstand hinaus. Autoritäre Versuchungen entstehen nicht erst an den politischen Rändern. Sie wachsen bevorzugt dort, wo Menschen sich einreden, gegen sie immun zu sein. Gerade die Überzeugung, auf der Seite des Guten zu stehen, macht anfällig für die Illusion, die eigenen Mittel könnten gar nicht autoritär sein. Denn, und das ist vielleicht die älteste List der Macht: Sie tritt selten als Macht auf. Sie erscheint als Moral.

IV.

Vielleicht täuscht uns die Gegenwart auch deshalb so oft, weil sie sich für einzigartig hält. Jede Generation ist überzeugt, an einem historischen Wendepunkt zu leben. Das ist verständlich. Man erlebt schließlich nur die eigene Zeit unmittelbar. Die vergangenen Jahrhunderte liegen ordentlich sortiert zwischen Buchdeckeln, während die Gegenwart täglich neue Unordnung produziert. Aus dieser Nähe entsteht leicht die Vorstellung, die eigenen Konflikte seien beispiellos. Das sind sie selten.

Schon Thukydides bemerkte, dass sich die menschliche Natur langsamer verändert als die politischen Systeme, die sie hervorbringt. Wer seine Geschichte liest, erkennt dieselben Leidenschaften, dieselben Eitelkeiten, dieselben Mechanismen der Ausgrenzung, die uns heute beschäftigen. Die Namen wechseln, die Banner wechseln, die Parolen wechseln. Der Mensch bleibt sich mit einer beinahe rührenden Beharrlichkeit ähnlich.

Vielleicht erklärt das auch, weshalb jede Epoche ihre eigenen Gerechten hervorbringt. Nicht weil sie besonders tugendhaft wären, sondern weil moralische Gewissheit ein erstaunlich angenehmer Zustand ist. Sie erspart jene Anstrengung, die Denken eigentlich ausmacht. Wer sich seiner Sache vollkommen sicher ist, muss weder zuhören noch abwägen. Er verwaltet nur noch Urteile, die längst feststehen. Darin liegt die eigentliche Versuchung. Nicht Macht korrumpiert zuerst. Gewissheit tut es. Macht ist häufig nur ihre späte Konsequenz.

Deshalb beginnt Autoritarismus selten mit Verboten. Er beginnt mit einer Veränderung des Blicks. Der andere wird nicht mehr als Gesprächspartner wahrgenommen, sondern als Hindernis. Seine Argumente verlieren ihre Bedeutung, weil seine Person bereits beurteilt wurde. Man begegnet ihm nicht mehr mit Neugier, sondern mit Diagnose. Es ist ein erstaunlicher Vorgang. Aus politischem Dissens wird moralische Minderwertigkeit. Der Mensch verschwindet hinter seinem Etikett.

Nicolas Potters Buch beschreibt einen Ausschnitt dieser Entwicklung mit großer Klarheit. Gerade weil sein Blick aus dem Inneren eines Milieus stammt, besitzt er eine Glaubwürdigkeit, die dem bloßen Außenstehenden häufig fehlt. Seine Schilderung ist nicht die Abrechnung eines Gegners, sondern die Ernüchterung eines Beteiligten. Vielleicht erklärt gerade das ihre Wirkung. Und doch liegt die eigentliche Bedeutung des Buches an einer anderen Stelle.

Es erinnert unfreiwillig daran, dass moralische Ausschlussmechanismen niemals dauerhaft auf ihre ursprünglichen Gegner beschränkt bleiben. Wer einmal gelernt hat, Menschen nach dem Grad ihrer ideologischen Reinheit zu sortieren, wird früher oder später auch innerhalb der eigenen Reihen Unterschiede entdecken. Jede Orthodoxie kennt diesen Moment. Sie beginnt mit der Abgrenzung nach außen und endet mit der Säuberung nach innen. Nicht aus Bosheit. Sondern aus einer Logik, der sie sich irgendwann selbst nicht mehr entziehen kann.

Vielleicht ist das die eigentliche Tragik aller Bewegungen, die sich für besonders tugendhaft halten. Sie bemerken oft erst sehr spät, dass sie nicht an der Intoleranz ihrer Gegner scheitern, sondern an der eigenen Unfähigkeit, Widerspruch als etwas anderes zu begreifen als Verrat.

Der große französische Essayist Michel de Montaigne schrieb einmal, die sicherste Eigenschaft des Menschen sei seine Fähigkeit, sich zu irren. Man könnte hinzufügen: Seine gefährlichste Eigenschaft besteht darin, diese Fähigkeit ausgerechnet bei sich selbst zu vergessen.

Darin unterscheidet sich die liberale Gesellschaft von jeder ideologischen Gemeinschaft. Sie lebt nicht von der Annahme, die besseren Menschen hervorzubringen. Sie lebt von einer weit bescheideneren Einsicht: dass auch der eigene Irrtum möglich ist. Diese Bescheidenheit wirkt auf den ersten Blick unerquicklich. Sie besitzt weder den Glanz großer Gewissheiten noch die Wärme geschlossener Weltbilder. Aber gerade deshalb schützt sie die Freiheit. Nicht weil sie immer recht hätte, sondern weil sie niemandem das letzte Wort über Wahrheit und Moral überlässt.

Vielleicht ist Liberalität überhaupt nichts anderes als institutionalisierter Zweifel. Das klingt wenig heroisch. Ist es auch. Aber Demokratien sind selten an zu wenig Heldentum zugrunde gegangen. Gefährlicher waren fast immer jene, die sich berufen fühlten, Geschichte zu vollenden.

Es gibt ein altes Sprichwort, nach dem Hochmut vor dem Fall kommt. Das ist vermutlich richtig, beschreibt aber nur die halbe Wahrheit. Hochmut stürzt nicht deshalb so tief, weil seine Gegner besonders stark wären. Er stürzt tief, weil er sich selbst auf einen Sockel gestellt hat. Wer sich über die anderen erhebt, gewinnt zunächst einen besseren Überblick. Irgendwann verliert er den Kontakt zum Boden.

Vielleicht ist das Podest überhaupt die treffendste Metapher unserer Zeit. Es wird nicht von Feinden errichtet. Man baut es selbst. Stein für Stein, aus Zustimmung, öffentlichem Beifall und der angenehmen Gewissheit, auf der richtigen Seite zu stehen. Von dort oben wirkt die Welt übersichtlich. Die eigenen Urteile erscheinen selbstverständlich. Kritik klingt wie Missgunst, Zweifel wie Schwäche.

Bis eines Tages jemand am Sockel rüttelt. Dann zeigt sich, dass das Gefährliche nie die Höhe war. Es war die Überzeugung, sie für einen natürlichen Ort zu halten. Denn wer glaubt, dauerhaft über den anderen stehen zu können, hat bereits vergessen, was ihn überhaupt erst zum Menschen macht.

Nicht seine Gewissheiten. Seine Fähigkeit, an ihnen zu zweifeln.

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