Zur Tragik der durchschauten Neurose
„Das war das kleine, schmutzige Geheimnis der Psychiatrie: Man konnte seine eigene Neurose, seine eigene Zwanghaftigkeit und seine eigenen Fetische durchschauen, ihren Ursprung erkennen, ohne dass es einem half, sich davon zu befreien.“ (Giles Blunt, Kanadische Nächte)
In diesem Satz offenbart sich eine bittere Wahrheit über das Wesen der Selbsterkenntnis: Sie ist kein Allheilmittel. Die Vorstellung, dass Einsicht Heilung bringe, entstammt einem aufklärerischen Ideal, das Wissen mit Fortschritt, mit Besserung, ja mit Erlösung gleichsetzt. Doch die menschliche Psyche ist kein rationaler Apparat, der sich durch bloße Analyse umprogrammieren lässt. Vielmehr gleicht sie einem Labyrinth aus Erinnerungen, Affekten, unbewussten Loyalitäten und körperlich verankerten Mustern, das sich nicht einfach durch den Lichtkegel des Verstehens auflösen lässt. Weiterlesen